Zum Hauptinhalt springen

Draghi folgt auf Trichet

Der italienische Notenbanker Mario Draghi wird Präsident der Europäischen Zentralbank. Dafür muss ein anderes italienisches Direktoriumsmitglied seinen Platz räumen.

Im Gleichschritt: Jean-Claude Trichet (rechts) zusammen mit seinem Nachfolger Mario Draghi.
Im Gleichschritt: Jean-Claude Trichet (rechts) zusammen mit seinem Nachfolger Mario Draghi.
Keystone

Der Italiener Mario Draghi ist von den EU-Staats- und Regierungschefs zum neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) ernannt worden. Das teilte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy während des EU-Gipfels über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Draghi soll im November an der Spitze der EZB die Nachfolge des Franzosen Jean-Claude Trichet antreten und die europäische Notenbank für acht Jahre führen.

Die Entscheidung hatte eigentlich schon am ersten Gipfeltag fallen sollen, wurde aber von Frankreich zunächst blockiert. Das Land forderte als Ersatz für Trichet einen neuen französischen Vertreter im EZB-Direktorium. Dafür muss das bisherige italienische Mitglied Lorenzo Bini Smaghi als dann zweiter Vertreter Italiens seinen Platz räumen.

Bini Smaghi, dessen Mandat noch bis 2013 läuft, hatte dies in den vergangenen Tagen noch abgelehnt. Während des Gipfels lenkte er Diplomaten zufolge aber ein und versicherte in Telefonaten mit Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy Van Rompuy, bis Jahresende seinen Posten zu räumen.

«Unitalienische Art»

Oliver Meiler, Italien und Frankreich- Korrespondent des «Tages-Anzeigers», schrieb am vergangenen 24. April: Mario Draghi, Gouverneur der italienischen Notenbank, der Banca d’Italia, ist in Rom geboren, ist in Rom aufgewachsen, hat in Rom studiert und hat vielen römischen Kabinetten angehört. Er vertrat Italien einst bei der Weltbank. Nur heisst es von ihm, er sei in seiner ganzen Art «unitalienisch». Und das ist in diesen Kreisen ein Kompliment, vielleicht das wichtigste Prädikat überhaupt. Der 63-Jährige ist des Weiteren passionierter Bergsteiger mit Hang zum Understatement, seriös und britisch distinguiert.

Draghi ist ein Technokrat, kein Politiker. Ein liberaler Pragmatiker und Analytiker, kein Theatraliker. Der Ziehsohn des früheren Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi half bei der Privatisierung vieler Staatsbetriebe. Und als es Ende der 90er-Jahre galt, Italien für die Europäische Währungsunion zu qualifizieren, gehörte er zum Team, welches das unmöglich Gewähnte schaffte. Am meisten überrascht waren die Deutschen.

Bis 2005 bei Goldman Sachs

Von 2002 bis zur Berufung zum «Governatore» der Zentralbank 2005 leitete Draghi das Europageschäft der Bank Goldman Sachs. Das rundete seine Vielseitigkeit ab, warf aber auch einen Schatten auf seine Karriere: Die Bank half Griechenland beim Schönen seiner Finanzen. Als allüren- und parteiloser Notenbankchef ist Draghi beliebt. So beliebt, dass er in der Dämmerung der Ära Berlusconi oft und ungefragt als künftiger Regierungschef gehandelt, ja herbeigesehnt wurde, gewissermassen als Retter der Nation. Doch für diese Rolle ist Mario Draghi wohl nicht italienisch genug.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch