Jetzt kommt der SNB-Leitzins

Die Nationalbank passt ihr geldpolitisches Konzept an. Der Grund sei die unsichere Zukunft des Libors, so Präsident Thomas Jordan.

Die Geldpolitik der SNB sei mittelfristig ausgerichtet, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan an der Halbjahrs-Medienkonferenz. Foto: Anthony Anex, Keystone

Die Geldpolitik der SNB sei mittelfristig ausgerichtet, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan an der Halbjahrs-Medienkonferenz. Foto: Anthony Anex, Keystone

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) passt erstmals nach fast zwei Jahrzehnten ihr geldpolitisches Konzept an. Das Zielband für den Dreimonats-Libor wird durch einen neu eingeführten SNB-Leitzins ersetzt.

«An unserer Lagebeurteilung haben wir auch entschieden, unser geldpolitisches Konzept leicht anzupassen», sagte Präsident Thomas Jordan am Donnerstag an einer Medienkonferenz zum geldpolitischen vierteljährlichen Update. Die bisherige Rolle des Zielbandes für den Dreimonats-Libor übernehme fortan der neu eingeführte SNB-Leitzins.

Durch die Festlegung der Höhe des SNB-Leitzinses würden fortan die geldpolitischen Entscheide getroffen und kommuniziert. Aktuell beträgt dieser -0,75 Prozent.

Libor vor dem Aus

«Der Grund für die Einführung des SNB-Leitzinses ist, dass die Zukunft des Libors nicht gesichert ist», sagte Jordan weiter. Die britische Finanzmarktaufsicht hatte vor längerer Zeit angekündigt, den in London ermittelten Referenzzinssatzes nur bis Ende 2021 durchzusetzen. Das dem Libor zugrundeliegende Geldmarktgeschäft habe sich somit stark reduziert, was auch die Berechnungsgrundlage in Frage stelle.

Die Geldpolitik der SNB sei indes mittelfristig ausgerichtet: Die Inflationsprognose beruht auf der Annahme eines unveränderten Zinssatzes über die Dauer von drei Jahren. Da sie quartalsweise erstellt wird, reicht die aktuelle Prognose also erstmals über 2021 hinaus.

Die SNB passt daher bereits jetzt das Konzept an. Denn so könne die neue Prognose für den gesamten Prognosezeitraum auf dem gleichen Zins beruhen, sagte Jordan.

Die Inflationsprognose geht derweil nach wie vor von einem unveränderten Zinssatz über den gesamten Prognosezeitraum aus. Ausserdem kann die neue Inflationsprognose trotz der Anpassung mit derjenigen vom März 2019 direkt verglichen werden.

Saron im «Fokus»

Desweiteren soll der SNB-Leitzins auch bei geldpolitisch relevanten Geschäften mit der Nationalbank ins Spiel kommen und das angestrebte Zinsniveau auf dem kurzfristigen Geldmarkt signalisieren. Die kurzfristigen besicherten Geldmarktsätze sollen in der Nähe des SNB-Leitzinses liegen, sagte Jordan. Dabei sei der Saron - der aussagekräftigste kurzfristige Franken-Zinssatz - «im Fokus», sagte Jordan.

Weil die SNB mit dem Saron jedoch neu einen Tagesgeldsatz heranzieht und nicht mehr einen Dreimonatszinssatz, brauche es auch kein Zielband mehr. Das sei früher nötig gewesen, weil Erwartungen über die zukünftige Geldpolitik den Dreimonatssatz stark beeinflussen konnten.

Allerdings würden der Dreimonats-Libor und der Saron zurzeit praktisch auf demselben Niveau liegen. Mit der Festlegung des SNB-Leitzinses auf -0,75 Prozent ergäben sich also unveränderte Verhältnisse am Geldmarkt.

Der Dreimonats-Franken-Libor ist der durchschnittliche Zinssatz, zu dem eine ausgewählte Gruppe von Banken in London bereit ist, sich gegenseitig Kredite mit einer Laufzeit von drei Monaten in Schweizer Franken zu gewähren. Dieser wurde am Mittwoch bei -0,7110 Prozent festgelegt. Das SNB-Zielband lautete auf -1,25 Prozent bis -0,25 Prozent.

Unverändert expansiv

Die aktuelle Geldpolitik der SNB bleibt durch die Anpassung unverändert. Die Annahme eines unveränderten Zinses führe im gegenwärtigen Umfeld zu einer identischen Prognose, sagte Jordan.

Die SNB hatte im Dezember 1999 auf eine zinsorientierte Geldpolitik umgestellt und ein Zielband für den Dreimonatssatz am Geldmarkt festgelegt. Zuvor hatte sie auf die Geldmengen geachtet.

Grossbanken müssen jetzt Notfallpläne für Krisenfall fertigstellen

Die Grossbanken UBS und Credit Suisse sind für Krisenzeiten deutlich besser gewappnet als noch während der Finanzkrise, stellte die SNB ausserdem in ihrem am Donnerstag veröffentlichten «Bericht zur Finanzstabilität 2019» fest. Auch im vergangenen Jahr wurden weitere Fortschritte gemacht. Trotzdem sieht die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch weiteren Handlungsbedarf.

Systemrelevante Banken wie die UBS und die Credit Suisse fallen unter die so genannte «Too big to fail»-Regulierung. Es müssen Vorgaben in zwei Bereichen erfüllt werden, die sich gegenseitig ergänzen: Zum einen soll die Widerstandskraft der Banken erhöht werden, sodass es weniger wahrscheinlich ist, dass diese in Schieflage geraten. Dabei steht im Vordergrund, wie gut die Institute Verluste absorbieren können.

Falls aber dennoch der Ernstfall eintreten sollte, soll die Regulierung zweitens eine geordnete Sanierung und Abwicklung ohne öffentliche Mittel ermöglichen. Daher sind die Grossbanken dabei, Notfallpläne zu erstellen.

Als systemrelevant oder «too big to fail» (deutsch: zu gross zum Scheitern) werden in der Schweiz neben der UBS und der Credit Suisse auch die Postfinance, Raiffeisen und Zürcher Kantonalbank (ZKB) eingestuft.

Nachbesserung auf Stufe Konzerngesellschaften

Um die Widerstandsfähigkeit der beiden Grossbanken zu analysieren, betrachtet die SNB drei Elemente: das regulatorische Kapital, das Verlustpotential sowie die Marktbewertung unter anderem durch Ratingagenturen. Sowohl die UBS als auch die Credit Suisse hätten ihre Kapitalisierung insgesamt leicht verbessert - trotz der moderaten Verschlechterung des wirtschaftlichen und finanziellen Umfelds, geht aus dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht zur Finanzstabilität 2019 hervor.

Ende März 2019 seien die Kapitalanforderungen im Rahmen der neuen «Too big to fail»-Regulierung (TBTF2) auf konsolidierter Basis nahezu erreicht worden. Gemessen hat die SNB dabei diejenigen Anforderungen, die zum Tragen kommen, wenn alle Übergangsphasen vorbei sind und die Vorgaben vollständig umgesetzt sein müssen («look-through requirements»).

Die zwei Banken erfüllen zudem die Anforderungen, die heute unter dem internationalen Eigenvorschriften Basel III gelten. Das gilt sowohl für die risiko-gewichtete Kapitalgute als auch die ungewichtete Verschuldungsquote. Im internationalen Vergleich sei die risiko-gewichtete harte Tier 1-Kapitalquote zudem höher als der Durschnitt global systemrelevanter Banken. Die so genannte Leverage Ratio (Tier 1) hingegen liege weiterhin leicht unter dem entsprechenden Durchschnitt.

Staat will nicht Retter spielen

Bei der Verlustanalyse zieht die SNB indes vier Szenarien heran: eine anhaltende Rezession im Euro-Raum, eine schwere US-Rezession, die sich auf den Rest der Welt ausbreitet, eine schwere Krise in den Schwellenländern sowie einen möglichen Zinsschock.

Die Fähigkeit der UBS und der Credit Suisse, Verluste zu absorbieren, habe sich weiter verbessert, schrieb die SNB weiter. Ende des ersten Quartals seien die Anforderungen auf konsolidierter Basis bereits erreicht worden. Zudem habe der Bundesrat eine Vernehmlassung für die Regulierung auf der Stufe einzelner Konzerngesellschaften eingeleitet. Diese Vorschläge unterstütze die SNB.

Die Analyse des Verlustpotentials auf Basis der Szenarien sowie Erfahrungen aus der letzten Finanzkrise hätten gezeigt, dass die Umsetzung der überarbeiteten «Too big to fail»-Regulierung nötig sei. Dabei geht es auch darum, die Verpflichtung des Staats, die Grossbanken retten zu müssen, die de facto heute bestehe, abzuschaffen.

Die Situation in der Schweiz als kleines Land mit einem grossen Finanzplatz ist speziell. Schon allein die Grösse der beiden Grossbanken im Vergleich zur Schweizer Wirtschaft ist immens: Die Bilanz beider Institute betrage noch immer ungefähr je 130 Prozent des Schweizer BIP, so die SNB. Dies auch nach der starken Verkleinerung seit der Finanzkrise.

Frist endet 2019

Für den Fall einer Abwicklung im Krisenfall seien seit der Finanzkrise ebenfalls bedeutende Fortschritte erzielt worden, kommentierte die SNB. Dabei geht es unter anderem darum sicherzustellen, dass die Institute während der Vorbereitungen und in der Phase unmittelbar nach einem «Bail-in» über genug Liquidität verfügen.

Zudem seien etwa Schweizer Tochtergesellschaften geschaffen worden sowie Servicegesellschaften, um im Falle einer Krise die operative Unabhängigkeit zu verbessern. Damit ist es aber noch nicht getan.

Laut der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma seien aber weitere Anstrengungen nötig, um zu zeigen, dass wichtige Funktionen innerhalb des Systems bei einer Krise ohne Unterbrechung aufrechterhalten werden können. Die SNB nennt in ihrem Bericht insbesondere die nötige Reduktion der finanziellen Abhängigkeiten innerhalb der Gruppe und die Schliessung von Liquiditätslücken im Krisenfall.

Die beiden Banken müssen ihre Notfallpläne für den Ernstfall nun fertigstellen. Die Finma werde diese im zweiten Halbjahr 2019 erneut prüfen. Die gesetzliche Frist für einen «glaubwürdigen und funktionstüchtigen» Notfallplan endet für beide Banken Ende Jahr.

aru/sda

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