Das Libra-Projekt ist ein Weckruf für die Aufseher

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt vor einer Aushebelung des Wettbewerbs.

Ob Mark Zuckerberg mit seinem geplanten neuen Geld Erfolg hat, hängt auch von den Aufsichtsbehörden ab. Foto: EPA

Ob Mark Zuckerberg mit seinem geplanten neuen Geld Erfolg hat, hängt auch von den Aufsichtsbehörden ab. Foto: EPA

Robert Mayer@tagesanzeiger

Einen besseren Zeitpunkt hätte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nicht wählen können: Ihr neuer Jahreswirtschaftsbericht enthält ein Sonderkapitel über das Vordringen von Technologiekonzernen in den Finanzsektor – nur wenige Tage nachdem Facebook mit dem Projekt für eine neue Digitalwährung unter dem Namen Libra eine der bislang spektakulärsten Tech-Initiativen zum Eintritt ins Finanzgeschäft angekündigt hat. Der Jahresbericht wird zwar erst am 30. Juni publiziert, das Sonderkapitel daraus hat die BIZ aber bereits gestern veröffentlicht.

Trotz des passenden Moments für die Veröffentlichung mochten sich Vertreter der BIZ nicht näher zu Libra äussern, etwa betreffend die Finanzaufsicht. Das Vorhaben sei noch in einem allzu frühen Stadium, sagten sie an einer Telefonkonferenz. Man sei zwar vorgängig mit Facebook-Repräsentanten zusammengekommen, verfüge aber nicht über mehr Informationen als jene, die der Social-Media-Konzern letzte Woche in einem Weissbuch offenlegte.

Wie die BIZ-Autoren des Sonderkapitels mit der Überschrift «Chancen und Risiken» deutlich machen, bieten die neuen Konkurrenten der Banken aus Kundensicht durchaus Vorteile. Herausgefordert sind allerdings die Aufsichtsbehörden, weil den Banking-Aktivitäten von Google, Amazon oder Alibaba nicht mit herkömmlicher Finanzregulierung beizukommen ist. Darüber hinaus stellen sich Fragen bezüglich der Marktmacht – die auf den Netzwerkeffekten von Tech-Konzernen beruht – und in Bezug auf einen möglichen Datenmissbrauch.

Zwei zentrale Vorteile

Aus Sicht der BIZ weisen Tech-Giganten gegenüber Banken zwei zentrale Vorzüge auf: Zum einen arbeiten sie mit günstigeren Kostenstrukturen, die sich mit steigenden Kundenzahlen auf ihren digitalen Plattformen noch weiter senken lassen. Zum anderen können sie dank ihres riesigen Datenfundus umfassendere und passgenauere Kundenprofile erstellen.

Beides ermöglicht den Tech-Konzernen, Bankdienstleistungen anzubieten für Kunden, die herkömmliche Geldhäuser nicht erreichen können oder wollen. Das gilt etwa für die geschätzten 1,7 Milliarden Menschen weltweit, die kein Bankkonto besitzen – aber sehr wohl Zahlungen über ihr Mobiltelefon vornehmen ­können.

Anhand zweier Beispiele aus China und Argentinien zeigen die BIZ-Autoren, wie Tech-Anbieter ihren Informationsvorsprung gegenüber Banken auch im Kreditgeschäft ausspielen können. Zu jedem Kreditantrag, so machen die Plattformbetreiber in den beiden Ländern geltend, verfügten sie jeweils über mehr als 1000 Datenreihen, die in die Bonitätsprüfung einfliessen.

Die Betreiber können den höchsten Zins evaluieren, den ein Kunde noch zahlen kann.

Die Banken hingegen verlangen Mindestanforderungen für Kreditbegehren, die vielerorts – namentlich in Entwicklungsländern – nur wenige zu erfüllen vermögen. Ferner kompensieren Banken ihr Informationsdefizit dadurch, dass sie von Kreditnehmern Sicherheiten verlangen. Den Tech-Firmen stehen subtilere Möglichkeiten offen, wie der BIZ-Bericht darlegt: Schon die Drohung, säumige Schuldner auf ihren Plattformen mit einem Malus zu versehen oder sie davon zu verbannen, wirkt disziplinierend auf Kreditnehmer.

Tech-Konzerne bewirken mit ihrem Vorstoss in die Domäne der Banken also zweierlei: Finanzdienstleistungen können effizienter erbracht und leichter zugänglich gemacht werden. Die BIZ legt aber auch die Kehrseiten digitaler Plattformen im Finanzsektor offen, vor allem wenn diese Anbieter zu dominanter Grösse gelangen.

Gefahr von Diskriminierung

So können die Betreiber bewusst oder unbewusst Eintrittsbarrieren errichten, etwa für mögliche Konkurrenten oder ­Minderheiten. Oder sie können Preisdiskriminierung betreiben: Mittels Datenanalyse sind sie in der Lage, zum Beispiel den höchstmöglichen Zins zu evaluieren, den jeder einzelne Kreditnehmer gerade noch bereit ist zu zahlen. Dadurch lassen sich zusätzliche Gewinne erzielen, die für Banken unerreichbar bleiben.

Für die BIZ ist klar: Um die Tech-Aktivitäten im Finanz­sektor zu überwachen und die Banken nicht zu benachteiligen, bedarf es eines umfassenden Ansatzes. Gefordert ist ein Zusam­menspannen von Finanzregulatoren mit Wettbewerbshütern und mit Datenschützern. Was die Wettbewerbspolitik anbelangt, erachten die BIZ-Autoren die traditionelle ­Herangehensweise der Kartellbehörden bei Tech-Firmen als ungeeignet.

Die BIZ erachtet das ­traditionelle Vorgehen der Kartellbehörden als ungeeignet.

Statt auf einzelne Märkte, Firmengrösse, Marktkonzentration und Preisgebaren abzustellen, sollten sie sich stärker auf das Geschäftsmodell von Plattformbetreibern fokussieren. Als Beispiel wird Indien genannt: Wichtige digitale Plattformen dürfen dort keine Produkte mehr verkaufen, wenn diese von Unternehmen stammen, die mit dem Plattformbetreiber liiert sind.

Um gleich lange Spiesse von Tech-Konzernen und Banken zu ermöglichen, empfehlen die Autoren ferner, die Datennutzung für Plattformbetreiber einzuschränken. Das erfordert zum einen verschärfte Datenschutzvorschriften, andererseits sollten Kunden ihre Daten über Finanztransaktionen einfach an autorisierte Drittparteien übertragen können.

Beides läuft darauf hinaus, das Eigentum an den Daten von den Tech-Firmen auf die Kunden zu übertragen. Für die BIZ ist dies freilich nur Mittel zum Zweck: Sie erachtet solche Massnahmen als dienlich, um im digitalen Zeitalter echten Wettbewerb im Finanzsektor zu gewährleisten.

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