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Die ökonomische Horrorshow

Steht Europa vor dem Zusammenbruch? Vor den Parlamentswahlen präsentiert sich die Wirtschaftsliteratur ebenso verwirrt wie die Wählerschaft in Europa.

Furchteinflössendes Finanzsystem: Graffiti vor der Europäischen Zentralbank. (3. Juli 2013)
Furchteinflössendes Finanzsystem: Graffiti vor der Europäischen Zentralbank. (3. Juli 2013)
Reuters
Die Populärliteratur befeuert die Angst: «Dr. Dax» Dirk Müller prophezeit einen grossen Crash. (13. Oktober 2008)
Die Populärliteratur befeuert die Angst: «Dr. Dax» Dirk Müller prophezeit einen grossen Crash. (13. Oktober 2008)
Keystone
Wollte die «Sünder» aus Griechenland aus dem Euro werfen: Ökonom Hans-Werner Sinn. (2. September 2011)
Wollte die «Sünder» aus Griechenland aus dem Euro werfen: Ökonom Hans-Werner Sinn. (2. September 2011)
Keystone
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«Der Crash ist die Lösung: Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten.» So heisst das aktuell meistverkaufte Sachbuch bei Thalia. Eine Bankersilhouette vor fallenden Börsenkursen ziert das Cover. Auf dem Klappentext steht: «Alle Massnahmen zur Banken-, Länder- und Eurorettung laufen auf volkswirtschaftliche Schadensmaximierung und den Staatsbankrott Deutschlands hinaus.»

Der Crash als Lösung – ein Titel, der den derzeitigen Gemütszustand treffend beschreibt. Die Börse boomt, die Menschen zweifeln, die Politik ist ratlos, die Eurokritiker haben Zulauf. Braucht es einen radikalen Neuanfang? Die Frage treibt auch Wirtschaftsliteratur um.

Donald Duck auf dem Führerstand

Und zwar obsessiv. Munter wird dabei Öl ins Feuer gegossen, besonders von deutscher Seite. Etwa durch Dirk Müller, auch bekannt als «Dr. Dax». Sein Buch «Showdown» belegt Platz vier der Charts im «Managermagazin». Der Bankrott der USA stehe bevor, prophezeite Müller bereits 2011. «Ob das in sechs Monaten oder in sechs Jahren passiert, kann niemand sagen». Heute sagt er Europa eine Hyperinflation voraus.

«Wir stehen nicht am Ende, sondern erst am Anfang der grossen Finanzkrise», schreibt Malte Heynen, ein ehemaliger «Gallileo»-Journalist, in «Der Raubzug der Banken». Das war 2012. Wolfgang Arnold, ein Fernsehautor und Journalist, evoziert das Bild eines anrollenden Zuges. «Es spielt überhaupt keine Rolle, ob eine Frau, ein Mann, eine riesige Kröte oder Donald Duck auf dem Führerstand stehen», lauten die ersten Zeilen seines Buches «S.O.S. Germany». Geldentwertung, Börsencrash, staatliche Enteignung – die Populärliteratur bekommt davon nicht genug.

Die Perle im ökonomischen Gruselkabinett ist «2018 – Deutschland nach dem Crash» von Guido Grandt. Der freischaffende Journalist beschreibt den Untergang dort sehr plastisch. Phase eins ist der «Kollaps», Phase zwei heisst «Überleben», Phase drei ist die «Währungsreform». Bei Grandt gibt es den Bürgerkrieg, das Internierungslager für Wutbürger und die Wiedereinführung der Todesstrafe. Chinas Staatspräsident kommentiert die Krise per Liveschaltung, und auch die Schweiz kommt vor. Sie bietet 1600 Militärpolizisten zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms auf.

Vor dem finanziellen Fukushima

Die Horrorvisionen sind Ausdruck der Frustration. «Wir empören uns», sagen Matthias Weik und Marc Friedrich, die Autoren des eingangs erwähnten Crash-Buchs. Im Gespräch wettern sie über die EZB, die «unsere Altersvorsorge zerstört», und kritisieren das Zins- und Zinseszinssystem. «Seit 2008 hat sich nichts verändert», monieren die Betriebswirte. «Erstmal gibt es einen deflationären Schock und dann eine Hyperinflation.» Weik und Friedrich kommen aus Stuttgart. Wie viele Schwaben und fast alle Eurokritiker bewundern sie die Schweiz für ihre Direktdemokratie.

Angst macht weniger das Szenario, das die Beiden feilbieten. Am meisten besorgt die Tatsache, dass Friedrich und Weik eigentlich vernünftige Leute sind. Unter anderem fordern sie höhere Kapitalquoten für Too-big-to-fail-Banken, weniger hohe Bankerboni und einen Marshallplan für Südeuropa: Dinge, die tatsächlich Sinn machen würden. Weik und Friedrich halten auch nichts von der AfD, von Marine Le Pen und Nigel Farage. Dennoch lassen sie sich zu Extrempositionen hinreissen. Für ein besseres System brauche es erst ein «finanzielles Fukushima», sagen sie.

Ideologische Irrwege

Horrorvisionen statt Erklärungen; Fakten statt Theorie. Der Amoklauf der Sachbuchautoren liegt auch am Versagen von Autoritäten wie Deutschlands bekanntem Krisenökonomen Hans-Werner Sinn. Er wartet in seinem neuen Buch «Gefangen im Euro» zwar mit konstruktiven Vorschlägen auf – etwa mit einer grossen Konferenz, bei der «alle Schulden der Krisenländer auf den Tisch gelegt werden» und sodann über einen Schnitt verhandelt wird. Auch über die künftige Konkursordnung für Staaten oder den «atmenden Euro», den er fordert, liesse sich diskutieren.

Das Problem ist, dass Sinn während der Krise stets als Hardliner auftrat. Sinn stempelte die Krisenstaaten als Sünder ab und liess an Institutionen wie der EZB kein gutes Haar. Diese bis ins Kanzleramt populäre Haltung befeuerte nicht nur die populärwissenschaftlichen Irrungen, sondern verhinderte auch eine rasche Entschärfung der Eurokrise.

Alarmismus auf allen Seiten

«Raus aus Papierwerten und rein in Sachwerte» raten die Autoren Weik und Friedrich heute. «Der Tsunami kommt bereits.» Dass Bürger heute solche Ratschläge erhalten, dafür sind die etablierten Volkswirte mit verantwortlich. Während der Krise bekämpften sie sich mit Aufrufen und Gegenaufrufen; die ideologischen Grenzen bleiben starr.

So kommt das Wort «Liberalisierung» in Heiner Flassbecks neuem, 113-seitigen Buch gerade ein einziges Mal vor. «66 starke Thesen zum Euro, zur Wirtschaftspolitik und zum deutschen Wesen» ist zwar stringent, aber weltanschaulich einseitig geschrieben. Wenn Flassbeck von Reformen spricht, dann stets in Anführungszeichen und meist mit dem Zusatz «neoliberal» - als ob die Strukturen in Italien und anderswo tatsächlich tiptop in Ordnung wären.

«In Deutschland herrscht grosse Rat- und Orientierungslosigkeit», sagt Nicolaus Heinen, ein Politikanalyst. Der 34-Jährige hat mit «Mut und Wille» soeben ein eigenes Buch veröffentlicht, in dem er sein Rezept gegen die Krise darlegt: mehr Teilhabe, mehr Wagniskultur. «Europa hat nicht mehr viel Zeit.»

Der Ökonom als Apokalyptiker: Das erstaunliche ist, dass keiner vor Alarmismus gefeit ist. Auch nicht Heiner Flassbeck, der eine «geistige Wende» fordert. «Gelingt sie nicht, ist das wirtschaftliche System, in dem wir leben, am Ende.»

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