Die Wahl von Christine Lagarde ist auch gut für die Schweiz

Die designierte EZB-Chefin hat Erfahrungen mit Krisen und die Fähigkeit zu vermitteln. Wenn es ihr gelingt, Europa zu stabilisieren, nützt das auch der Schweiz.

Christine Lagarde kann der EZB zu einer grösseren Legitimität und Glaubwürdigkeit verhelfen. Foto: Mast Irham/Keystone

Christine Lagarde kann der EZB zu einer grösseren Legitimität und Glaubwürdigkeit verhelfen. Foto: Mast Irham/Keystone

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Die Entscheidung der EU-Staatschefs, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Christine Lagarde zur Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) machen zu wollen, hat für die Wirtschaft Europas eine enorme Bedeutung – auch für die Schweiz.

Zum einen ist unsere Wirtschaft sehr eng mit jener Europas verzahnt. 60 Prozent des Schweizer Aussenhandels wickeln wir über die EU ab, bei Dienstleistungen sind es 53 Prozent. Drei Viertel aller Direktinvestitionen im Ausland gehen nach Europa.

Gerät die Eurozone in eine schwere Krise wie in den Jahren 2011 und 2012, kann sich die Schweiz dem nicht entziehen. Und die einzige Institution, die solche Krisen meistern kann, ist und bleibt weiterhin die EZB. Und wie wichtig es ist, wer sie führt, hat ihr bald abtretender Chef Mario Draghi damals bewiesen. Nur seinem entschlossenen Vorgehen ist es zu verdanken, dass die Krise überwunden wurde und die Eurozone nicht auseinanderbrach.

Grösste Bedeutung hat das Handeln der EZB für die Schweizerische Nationalbank (SNB). Diese kann gar nicht anders, als die Krisenpolitik der EZB mit offenen Geldschleusen und Tiefstzinsen nachzuvollziehen, wenn sie keine massive Aufwertung des Frankens zum Euro riskieren will.

Das SNB-Präsidium hätte deshalb wohl lieber Jens Weidmann als Draghi-Nachfolger gesehen statt Christine Lagarde. Der Chef der deutschen Bundesbank und bisherige Anwärter für den Job hat Draghis Krisenpolitik immer wieder kritisiert. SNB-Chef Thomas Jordan und Weidmann verstehen sich nicht nur bestens, sie sind in Fragen der Geldpolitik auch weitgehend einig. Mit Weidmann – so dürften einige mutmassen – wäre ein Abschied von Übeln wie Negativzinsen und Devisenmarktinterventionen schneller zu haben. Eine Normalisierung der Geldpolitik ist aber kein Selbstzweck. Die Politik der EZB ist letztlich nur die leider notwendige Antwort auf die anhaltende wirtschaftliche und politische Instabilität der Eurozone.

Christine Lagarde ist weder Ökonomin noch Geldpolitikerin – das kritisieren einige. Doch an entsprechenden Experten fehlt es der EZB nicht. Nichts ist in der Eurozone jetzt aber wichtiger als eine grössere Legitimität und Glaubwürdigkeit dieser bedeutendsten Institution. Und hier liegt das Potenzial von Lagarde: Sie hat Erfahrungen mit Krisen, die Fähigkeit zu vermitteln, zu erklären und zu überzeugen. Wenn es ihr gelingt, Europa zu stabilisieren, nützt das auch der Schweiz. Sie ist eine gute Wahl.

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