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Ölscheichs wollen Mindestpreis

Die Saudis wollen für den Erdölpreis eine untere Grenze von 100 Dollar pro Fass. Das schmerzt kurzfristig die angeschlagene Weltwirtschaft. Umgekehrt freut sich langfristig die Umwelt.

Die saudischen Reserven sind noch lange nicht erschöpft: Ölförderanlage in Shaybah, nördlich von Riad.
Die saudischen Reserven sind noch lange nicht erschöpft: Ölförderanlage in Shaybah, nördlich von Riad.
Keystone

Saudiarabien ist der Goliath unter den Erdöl produzierenden Ländern. Es verfügt über die grössten Reserven und kann sie mit vergleichbar geringem Aufwand abbauen. Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil sind seine Reserven noch lange nicht erschöpft. «Die Vorstellung, wonach über alles gesehen die Produktion in Saudiarabien abnehmen würde, ist seltsam», stellt Daniel Yergin in seinem jüngst erschienenen Buch «The Quest» fest. «Bei einer Tagesproduktion von fünf Millionen Fass ist Ghawar (das grösste Erdölfeld der Welt, Anm. der Red.) äusserst ergiebig. Die Anwendung von neuen Fördertechniken bringt zudem neue Reserven an den Tag und erschliesst neue Horizonte.»

Wegen seines enormen Potenzials ist Saudiarabien in der Ölbranche ein sogenannter «Swing Producer». Das bedeutet konkret: Wenn es eng wird, springen die Saudis ein, erhöhen ihre Produktion und versorgen den Weltmarkt mit billigem Öl. Deshalb waren die Saudis in den letzten Jahrzehnten – je nach Blickwinkel – der Spielverderber oder der Weisse Ritter der Ölbranche. Damit soll jetzt Schluss sein. Die Saudis haben erklärt, ihr Ziel sei es, den Preis des Erdöls nie mehr unter 100 Dollar pro Fass sinken zu lassen. Weshalb?

Wenig Arbeitsplätze für wachsende Bevölkerung

Wie in allen Ländern des arabischen Golfs ist die Bevölkerung in Saudiarabien in den letzten Jahrzehnten explodiert. Derzeit sind rund 60 Prozent der bald 30 Millionen Saudis jünger als 29 Jahre. Für diese junge Bevölkerung gibt es relativ wenig Arbeitsplätze. Die meisten von ihnen hängen am Subventionstropf des Staates. Eine grosse junge Bevölkerung, die durchgefüttert werden muss, ist teuer. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat kürzlich ausgerechnet, dass Saudiarabien inzwischen einen Erdölpreis von 80 Dollar pro Fass braucht, damit die Staatskasse schwarze Zahlen schreibt. Noch vor zehn Jahren reichte ein Preis von 20 bis 25 Dollar.

Eine schnell wachsende junge Bevölkerung ist auch ein politisches Pulverfass. Selbst wenn sie keine materielle Not leiden, sind die jungen Männer unglücklich: Sie haben keine Perspektiven im Beruf, keine Frau und sie langweilen sich. In diesem Klima gedeiht der politische Extremismus und der religiöse Fanatismus. Es ist kein Zufall, dass 15 der 19 Attentäter von 9/11 Saudis waren. Um die Bevölkerung ruhig zu halten und einen saudiarabischen Frühling zu verhindern, muss die Regierung immer grössere Summen ausgeben. Letztes Jahr hat sie zu diesem Zweck gegen 130 Milliarden Dollar aus dem Spartopf genommen.

Teures Öl ist ein Schock für die Weltwirtschaft

Wenn nun auch die Saudis einen permanent hohen Ölpreis wollen, dann ist wohl Schluss mit billigem Sprit und Heizöl. Es gibt zwar nach wie vor reichlich Öl, aber seine Produktion wird immer kostspieliger. Ölsand und Schieferöl brauchen grossen Aufwand, genau wie das Erforschen und Ausbeuten von Ölquellen im tiefen Meer. Zudem sind viele wichtige Ölproduzenten dem Westen alles andere als wohlgesinnt und haben kein Interesse, billiges Öl zu liefern. Der Iran lässt grüssen.

Permanent teures Öl ist kurzfristig ein Schock für die ohnehin schon angeschlagene Weltwirtschaft. Langfristig hingegen ist es genau das, was die Umweltdoktoren dem Planeten Erde verschrieben haben. Es wird einen Technologieschub auslösen und vielleicht sogar zu einem Umdenken der Menschen führen. Energieverschleuderung wird einfach zu teuer werden. So gesehen werden unsere Kinder den Saudis vielleicht sogar eines Tages dankbar sein. Ein permanent hoher Ölpreis ist im Kampf gegen die Klimaerwärmung wirksamer als alle Verträge und Umweltkonferenzen zusammengenommen.

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