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Pleite von Germania hat bittere Auswirkungen

Die Airline mit 31 Maschinen steht am Boden, mehrere Tausend Passagiere sind betroffen. Die Schweizer Tochtergesellschaft hält den Betrieb aufrecht.

Jens Flottau
Germania hatte sich auf Charterflüge im Auftrag von Reiseveranstaltern spezialisiert. Foto: Sascha Steinbach (Epa, Keystone)
Germania hatte sich auf Charterflüge im Auftrag von Reiseveranstaltern spezialisiert. Foto: Sascha Steinbach (Epa, Keystone)

Von Germania-Gründer Hinrich Bischoff gibt es, unter anderem, die folgende Geschichte. Eines Tages marschierte er ins Büro des damaligen Lufthansa-Chefs Jürgen Weber. Er trug einen seiner leicht verwitterten Anzüge, für die er in der Branche berüchtigt war, und hielt eine Plastiktüte in der Hand. Wenn man sich nicht einigen könne auf einen Mietvertrag für seine Flugzeuge, dann sehe er sich gezwungen, innerdeutsche Flüge auf eigene Rechnung anzubieten, so Bischoff. Er zog ein Modellflugzeug in Germania-Lackierung aus der Tüte, um seine Drohung zu illustrieren.

1987 war das. Bischoff hatte das kleine Unternehmen im Vorjahr übernommen und hatte eine Menge neue Flugzeuge bestellt, für die er nun Beschäftigung suchte. Aber eigentlich wollte er nur ein paar selbst fliegen, die übrigen gewinnbringend vermieten. 32 Jahre später ist Germania am Ende. Die Fluggesellschaft meldete am Dienstag Insolvenz an, nachdem es ihr nicht gelungen war, auf die Schnelle rund 15 Millionen Euro aufzutreiben, die nötig gewesen wären, um den Flugbetrieb weiterzuführen.

Die Flotte von aktuell 31 Maschinen steht am Boden, in der Nacht auf Dienstag flogen die beiden letzten Maschinen von den Kanaren nach Nürnberg und Münster/Osnabrück zurück. Mehrere Tausend Passagiere sind betroffen. Alle grossen Reiseveranstalter müssen auf die Schnelle Ersatz organisieren für die vielen Germania-Sitze, sie sind dafür verantwortlich, ihre Kunden in die Zielgebiete zu bringen.

Passagiere können Ansprüche anmelden

Wer bei Germania direkt gebucht hat, kann im Insolvenzverfahren als Gläubiger seine Ansprüche anmelden, muss sich aber zwischenzeitlich selbst um neue Flüge kümmern. Auch Flugzeughersteller Airbus hat durch die Pleite plötzlich ein Problem: Germania hat bislang zwei A319 im Auftrag des Konzerns betrieben, unter anderem zwischen den beiden wichtigsten Standorten Hamburg und Toulouse.

Germania hatte sich auf Charterflüge im Auftrag von Reiseveranstaltern sowie Liniendienste in Nischenmärkten spezialisiert. Zuletzt flog die Airline 31 Maschinen, 26 davon waren geleast. Einige weitere sind in Bulgarien im Einsatz, die dortige Tochtergesellschaft umfasst der Insolvenzantrag nicht.

Überlebensfähigkeit «schwierig abzuschätzen»

Auch nicht betroffen ist die Schweizer Gesellschaft Germania Flug AG, die nur zu 40 Prozent dem deutschen Unternehmen gehört und weitgehend eigenständig agiert. «Bei uns läuft der Betrieb wie gewohnt weiter», schrieb das Unternehmen am Dienstagmorgen in einer Pressemitteilung. Der laufende Winterflugplan sowie der Sommerflugplan 2019 würden wie geplant aufrechterhalten und die Planung für den Winter 2019/20 laufe bereits.

Von Zürich aus bedient die Airline rund 20 Destinationen, hauptsächlich im Mittelmeerraum. Der Flughafen Zürich bestätigte, dass alle Germania-Flüge von Dienstagmorgen plangemäss durchgeführt wurden.

Inwiefern die Durchhalteparolen der Schweizer Germania gerechtfertigt sind, wird sich zeigen. «Es ist für uns schwierig abzuschätzen, ob die Schweizer Gesellschaft auf eigenen Beinen überlebensfähig ist», sagte Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands. Aus Konkurrenzgründen habe die Branche aber ein grosses Interesse am Überleben von Germania. Den dem Verband angeschlossenen Reisebüros werde in solchen Situationen jeweils geraten, ihre Kunden transparent über die entsprechenden Risiken aufzuklären.

Keine staatliche Hilfe

Für die deutsche Flugbranche ist die Pleite ein weiteres einschneidendes Ereignis. Besonders bitter ist das Ende für die Flughäfen Bremen, Münster/Osnabrück, Dresden und Erfurt, an denen Germania einen besonders hohen Anteil am Gesamtverkehr hatte. Auch Nürnberg, Düsseldorf und die beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld sind betroffen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht bisher keinen Anlass, Germania mit staatlicher Hilfe zu retten. Erfolg und Misserfolg seien Teil der Marktwirtschaft, sagte er am Dienstag in Berlin. Der Staat habe auch nicht versucht, Air Berlin vor der Insolvenz zu bewahren, sondern nur geholfen, damit gestrandete Passagiere zurückkommen. Bei Germania seien viel weniger Menschen betroffen. Zudem könne den allermeisten wohl von Veranstaltern und Reisebüros geholfen werden.

Eigner Karsten Balke ist in der Branche umstritten, intern gilt er manchen als beratungsresistent.

Die Pleite der letzten mittelständischen Fluggesellschaft in Deutschland hatte sich seit Monaten abgezeichnet. Anfang des Jahres bestätigte Geschäftsführer und Eigner Karsten Balke die finanziellen Probleme und gab zwischendurch leichte Entwarnung, denn es habe eine «wichtige Zusage» eines neuen Geldgebers gegeben. Wer der Geldgeber hätte sein sollen, verriet Balke nicht. Auch der ehemalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunold soll sich mit einigen Weggefährten darum bemüht haben, Germania zu übernehmen. Doch wenn die Aktion überhaupt ernst gewesen sein sollte, dann kam sie viel zu spät. Dass die Insolvenz kaum jemand mehr überrascht, sagt viel darüber aus, wie weit sich Germania von ihren Wurzeln entfernt hat.

Gründer Hinrich Bischoff war schon 2005 früh im Alter von 69 Jahren gestorben. Damals hatte Germania 44 Flugzeuge, die meisten waren zu guten Konditionen an andere Fluggesellschaften vermietet. Bischoff hatte verfügt, dass Hunold, damals noch Air-Berlin-Chef, die Oberaufsicht über die Airline übernehmen und diese mit Air Berlin zusammenlegen sollte, doch seine Kinder entschieden, das Unternehmen unabhängig weiterzuführen. Nach einem Streit unter den Erben übernahm Balke 2015 die Mehrheit an Germania. 2016 bestellte er 25 Airbus A320neo, die ab 2020 ausgeliefert werden sollten.

Als 2017 ausgerechnet Air Berlin Insolvenz anmeldete und Ende Oktober den Flugbetrieb ganz einstellte, sah auch Balke seine Chance gekommen. Germania expandierte stark, 2018 bot die Airline rund 40 Prozent mehr Kapazität an als im Vorjahr – detaillierte Geschäftszahlen für das Jahr sind noch nicht bekannt. In der Branche galt es als Rätsel, wie die kleine Fluggesellschaft das Wachstum finanzieren wollte, zumal viel grössere Anbieter wie Eurowings, Ryanair, Easyjet und Condor das Gleiche versuchten, mit entsprechenden Folgen für die Preise. Alle zahlten drauf, doch anders als die grossen Konkurrenten konnte sich Germania die Expansion nicht leisten.

Balke ist in der Branche umstritten, intern gilt er manchen als beratungsresistent. Er liess eine Airline in Gambia (Gambia Bird) starten, nach hohen Verlusten wurde der Versuch nach nur wenigen Monaten wieder gestoppt. Er gründete Töchter in der Schweiz und Bulgarien. Die zeitweise stark gestiegenen Preise für Kerosin sowie der Chaos-Sommer 2018, der hohe zusätzliche Kosten für Flugzeuge und Entschädigungszahlungen verursachte, brachten das Kartenhaus endgültig zum Einsturz.

Bischoffs Drohung mit dem Modell in der Plastiktüte damals hat übrigens ihre Wirkung nicht verfehlt. Weber unterschrieb. Lang ist es her.

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