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Starker Franken, schwache Löhne

Das Wirtschaftswunder Schweiz kriegt Kratzer, die Konjunkturprognosen sehen trüb aus. Dadurch steigt der Lohndruck. Manches Unternehmen überlegt deshalb, die Löhne in Euro statt in Franken auszuzahlen.

Wenigstens im Ausland profitieren die Schweizer vom starken Franken: Eine Angestellte wechselt 100 Franken in Euro in einer Wechselstube.
Wenigstens im Ausland profitieren die Schweizer vom starken Franken: Eine Angestellte wechselt 100 Franken in Euro in einer Wechselstube.
Keystone

Alle Zeichen stehen auf Sturm. In der zweiten Hälfte dieses Jahres treffen Unternehmer und Arbeitnehmer aufeinander, um wie üblich die Löhne zu verhandeln. Doch der starke Franken zwingt die Verhandlungsführer, frühzeitig hinter den Kulissen an neuen Arbeitszeit- und Lohnmodellen zu feilen. Denn für Exportwaren werden schon jetzt keine attraktiven Preise mehr erzielt. Mit dem Effekt, dass die Gewinnmargen gedrückt und das Lohnniveau gesenkt bzw. die Arbeitszeiten ausgedehnt werden.

Bei den Unternehmern schrillen bereits die Alarmglocken, in den Schubladen der Geschäftsleiter schlummern Strategiepapiere, deren Inhalt sozialen Sprengstoff birgt: «Einige Betriebe haben bereits versucht, die Löhne an die Wechselkurse anzubinden», moniert Ewald Ackermann vom Gewerkschaftsbund. Das seien Kleine- und Mittelständische Unternehmen gleichermassen wie die grossen Industriebetriebe: Stöcklin, Trasfor, Dätwyler oder Mopac – um nur einige zu nennen. Vor allem letztere greifen längst mit Lohnkürzungen eisern durch, um dem starken Franken zu begegnen. Der CEO des Verpackungsherstellers, Rainer Füchsli, begründet diesen Schritt gegenüber Redaktion Tamedia damit, «dass wir die Umsätze nicht zurückfahren können, denn das drückt den Gewinn». Also habe man das Lohnniveau an den Frankenkurs gekoppelt. «Um den Standort zu retten», wie er sagt. Sein Rezept: Bei einem Wechselkurs von 1,30 werden die Löhne um zehn Prozent gekürzt, bei 1,35 um 7,5 Prozent und bei 1,40 um fünf Prozent. Erst ab einem Kurs von 1,50 würden die Kürzungen aufgehoben werden.

Drohende Standortflucht

Die Gewerkschaft tobt und will mit Klagen dagegen vorgehen. «Wir haben gegen die Lohneinschnitte schon verschiedentlich interveniert, derzeit laufen die Verhandlungen mit der Unia», sagt Ackermann. Mopac-CEO Füchsli hält dagegen: «Die Mitarbeiter sind mitgezogen und verstehen die wirtschaftlichen Sachzwänge.» Seiner Ansicht nach blutet die Exportwirtschaft sonst aus. Der Firmenchef befürchtet eine massive Standortflucht aus dem Franken in den Euroraum. «Der Franken wird zu einem sicheren Hafen und bekommt fast Goldstatus.» An wirksame Rettungsmassnahmen der Schweizer Nationalbank (SNB) glaubt Füchsli nicht: «Kleine Länder sind zur Kursbeeinflussung nicht in der Lage.» Im Moment werde nur der Schwarze Peter hin- und hergeschoben.

Derweil bringen sich Arbeitgeber und -nehmer in Stellung. Der Verbandssprecher der Metallindustrie Swissmem, Ivo Zimmermann, glaubt, dass es auf ausgedehnte Arbeitszeiten bei gleichem Lohn hinauslaufen wird, um die Produktivität zu erhöhen. Denn: «Das Problem ist ja nicht die Auftragslage, sondern es sind die Preise, die im Export erzielt werden.» Laut dem Gesamtarbeitsvertrag, etwa für die Metallbranche, ist das über einen begrenzten Zeitraum möglich. Die Unternehmen können das aber nicht verordnen, sondern die Arbeitnehmervertreter müssen dem zustimmen. In der Regel wird das im Konsens entschieden. Wie lange diese Konsensstimmung anhalten wird, dazu will sich keiner der Beteiligten äussern. Bisher wurden die Löhne immer auf Unternehmens- und nicht auf Verbandsstufe ausgemacht. «Das ist sinnvoll, weil jedes Unternehmen die Löhne individuell vereinbaren kann, je nachdem, wie das Unternehmen dasteht», so Zimmermann.

Positionen festgefahren

Die gesamte Entwicklung ist für die Schweizer Wirtschaft symptomatisch: Händeringend versuchen die Exporteure, den Frankendruck durch interne Kostenmassnahmen zu umschiffen, die Nationalbank ist nach vergeblichen Interventionen im Vorjahr vorsichtig geworden und die Arbeitnehmer sehen kaum ein, warum diese für den Konjunktur- und Währungsdruck herhalten sollen. Mancher Unternehmer überlege bereits, den Lohn künftig nicht mehr in Franken, sondern in Euro auszuzahlen. «Es gibt hier eine anekdotische Evidenz», sagt der Leiter des Konjunkturforschungsinstituts KOF, Jan-Egbert Sturm. «Das dürfte aber bei der Arbeitnehmerschaft auf Widerstand stossen, da deren Lebenskosten in Franken anfallen.»

Der Handlungsdruck wird anhand der aktuellen Konjunkturdaten vom Juni deutlich: Die Wirtschaftsleistung der Schweiz soll laut Prognose des Seco von 2,1 Prozent Wachstum auf 1,5 Prozent in einem Jahr sinken. Investitionen in Anlagen, Reparaturen und Maschinenparks werden von 4 Prozent auf 3 Prozent sinken. Und die Exportzuwächse werden von 4,6 Prozent auf 3 Prozent zurückgehen. Für Lohnempfänger heisst das nichts Gutes: Die Arbeitslosenquote soll von 3,1 Prozent auf 3,3 Prozent steigen.

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