10'000-Franken-Vorschlag und eine geballte Ladung Reaktionen

Die maximale Franchise vervierfachen, das schlägt die CSS-Chefin vor. Das ist ein Stich ins Wespennest.

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Die Chefin der Krankenkasse CSS, Philomena Colatrella, forderte im «SonntagsBlick» komplett neue Ideen, um die Krankenkassenprämien zu senken. Als Vorschlag brachte sie sogleich die Erhöhung der höchsten wählbaren Franchise von heute 2500 Franken auf 5000 oder 10'000 Franken ein. Damit könnten die Monatsprämien um rund 170 Franken pro Person sinken, dafür müsste man aber eben im schlimmsten Fall Gesundheitskosten von bis zu 10'000 Franken jährlich selber bezahlen.

In der Umfrage von Bernerzeitung.ch/Newsnet finden knapp 30 Prozent der Leser(innen) den Vorschlag von Colatrella gut. Die Mehrheit von über 70 Prozent kann mit der Idee allerdings nichts anfangen. Über 2500 User haben bei der Umfrage mitgemacht und mehr als 300 Kommentare zum Artikel über den Vorschlag der CSS-Chefin verfasst.

«Der Normalbürger guckt mal wieder in die Röhre»

Die Meinung von «Mr Zocker» wurde dabei am häufigsten geteilt, «Mit ihrem Lohn kann sie sich das problemlos leisten, aber der Normalbürger guckt mal wieder in die Röhre», schreibt er. In dieselbe Richtung schlägt Andreas Keusch, der den Lohn von Colatrellas Vorgänger bei Bernerzeitung.ch/Newsnet erfahren hat – 770'000 Franken – und zum Schluss kommt: «Colatrella dürfte einen Lohn desselben Lohnniveaus beziehen. Natürlich finanziert aus Versicherungsprämien! Eine 10'000er-Franchise wäre für Colatrella im Prinzip doch nur ein grosszügiges Trinkgeld.»

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In 24 Beiträgen wird, unter anderem aufgrund der hohen Saläre der Krankenkassen-CEOs, eine Einheitskasse gefordert. «Es gibt durchaus Alternativen ... Einheitskasse, dann fallen auf einen Schlag mehrere Dutzende CEO-Löhne, das gesamte Marketingbudget sowie der Provisionslohnblock aller Krankenkassen weg ...», schreibt Fritz Müller.

Hugo Knüsel rechnet daraufhin vor, dass beispielsweise die Streichung von 100 CEO-Salären jährlich 76 Millionen Franken einsparen würde, was aber gerade mal 1 Promille der jährlichen Gesundheitskosten entspräche. Immerhin etwas, aber wohl zu wenig, um die Prämien spürbar zu senken.

«Dank SVP und FDP keine Parallelimporte»

Neben dem Salär von Colatrella stören sich viele Schreibenden auch an den hohen Löhnen von Ärzten, Chirurgen und Spitaldirektoren, welche Änderungen im Gesundheitswesen verhindern würden. Zudem müssten sich auch die Medikamentenpreise ändern, fordert unter anderem Reto Messerli: «Es kann doch nicht sein, dass das GLEICHE Medikament in der Schweiz ein Vielfaches kostet wie im nahen Ausland.»

Zu diesem Thema äussert sich auch Niklas Tillmann: «Dank der SVP und FDP dürfen wir keine Parallelimporte von Medikamenten machen, so viel zu den ‹Parteien des einfachen Volkes›.» Er nimmt damit Bezug auf die bürgerlichen Bundesräte, die eine Abklärung von Gesundheitsminister Berset zu Parallelimporten verhinderten.

«Kleinverdiener zahlen wenig, Topverdiener viel»

M. Seiler findet «die Idee dieser Entsolidarisierung zugunsten der Versicherer ‹biirewaich›» und erhält dafür am zweitmeisten Zustimmung in der Kommentarsektion. Gleich danach findet Riccarda Meindl, dass die Krankenkassen viel zu mächtig sind. Die bürgerlichen Parlamentarier hätten die Pflicht, sich von dieser Lobby zu lösen und eine Politik für die Mittelschicht zu betreiben.

Eine oft geteilte und wiederholte Idee hat Roger Blaser eingebracht: «Einkommensabhängige Prämien. Kleinverdiener zahlen wenig, Topverdiener viel», schreibt er. G. Monkowski meint dazu, das gebe es in Deutschland, und dort müsse man dann bis zu vier Wochen warten, um einen Spezialisten besuchen zu können. Ob das besser sei, fragt Monkowski.

«Eine entwaffnendere Blossstellung der Ratlosigkeit der CSS-Chefin ist wohl kaum mehr möglich. Einfach auf die Prämienzahler abschieben ist ein Armutszeugnis», schreibt Luca Müller.

Und schliesslich steigen die Prämien ja jedes Jahr wieder, schreibt Sina Baggenstos: «Und wie lange würde es wohl dauern, bis die gesenkten Prämien wieder auf heutigem Niveau wären – natürlich mit der Wahnsinnsfranchise von 10'000 Franken?»

«Plötzlich ist man Langzeitpatient»

Pascal Zuber gibt zu bedenken, dass die jährliche Einsparung von 2000 Franken einer zusätzlichen Ausgabe von 10'000 Franken gegenüberstehe, wenn ein Unfall oder eine Krankheit plötzlich einen langen Spitalaufenthalt bedingt. Er hat es selber erlebt: «Von einem Moment auf den anderen ist man Langzeitpatient. Mein Schlaganfall traf mich völlig unerwartet trotz gesunder Lebensweise, und seit über 1 Jahr kämpfe ich nun mit den ‹Nachwehen› und musste mein gewohntes Leben komplett aufgeben.»

Xavier Hügli findet den Vorschlag von Colatrella nicht gerade sozial und schreibt: «Die gute Frau soll sich mal aufklären lassen, was der Firmenname CSS bedeutet. Kann auf deren Website nachgelesen werden: CSS steht für ‹Christlich Soziale Schweiz›.»

«Mehr zum Arzt, wenn Franchise aufgebraucht ist»

Kommentare für die höhere Franchise finden sich nur wenige und vor allem als Antwort auf andere Beiträge. So schreibt beispielsweise Werner Wenger: «Eine Erhöhung der Franchise macht die Gesundheitskosten nicht billiger», und Simon Zlotec entgegnet: «Viele gehen mehr zum Arzt, wenn die Franchise aufgebraucht ist.» Seine Partnerin sei Ärztin und merke das immer wieder. Eine Minimalfranchise sollte deshalb mindestens 1000 Franken betragen, meint er.

Und Ruedi Tanner meint: «Das System funktioniert ganz einfach; die hohe Nachfrage bestimmt den hohen Preis! Jeder und jede rennt heute viel zu oft zum Arzt und ins Spital.»

Eine Art Zusammenfassung der häufigsten Pro- und Contra-Beiträge liefert Tofa Tula: «Das würde schon dazu beitragen, dass man nicht wegen jedem Bebechen zum Arzt rennt. Andererseits kann sich so hohe Franchisen wohl nur eine Person in der Chefetage ausdenken, für die solche Beträge etwas sind, das man locker aus der Portokasse bezahlen kann. Schon etwas abgehoben.» (anf)

Erstellt: 16.04.2018, 15:23 Uhr

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