«Das Nullwachstum in der Schweiz war ein Ausreisser»

UBS-Chefökonom Daniel Kalt im Gespräch über schlechtes Wachstum, die Politik der Europäischen Zentralbank und die Rolle der SNB in der Eurokrise.

«Wir sind überzeugt, dass die Schweiz in den kommenden Quartalen durchaus wachsen wird»: UBS-Chefökonom Daniel Kalt. (Archivbild)

«Wir sind überzeugt, dass die Schweiz in den kommenden Quartalen durchaus wachsen wird»: UBS-Chefökonom Daniel Kalt. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Herr Kalt, die Europäische Zentralbank hat gestern ihre Geldpolitik weiter gelockert. Wie beurteilen Sie diesen Schritt? EZB-Chef Draghi hat die Märkte mit einer weiteren, wenn auch symbolischen Zinssenkung überrascht und damit den Euro weiter schwächen können. Ausserdem will die EZB verbriefte Firmenkredite aufkaufen, sogenannte ABS (asset-backed securities). Das wäre dann quasi das, was man als ein «Quantitative Easing» für den Privatsektor bezeichnen könnte. Die Hoffnung dahinter ist eine Ankurbelung der Vergabe von Firmenkrediten in der Eurozone. Man kann sich allerdings fragen, wie viel das nützt. Denn die Kredite sind heute schon günstig, und man kann die Unternehmen ja nicht zwingen, sich zu verschulden.

Welche Möglichkeiten bleiben EZB-Präsident Mario Draghi denn künftig noch? Die nächste Eskalationsstufe wäre dann der Kauf von Staatsanleihen durch die EZB. Draghi hat klar signalisiert, dass er – sollte sich die Lage in Europa weiter verschlechtern – nicht davor zurückschrecken wird. Aber es ist auch ihm klar, dass die Geldpolitik strukturelle Reformen nicht ersetzen kann.

Was ist Ihre Einschätzung, wie es in der Schweiz weitergeht? Wir werden unsere Prognose für das BIP-Wachstum der Schweiz von aktuell 2,1 Prozent im 2014 deutlich nach unten korrigieren. Nach einem Nullwachstum im zweiten Quartal müssten wir, um die 2,1 Prozent noch zu erreichen, in der zweiten Jahreshälfte ein extrem hohes Wachstum hinlegen.

Welches sind Ihre grössten Sorgen im Hinblick auf die Schweiz? Ich glaube, das Nullwachstum im zweiten Quartal war ein Ausreisser. Wir sind überzeugt, dass die Schweiz in den kommenden Quartalen durchaus wachsen wird. Kurzfristig mache ich mir keine allzu grossen Sorgen.

Und längerfristig? Da gibt es schon ein paar Dinge, die einen negativen Einfluss haben könnten. Obwohl wir im WEF-Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit gerade wieder auf dem ersten Platz gelandet sind, hat der Ruf der Schweiz als berechenbarer und stabiler Standort gelitten. Es sind auf politischer und institutioneller Ebene verschiedene Unsicherheitsfaktoren dazugekommen: Die durch die Masseneinwanderungsinitiative infrage gestellte Beziehung zur EU, die Ecopop-Initiative, die Erbschaftssteuerinitiative, die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen … Wenn ich mit Leuten spreche, die sich in der Standortförderung engagieren, bekomme ich zu hören, dass das Interesse an der Schweiz als Standort nachgelassen hat.

Was kommt an der Währungsfront auf uns zu? Das ist eine weitere Baustelle. Erst gerade hat der Euro wieder die kritische Schwelle von 1,2050 Franken kurzzeitig unterschritten. Falls Europa weiter schwächelt und die Situation in der Ukraine eskaliert, könnte es durchaus sein, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) wieder intervenieren muss, um den Franken zu schwächen. Die SNB ist in die Ecke gedrängt. Erst wenn die Wirtschaft in Europa nachhaltig auf Wachstumskurs kommt, der Euro wieder stärker wird und der Franken vielleicht wieder Richtung 1.30 Franken tendiert, kann sich die SNB überlegen, behutsam Devisenreserven zu verkaufen und ihre Bilanz zu verkleinern. Um mit einem baldigen Eintreffen dieses Szenarios zu rechnen, müssen Sie allerdings ein extremer Optimist sein.

Sie sind es nicht. Nein, ich denke, es wird noch zwei bis drei Jahre dauern, bis die SNB auch nur daran denken kann, die Mindestkurspolitik aufzugeben. Bis dahin wird sie bei Bedarf weiterhin unbegrenzt Euro kaufen müssen – und damit sozusagen als dritter, nach oben unlimitierter Rettungsschirm für den Euro fungieren.

Fairerweise muss man sagen, dass es nicht wirklich eine Alternative dazu gibt. Die Alternative wäre gewesen, nichts zu machen. Damit hätte man vermutlich eine tiefe Rezession in der Exportwirtschaft verursacht und wohl 200 000 Arbeitsplätze vernichtet. Das war für die SNB eine schwierige Güterabwägung.

Beim Dollar … … erwarten wir grundsätzlich eine Stärkung gegenüber dem Euro und somit auch gegenüber dem Franken – irgendwo zwischen 95 Rappen und einem Franken innerhalb von sechs bis zwölf Monaten.

Was empfehlen Sie derzeit den Anlegern im Bereich Aktien? Seit über einem Jahr schon empfehlen wir, in der Schweiz auf mittelgrosse Unternehmen zu setzen, die im SMIM-Index gruppiert sind. Diese Firmen haben starke Bilanzen und gute Dividendenrenditen.

Erwarten Sie keine stärkere Korrektur an den Märkten anhand der diversen politischen Unsicherheiten? Solange es nicht zu einem grossflächigen, offenen Krieg zwischen Russland und der Ukraine kommt, nein. Als es Anfang August Rückschläge gegeben hat, haben wir das als Kaufgelegenheit eingeschätzt und lagen damit bisher richtig. Ich gehe davon aus, dass auch Russland die Situation nicht aus dem Ruder laufen lassen, sondern eine Art kontrollierte Unsicherheit aufrechterhalten will. Damit will Putin ein Signal an die übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken senden, dass eine Annährung an die EU oder gar die Nato im Chaos enden wird.

Ein Wort noch zu den Obligationenmärkten. Die sind für den konservativen Schweizer Anleger schlicht ein Albtraum. Es ist ein extrem schwieriges Umfeld. Die zehnjährigen Bundesanleihen werfen gerade noch 0,4 Prozent ab. Wenn wir in ein paar Jahren aufgrund der grossen Liquidität im Markt doch etwas Inflation haben, wird der Anleger kalt enteignet. Das ist das, was man Finanzrepression nennt.

Wie kann man dem entgegenwirken? Es kann für Obligationenanleger sinnvoll sein, dosiert auch noch andere Anleihen ins Portfolio zu nehmen wie zum Beispiel Unternehmensanleihen oder sogar US-amerikanische Junk-Bonds. Letzteres allerdings nur für Anleger, die auch bei Anleihenengagements etwas höhere Preisschwankungsrisiken eingehen können.

Basler Zeitung

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