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Plötzlich herrscht Chaos am Repo-Markt

Eine überraschende Liquiditätsknappheit in den USA beunruhigt die Märkte

Hans-Jürgen Maurus
Die Liquiditätsknappheit am Repo-Markt ruft Bilder von leerstehenden Häusern im Jahr 2008 hervor. Foto: David McNew (Getty Images)
Die Liquiditätsknappheit am Repo-Markt ruft Bilder von leerstehenden Häusern im Jahr 2008 hervor. Foto: David McNew (Getty Images)

Am 16. September löste eine plötzlich auftretende Liquiditätsknappheit am 2,2 Billionen US-Dollar schweren Repo-Markt Alarmstimmung aus. Völlig unerwartet schoss die «Overnight Repo Rate» – der Zinssatz, zu dem sich Finanzfirmen gegen beste Sicherheiten Geld leihen, gegen 10 Prozent in die Höhe – das Fünffache des Handelstags davor.

Sofort griff die US-Notenbank Fed mit einer Liquiditätsspritze von 75 Milliarden Dollar ein, um den Markt zu beruhigen. Doch die Ad-hoc-Aktion wurde zum Dauerzustand. Seither hat die Fed mehrere Hundert Milliarden in den ­Repo-Markt eingeschossen. Am Repo-Markt verkaufen Finanz­akteure Staatspapiere über Nacht, besorgen sich Cash und kaufen sie am nächsten Tag zurück. Dies ist für die Liquidität des Finanzsystems überlebenswichtig.

Wenn Geldströme versiegen, kommt das System zum Stillstand. Auch die Schweizer Nationalbank steuert mit Repo-Geschäften die Liquidität im Finanzsystem sowie die Versorgung der Wirtschaft.

Die US-Notenbank hält 500 Milliarden Dollar bereit

Für den Repo-Stress gibt es verschiedene Erklärungen. Mehrere US-Grossbanken hatten grosse Cash-Positionen bei der Fed abgezogen. Allen voran der Bankenkoloss J. P. Morgan Chase, der laut Reuters bis Juni 2019 seine Liquidität um 158 Milliarden Dollar reduziert hatte. Damit fielen Grossbanken als Bargeldgeber für andere Finanzinstitute aus. J.-P.-Morgan-Chef Jamie Dimon begründete seinen Schritt mit den verschärften Auflagen der Bankenaufsicht, die dazu führe, höhere eigene Cash-Positionen bereitzuhalten.

Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben Hedgefonds das Chaos am Repo-Markt verschärft, weil Spekulanten mit immer höheren Cash-Positionen operieren und ihre Hebelwirkung erhöhen. Andere Beobachter machen den Abbau der Fed-Bilanz mitverantwortlich, weil dies die Dollar-Liquidität verringerte.

Zoltan Pozsar, Analyst der Credit Suisse, sah das Chaos kommen. Er erwartet zusätzliche Probleme und weitere Aktionen der Fed. Turbulenzen sind möglich, weil zur Jahreswende viele Steuerzahlungen fällig sind. Zudem nimmt die Bankenaufsicht verschärfte Stresstests für systemrelevante Finanzinstitute vor, die nur einmal im Jahr erfolgen. Bei Defiziten drohen Sanktionen, welche die Finanzinstitute vermeiden wollen. Die Banken erhöhen deshalb ihre Barreserven.

Die Fed hält nun gemäss der Zeitschrift «Economist» an Silvester einen Cash-Hammer in Höhe von 500 Milliarden Dollar bereit. Beobachter sind nicht nur irritiert, sondern beunruhigt. Denn niemand sah die anhaltende Liquiditätsknappheit kommen.

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