«Irgendjemand wird sehr viel Geld verlieren»

Japan ist in eine Rezession geschlittert. Fernost-Korrespondent Christoph Neidhart sagt, weshalb ihn die Überraschung der japanischen Experten befremdet. Und wer am Schluss bezahlen muss.

Der Nikkei brach um drei Prozent ein: Ein Passant geht in Tokio an einem Bildschirm mit Aktienkursen vorbei. (17. November 2014)

Der Nikkei brach um drei Prozent ein: Ein Passant geht in Tokio an einem Bildschirm mit Aktienkursen vorbei. (17. November 2014)

Simon Knopf@SimonKnopf

Japan ist in eine Rezession gerutscht; japanische Experten sprechen von einer Überraschung. Ist es das wirklich?
Mich überrascht das nicht. Erstaunt sind höchstens jene, die in den letzten zwei Jahren die Aussagen der Regierung Abe zur Wirtschaftslage beim Wort genommen haben. Die Regierung redet Statistiken schön und findet stets neue Ausreden. Im Frühling hiess es, das Auslaufen von Windows XP habe auf die Wirtschaftslage gedrückt. Das ist absurd.

Shinzo Abe war eigentlich angetreten, um das Land aus der Krise zu holen. Die Opposition bezeichnet sein Stimulierungsprogramm als Mittel, das lediglich Aktienkurse steigen liess.
Das sagt nicht nur die Opposition. Shinzo Abe liess sich im Juli 2013 einen Bildschirm ins Büro stellen, auf dem er den Nikkei-Index beobachten kann. Ganz nach der Einstellung: Geht der Nikkei in die Höhe, dann steigt auch seine Popularität, weil es der Wirtschaft ja gut zu gehen scheint. Tatsächlich ist der Nikkei schlicht nicht aussagekräftig, was den Zustand der japanischen Wirtschaft angeht. Die Bevölkerung weiss dies auch.

Dennoch scheint die Kritik an Abe verhalten zu sein.
In Japan äussert man höchst selten öffentlich Kritik an der Regierung. Spricht man privat mit den Menschen, merkt man: Viele haben den Glauben an eine Besserung der Wirtschaft schon lang verloren.

Im April hob Japan die Mehrwertsteuer von fünf auf acht Prozent an. Im Juli hatten Ökonomen der Bank of Japan noch von Auswirkungen in einer begrenzten Dauer gesprochen. Wie kommt es, dass man sich so verschätzte?
Ich vermute, dass diese Ökonomen einfach ihre Zahlen schöngeredet haben. Denn selbst in der Bank of Japan gab es Stimmen, die diesem optimistischen Bericht widersprochen haben. Im Übrigen bin ich nicht davon überzeugt, dass die Erhöhung der Mehrwertsteuer der einzige Grund für die Wirtschaftsmisere ist.

Sondern?
Sowohl auf Gesetzesebene als auch innerhalb einzelner Konzerne bräuchte es dringende Reformen. Die Elektronikindustrie ist seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Nehmen wir Sony – das ist ein Paradebeispiel für eine festgefahrene Firma. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde die Firma von der Konkurrenz abgehängt.

Eigentlich sollte es im Oktober 2015 die zweite Erhöhung der Mehrwertsteuer auf zehn Prozent geben. Man munkelt schon, dass dies nicht der Fall sein wird.
Die wird ziemlich sicher verschoben. Für die Staatsverschuldung ist dies natürlich eine Katastrophe: Japan ist mit mehr als 250 Prozent des Bruttoinlandproduktes verschuldet. Einen gesunden Ausweg aus dieser Lage gibt es nicht mehr. Irgendjemand wird sehr viel Geld verlieren – höchstwahrscheinlich wird dies die japanische Bevölkerung sein.

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