Der Pilot, der Boeing die Leviten liest

Chesley «Sully» Sullenberger hat 155 Menschen gerettet. Sein Urteil über die Boeing 737 Max fällt vernichtend aus.

Äusserte sich vor dem amerikanischen Kongress in Washington zur Boeing-Affäre: Chesley «Sully» Sullenberger. (Foto: Reuters)

Äusserte sich vor dem amerikanischen Kongress in Washington zur Boeing-Affäre: Chesley «Sully» Sullenberger. (Foto: Reuters)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Der Auftrag muss ihn geschaudert haben. Der Pilot Chesley Sullenberger, «Sully» für seine Freunde, ein Amerikaner Schweizer Abstammung, wurde diese Woche in Washington aufgeboten, um zwei Ereignisse zu kommentieren, die er selber nie erlebt und ein spektakuläres Mal vermieden hat: Abstürze.

Am Mittwoch äusserte er sich vor dem amerikanischen Kongress in Washington. Zur Debatte stand die Boeing 737 Max, von der zwei Exemplare, eines von der indonesischen Lion Air, ein weiteres von Ethiopian Airlines, in den letzten neun Monaten abgestürzt sind. Dabei kamen 346 Menschen ums Leben. Als Ursache wird ein Problem der Software vermutet. Bis dieses gelöst ist, müssen alle Flugzeuge dieses Typs am Boden bleiben.

Um die Momente vor dem Absturz zu verstehen, haben Kongressmitglieder Sully gebeten, diese in einem Simulator nachzustellen. Sein Verdikt fällt so deutlich aus, wie sein Charakter integer ist. Der Pilot übt scharfe Kritik an Boeing und der US-Luftfahrtbehörde FAA: «Die Abstürze belegen, dass das heutige System des Flugzeug­designs und der Zertifizierung versagt hat.» Es sei offensichtlich, dass die mangelhafte Software niemals hätte zugelassen werden dürfen. Und dann der Killersatz: «Die Ausbildung muss auf Notfälle ausgerichtet sein.»

«Brace for impact» waren seine letzten Worte an die Passagiere.

Das hat gesessen. Denn wenn einer sich in nicht vorhersehbaren Notfällen auskennt, dann Chesley Sullenberger. «Ich gehöre zu der relativ kleinen Gruppe von Menschen, die eine solche Krise durchgemacht haben, und ich lebe, um meine Erfahrungen weiterzugeben», sagte Sullenberger. Sully war es nämlich, wie die Liveaufnahmen vom 15. Januar 2009 und der hervorragende Spielfilm von Clint Eastwood deutlich gemacht haben, der in einem extremen Notfall entschied, worauf ihn kein Manual im Flugzeug, keine Simulation während der Ausbildung vorbereitet hatte: sein Flugzeug, bei dem beide Turbinen wegen Vogelschlag aufs Mal abgestorben waren, auf der grössten Anflugschneise von New York State zu landen beziehungsweise zu wassern, dem Hudson River.

«Brace for impact» waren seine letzten Worte an die Passagiere, wie kann man das am besten übersetzen: Macht euch bereit für den Aufschlag? Wenig später setzte der Airbus A320, der eben vom New Yorker Flughafen La Guardia gestartet war, mit vollen Tanks und voller Passagiere auf dem Fluss auf. Chesley Sullenberger hatte mit einem hoch riskanten Manöver, dessen Durchführung er innert Sekunden entscheiden musste, die ganze Crew und alle Passagiere gerettet. Und wie es sich für einen Helden gehört, ging er als Letzter von Bord.

Alle anderen Simulationen, welche die Versicherung hatte proben lassen, hätten in einem Flammenmeer geendet.

Nur das Flugzeug ging kaputt, weshalb ihm die zuständige Versicherung den Prozess machte – den Sully aber in hohem Tempo gewann. Denn wie Simulationen bewiesen, hatte er die einzig richtige Entscheidung getroffen. Alle anderen, welche die Versicherung hatte proben lassen, hätten in einem Flammenmeer geendet.

Sully hat sich nach der vermiedenen Katastrophe mehrfach über sie geäussert. Nie hat er dabei vergessen, zu erwähnen, wie viele damals geholfen haben und wie sehr sein Beitrag nur einer gewesen sei unter vielen. Wahre Helden denken an alle anderen.

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