Rechsteiner: Renten in nur 4 Jahren um 600 Franken gesunken

Die Löhne steigen, die Wirtschaft wächst – und trotzdem sinken die Renten der Neurentner, so der SGB.

Für die Zukunft sehe es noch schlechter aus: SGB-Chef Paul Rechsteiner sieht rot bei den Renten.

Für die Zukunft sehe es noch schlechter aus: SGB-Chef Paul Rechsteiner sieht rot bei den Renten.

(Bild: Keystone)

In der Schweiz sinken laut den Gewerkschaftsdachverbänden SGB und Travail.Suisse seit Jahren die AHV- und Pensionskassenrenten. So etwas gebe es ansonsten nur in Krisenländern. Der Arbeitgeberverband spricht von einem bewährten System, das vor einer Herkulesaufgabe steht.

Die Löhne steigen. Die Wirtschaft wächst und trotzdem sind die durchschnittlichen Pensionskassenrenten der Neurentner seit Jahren gesunken. Der Grund dafür sind tiefere Umwandlungssätze im Überobligatorium und geringere Verzinsung der Vorsorgeguthaben, wie SGB und Travail.Suisse am Montag vor den Medien in Bern festhielten.

Die Pensionskassen hätten in den letzten fünf Jahren eine durchschnittliche Rendite von fünf Prozent erwirtschaftet.

Auch mittlere Einkommen betroffen

Generell reicht das Rentenniveau aus AHV und Pensionskasse laut SGB-Präsident Paul Rechsteiner heute oft nicht mehr aus, um dem Verfassungsauftrag gerecht zu werden. Dieser sieht vor, dass die Renten aus AHV und Zweiter Säule im Alter die «Fortsetzung des gewohnten Lebens in angemessener Weise» ermöglichen sollte.

Betroffen seien nicht nur Personen mit tiefen Einkommen, warnen die Gewerkschafter. Wer weniger als 84'000 Franken pro Jahr verdiene, müsse im Alter eng rechnen, um über die Runden zu kommen. Das treffe auf schätzungsweise zwei Drittel der Arbeitnehmenden zu.

Die Verschlechterung ist laut Rechsteiner ausschliesslich auf die Renten der Zweiten Säule zurückzuführen. Konkret seien die kumulierten Renten von AHV und Pensionskasse bei diesen Einkommen in nur vier Jahren um monatlich 600 Franken gesunken. Und für die Zukunft sehe es noch schlechter aus.

Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse, wies auf die besondere Benachteiligung von Teilzeitarbeitenden beim gegenwärtigen System der beruflichen Vorsorge hin. Viele Frauen würden die Eintrittsschwelle für das BVG-Obligatorium nicht überschreiten und seien damit in keiner Pensionskasse versichert.

Doch auch wer versichert sei, könne oft nur ein geringes Altersguthaben aufbauen. Der versicherte BVG-Lohn ergibt sich nämlich aus dem effektiven Lohn abzüglich eines sogenannten Koordinationsabzugs von aktuell 24'675 Franken. Laut Wüthrich würde der generelle Verzicht auf den Abzug die berufliche Vorsorge vereinfachen. Bereits heute verzichten verschiedene Pensionskassen freiwillig darauf oder senken ihn proportional zum Beschäftigungsgrad.

Sinkender Umwandlungssatz

Für Diskussionsstoff sorgt auch der Umwandlungssatz. Die aktuell historisch tiefen Zinsen seien aufgrund des langen Anlagehorizontes von Pensionskassen noch kein ausreichender Grund für eine dauerhafte Senkung des Umwandlungssatzes, rechnete SGB-Chefökonom Daniel Lampart vor.

Seit 1925 habe etwa ein Portfolio mit 25 Prozent Aktien und 75 Prozent Obligationen im Jahresmittel eine Rendite von rund 5,2 Prozent abgeworfen. In den letzten 21 Jahren seien es rund 4,7 Prozent gewesen, trotz der grossen weltweiten Finanzkrise.

Die Sozialpartner analysieren gegenwärtig im Auftrag von Bundespräsident Alain Berset die Leistungen der Zweiten Säule. Nachdem die Reform Altersvorsorge 2020 im September an der Urne gescheitert ist, plant der Bundesrat für die Neuauflage der Reform zwei separate Vorlagen zu AHV und zur beruflichen Vorsorge.

Anfang April haben SGB und Travail.Suisse sowie der Schweizerische Gewerbeverband und der Schweizerische Arbeitgeberverband von Berset die Aufgabe gefasst, mögliche Lösungen zu erarbeiten. Im Juni sollen die gemeinsamen Diskussionen starten und bereits im Frühjahr 2019 soll dann in einem Zwischenbericht an Bersets Departement rapportiert werden.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband präsentierte seinerseits am Montag eine neue Studie und betonte, dass die hiesige Altersvorsorge weltweit zu den leistungsfähigsten Systemen zähle. Die berufliche Vorsorge übertreffe seit ihrer Schaffung sogar die AHV punkto Leistungsfähigkeit. Allerdings habe es auch Zeitabschnitte gegeben, in denen das Lohnsummenwachstum weit über der Kapitalmarktrendite gelegen habe. In diesen Phasen sei die Effizienz der AHV höher gewesen.

Die Arbeitgeber warnten davor, die berufliche Vorsorge auf Kosten der AHV zu stärken oder umgekehrt. Sozialpolitisch sei die AHV mit ihrem gigantischen Umverteilungsmechanismus unverändert von grosser Bedeutung, besonders für tiefere Einkommen.

sda

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