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«Wie etwas funktioniert, interessiert zu wenig»

Die Schweiz steigt im Digital-Ranking auf. Mangelnde Talentförderung und die Zuwanderungspolitik könnten diesen Status aber gefährden.

Wenig Förderung von jungen Frauen: Mädchen mit Smartphone (Symbolbild).
Wenig Förderung von jungen Frauen: Mädchen mit Smartphone (Symbolbild).
Christof Schuerpf, Keystone

Herr Caballero, die Schweiz liegt in Ihrem Digital Competitiveness Ranking auf Platz 5, die USA liegen auf Platz 1. Was machen die USA besser?

Ein wichtiges Element für den digitalen Erfolg der USA ist, dass sie ausländisches Talent anziehen und genügend Kapital für die Digitalisierung vorhanden ist – genauso wie in der Schweiz. Dass die USA im letzten Jahr vom dritten auf den ersten Platz aufgestiegen sind, dürfte mit Investitionen zusammenhängen, die vor der Ära Trump gemacht wurden. Dies ist also nicht nur ein Resultat der Politik von Donald Trump, sondern auch als Ergebnis der Politik seiner Vorgänger Barack Obama und George W. Bush zu werten.

Trump fordert eine restriktivere Einwanderungspolitik. Wird der Spitzenplatz damit aufs Spiel gesetzt?

Wettbewerbsfähigkeit hängt direkt mit der Offenheit eines Landes zusammen. Wenn sich die USA nach innen orientieren, beispielsweise indem sie eine Mauer bauen und einen Handelskrieg anzetteln, dürfte sich das längerfristig auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auswirken. Die Auswirkungen davon spürt man allerdings erst in ein paar Jahren, darum könnten die Folgen einer solchen Politik erst dem nächsten Präsidenten zugeschrieben werden.

Ähnliche Tendenzen gibt es in der Schweiz mit der Masseneinwanderungsinitiative sowie in vielen europäischen Ländern. Wie beeinflusst dies deren Wettbewerbsfähigkeit?

Für alle gilt: Sich abzuschotten, ist kontra-intuitiv. Alle wollen von der Globalisierung profitieren, gleichzeitig aber gewisse Folgen davon einschränken – namentlich die Zuwanderung. Das dürfte nicht funktionieren. Schotten sich alle ab, schadet das längerfristig der globalen Wirtschaft und den einzelnen Teilnehmern. Die Schweiz schneidet in unserer Erhebung punkto Offenheit relativ schlecht ab. Die Wahrnehmung der befragten Manager ist, dass sich die Schweiz der internationalen Wirtschaft gegenüber zunehmend verschliesst – besonders wenn es um Arbeitskräfte geht.

Wie hängt das mit der digitalen Wettbewerbsfähigkeit zusammen?

Wie gut neue digitale Technologien akzeptiert werden und welche Talente angezogen werden können, hängt ebenfalls von der Offenheit eines Landes ab. Um wettbewerbsfähig zu sein, müssen lokale Talente gefördert und ausländische angezogen werden. So wird der Talentpool gestärkt. Das geht nicht, wenn die Grenzen zu sind.

Die lokalen Talente zu fördern, würde auch bedeuten, Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und zu fördern. Die Schweiz schneidet in diesen Punkten nicht besonders gut ab. Es gibt wenige Frauen mit akademischen Abschlüssen und wenige weibliche Forscher. Woran liegt das?

In der Schweiz gibt es einen Mangel an Frauen, die in der Forschung tätig sind. Diese Zahl hat in den letzten Jahren kaum zugelegt. Das ist besorgniserregend, da wir einen unausgeschöpften Talentpool haben. Zur Verteidigung: Auch Länder mit guten Noten bei Bildungswesen und Gleichstellung wie Schweden, Finnland oder Norwegen schneiden in diesem Punkt nicht besonders gut ab.

In der Trump-Regierung gibt es Stimmen, denen klar ist, dass sich die USA mit einer verschärften Politik der Abschottung in den eigenen Fuss schiessen könnten.

Wo liegt das Problem bei der Talentförderung in der Schweiz?

Das fängt schon in der Primarschule an: Wissenschaft und Forschung werden Mädchen vermutlich nicht gut verkauft. Grundsätzlich scheint derzeit wenig Interesse daran zu bestehen, zu verstehen, wie etwas funktioniert: ein Lichtschalter, ein Computer. Stattdessen ziehen wir eine Generation von Whatsapp-schreibenden Kindern heran, die nicht wissen, wie das Smartphone dahinter funktioniert.

In welchem Bereich liegt die Schweiz digital besonders im Hintertreffen?

Sie schneidet im öffentlichen Sektor nicht besonders gut ab. Beim Aspekt E-Participation, also Onlineservices, die den Austausch der Bevölkerung mit der Regierung fördern, liegt sie hinter vielen Ländern zurück. Muss jemand beispielsweise seine Aufenthaltsbewilligung verlängern, kann er diese nicht online beantragen, sondern muss ein Amt besuchen. Dass man in diesem Bereich nicht weiter digitalisiert, hat wohl auch damit zu tun, dass die ältere Generation solche Services fordert. In Zukunft wird sich das ändern.

Welches ist das grösste Risiko für die Schweiz, bei der Wettbewerbsfähigkeit abzusteigen?

Einige Aspekte des regulatorischen Umfelds könnten langfristig ein Risiko darstellen, etwa die Durchsetzung von Verträgen und die Einwanderungspolitik – wenn sie der Einstellung von Talenten von Übersee dient. Letzteres ist eine grosse Schwäche der Schweiz in der digitalen Wettbewerbsfähigkeit.

Was passiert mit der Wettbewerbsfähigkeit der involvierten Länder, wenn die USA ihren Handelskrieg verschärfen, Grossbritannien aus der EU austritt und Länder sich abschotten?

Sollten sich diese Konflikte weiter verschärfen, hätte das grobe Konsequenzen für internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation, die UNO und die Nato. Ich glaube daran, dass es Stimmen in der Trump-Regierung gibt, denen klar ist, dass sich die USA mit einer verschärften Politik der Abschottung in den eigenen Fuss schiessen könnten. Das könnte den aktuellen Trend in der US-Politik ausbalancieren. Doch bereits das Vakuum, welches in Zeiten von diesen Konflikten wächst, ist wirtschaftlich schlecht für alle Beteiligten.

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