Nicht überall fährt der TGV häufiger

Das Unternehmen TGV-Lyria schickt ab Dezember mehr und grössere Züge aus der Schweiz nach Paris. Trotzdem gibt es Kritik.

TGV-Lyria setzt mehr Doppelstockzüge ein. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

TGV-Lyria setzt mehr Doppelstockzüge ein. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die steigende Sensibilität für den Klimawandel beschert dem schweizerisch-französischen Bahnunternehmen TGV-Lyria goldene Zeiten. Die Leute reisen zwar weiter, wollen aber auch die Umwelt schonen. Vom Gefühl der «Flugscham» geplagt, nehmen sie den Zug. Gerade die Nachfrage nach Zugtickets aus der Schweiz nach Paris nimmt seit Monaten markant zu. Gemäss einer Studie der ETH Lausanne wird dieser Trend anhalten. Die Studie besagt, dass das Passagiervolumen bei TGV-Lyria in den nächsten Jahren nochmals um 25 Prozent ansteigen wird.

TGV-Lyria-Chef Fabien Soulet ist mit der aktuellen Auslastung sehr zufrieden, wie er gestern an einer Medienkonferenz in Lausanne versicherte. Mit Zahlen wollte er seine Aussage aber nicht unterlegen. Stattdessen verwies er auf eine halbe Milliarde Franken, die sein Unternehmen in neues Rollmaterial und den Ausbau der Platzkapazitäten investiert. Sicherheit gibt Soulet, dass sich immer mehr in Frankreich engagierte Unternehmen an TGV-Lyria wenden und Sonderkonditionen aushandeln, um Angestellte in Hochgeschwindigkeitszügen statt Flugzeugen auf Reisen zu schicken.

Zum Schweizer Fahrplanwechsel am 15. Dezember stehen in den TGV-Zügen, die zwischen Zürich, Basel, Lausanne, Genf und Paris zirkulieren, neu täglich 18000 Plätze zur Verfügung. Das sind 4500 Plätze oder 30 Prozent mehr als heute. TGV-Lyria, das zu 26 Prozent den SBB und zu 74 Prozent der französischen Staatsbahn SNCF gehört, setzt beim Hochgeschwindigkeitszug neu 15 Kompositionen mit Doppelstockwaggons ein.

Mehr Züge ins Ausland

Die Waggons sind vier bis fünf Jahre alt und waren bislang in Frankreich im Einsatz. TGV-Lyria hat sie in Werkstätten in Rennes und Paris renovieren und mit Wi-Fi ausrüsten lassen. Sie ersetzen die einstöckigen Kompositionen, die seit den 1990er-Jahren zwischen den Schweizer Städten und Paris verkehren und merklich in die Jahre gekommen sind.

Parallel zum Passagiervolumen erhöht TGV-Lyria auch die Anzahl Züge. Neu fahren von Genf täglich acht Züge nach Paris, von Basel und Zürich sind es je sechs. Insgesamt sollen mehr Tickets in günstigen Preissegmenten zur Verfügung stehen. Doch gestern gab es auch Kritik an der neuen Unternehmensstrategie, denn in Bern und Lausanne werden Züge gestrichen.

Bei den SBB prüft Armin Weber derzeit Möglichkeiten, den internationalen Fernverkehr ins Ausland kräftig auszubauen. 

Die Stadt Bern verliert zum Fahrplanwechsel ihre einzige direkte Anbindung nach Paris, zumindest bis 2025. Die Berner müssen den TGV künftig in Basel besteigen.

Armin Weber, VR-Präsident von TGV-Lyria und SBB-Verantwortlicher für den internationalen Fernverkehr, argumentierte, wegen Bauarbeiten im Raum Liestal komme es zu Rückstaus und Zugverspätungen. Das führe bei Fahrten nach Paris automatisch zu Problemen. Zudem gilt die TGV-Verbindung zwischen den Hauptstädten Bern und Paris nicht zu den rentabelsten. Das hat auch mit den Touristenrouten zu tun. Untersuchungen haben gezeigt, dass Europareisende, die von Paris nach Interlaken reisen, das nicht etwa via Bern, sondern via Zürich und Luzern oder die Genferseeregion tun.

Die Sorge um Vallorbe

Die Waadtländer Regierungspräsidentin und Verkehrsdirektorin Nuria Gorrite verbarg ihren Ärger nicht, dass TGV-Lyria eine der bislang vier täglichen Verbindungen von Lausanne nach Paris einstellen wird, obschon von Lausanne künftig mehr Züge nach Paris fahren, allerdings via Genf. Gestrichen wurde der Zug um 6.30 Uhr – aus wirtschaftlichen Gründen. Gorrite bedauerte insbesondere, dass die Region um den Grenzort Vallorbe im Waadtländer Jura wegen fehlender Anbindungen an den öffentlichen Verkehr in Zukunft noch isolierter sein wird. Gorrite setzte sich in den letzten Monaten gegen den Entscheid zur Wehr. Unterstützung bekam sie von den Regionen Franche-Comté und Burgund, wo der TGV in Frasne und Dijon frühmorgens ebenfalls nicht mehr hält. Der Druck zeigte Wirkung.

Bis Ende Jahr wollen die Waadt, die Regionen Burgund und Franche-Comté, SBB, SNCF und TGV-Lyria eine Vereinbarung unterzeichnen mit dem Ziel, die Streichung der TGV-Verbindung rückgängig zu machen. Für die nächsten zwei Jahre werden im schweizerisch-französischen Grenzgebiet zwischen Vallorbe und Dijon zum einen und Pontarlier und Vallorbe zum anderen zusätzliche Regionalzüge verkehren.

Bei den SBB prüft Armin Weber derzeit Möglichkeiten, den internationalen Fernverkehr ins Ausland kräftig auszubauen. Dafür braucht er Bahnunternehmen als Partner und Rollmaterial für Nachtzüge, das auf dem Markt derzeit kaum erhältlich ist. Die Waadtländer Regierungspräsidentin Nuria Gorrite forderte Weber dazu auf, wieder Nachtzüge von Zürich nach Barcelona via Lausanne fahren zu lassen. Diesen Wunsch hat die gebürtige Katalanin bei Weber gestern nicht zum ersten Mal deponiert.

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