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China fürchtet sich vor Spionen

Peking will nicht, dass ausländische Wirtschaftsprüfer in die Bücher chinesischer Börsenkandidaten blicken können. Das ist ein Rückschritt bei der Liberalisierung.

Zuschauen ist erlaubt: Ein Chinese beim Kursstudium in Fuyang. Foto: Keystone
Zuschauen ist erlaubt: Ein Chinese beim Kursstudium in Fuyang. Foto: Keystone

Peking verspricht, seine Finanzmärkte zu liberalisieren – und tut das Gegenteil. Das Finanzministerium hat die Umsetzung eines Zehnpunkteprogramms bis zum Jahresende angekündigt, wonach internationalen Steuerprüfern die Akteneinsicht bei chinesischen Börsenkandidaten verboten wird. Damit soll das ­Risiko vom Abfluss sensibler Informationen über chinesische Firmen ins Ausland eingedämmt werden. Nur noch chinesische Partnerunternehmen der internationalen Prüfer sollen künftig exklusiv Einsicht erhalten, um die Börsentauglichkeit der Bewerber anhand der Bücher zu bewerten.

Experten äussern sich über den Vorstoss des Ministeriums überrascht. «Das hatte ich nicht erwartet, weil es das Gegenteil von dem bedeutet, was als Ziel ausgegeben wurde», sagt Chen Bo von der Finanz- und Wirtschaftsfachschule in Shanghai, der die Regierung bei der Umsetzung ihrer Reformvorhaben berät. Im vergangenen Jahr hatte Premierminister Li Keqiang die umfangreichen Liberalisierungspläne der Regierung vorgestellt.

Zu den Kernpunkten zählte die Schaffung von mehr Marktwirtschaft, um die Konkurrenzfähigkeit chinesischer Finanzfirmen zu fördern und das Vertrauen internationaler Investoren zu gewinnen. Statt für neue Transparenz im chinesischen Finanzsektor zu sorgen, würde das Programm jedoch erhebliches Misstrauen nach sich ziehen.

Nationale Sicherheit geht vor

Investoren könnten durch den Ausschluss der Ausländer abgeschreckt werden. Für chinesische Firmen würde das ein erheblicher Nachteil beim Bemühen um neues Kapital bedeuten. Problematisch für die internationalen Wirtschaftsprüfer wäre zudem, dass sie trotz ihrer Zuschauerrolle für die Resultate ihrer chinesischen Partner verantwortlich wären. In der Vergangenheit wurden bereits mehrfach Aktien chinesischer Firmen an internationalen Handelsplätzen aus dem Handel genommen, weil sich deren Bilanzen oder Prognosen als gefälscht oder geschönt heraus­gestellt hatten.

Peking ist sich der Probleme sicher bewusst, sendet aber ein klares Signal, dass die Reformagenda für die Finanzmärkte der nationalen Sicherheit untergeordnet ist. «Die Regierung hat Angst vor Spionage westlicher Geheimdienste wie der amerikanischen CIA. Sie will verhindern, dass sensible Daten und Informationen über ihre Firmen das Land verlassen», sagt Berater Chen.

Gemeint sind in erster Linie staatseigene Unternehmen, weniger die privaten. Die Abschirmung gilt sogar auch gegenüber Steuerprüfern aus Hongkong. Für chinesische Unternehmen wie zum Beispiel den Internetkonzern Alibaba, dessen Börsengang demnächst in New York erwartet wird, würden also nur noch lokale Prüfer infrage kommen. Angesichts der deutlich steigenden Zahl chinesischer Unternehmen, die es im Ausland an die Aktienmärkte zieht, münden die Regeln in eine neue Form des Protektionismus, der internationale ­Auditoren klar benachteiligt.

Ein Omen für das gesamte Reform­bestreben sieht Finanzexperte Chen in dem Ministeriumspapier jedoch nicht. «Die Signale, die ich empfange, besagen, dass die Regierung weiterhin fest entschlossen ist, den Finanzsektor zu liberalisieren. Der Ausschluss der ausländischen Prüfer bedeutet nicht, dass die ­Reformagenda ganz gescheitert ist.»

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