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Die Europhobie

Die Verunsicherung der Bankkunden im Euroraum steigt. Das treibt verängstigte Sparer aus den Nachbarländern zu Banken in der Schweiz, um ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen.

Einmal über die Grenze und das Geld ist in Sicherheit: Schild mit der Aufschrift «Geldwechsel Change» an der Grenze zu Deutschland in Kreuzlingen.
Einmal über die Grenze und das Geld ist in Sicherheit: Schild mit der Aufschrift «Geldwechsel Change» an der Grenze zu Deutschland in Kreuzlingen.
Keystone

Angst ist ein Grundgefühl. Ist es an ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Situation gebunden, spricht man sogar von einer Phobie. Die Entwicklung der Währungsunion beobachten Kleinsparer und Anleger im Euroraum mit Argusaugen. Ihre Angst ist an den Zerfall der Eurozone und an den potenziellen Verlust ihres Vermögens gebunden. Sie haben Angst vor der ungewissen Zukunft für den Euro. Also suchen sie verzweifelt nach Auswegen, um ihre wachsende Europhobie zu zähmen und nicht mehr um den Verlust ihres Ersparten fürchten zu müssen.

«Wir stellen Mittelzuflüsse fest»

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist der Überzeugung, dass diese verängstigten Bankkunden vermehrt ihr Geld in die Schweiz bringen. «Die neue Unsicherheit hat dazu geführt, dass vor allem unsere Filialen in den Grenzregionen verstärkt Bargeldzuflüsse registrieren», zitierte ihn dieser Tage das «Handelsblatt». Zahlen zu den Volumina wollte der Raiffeisen-Chef keine nennen. Nur soviel: «Geld kommt vor allem aus Italien und Frankreich, auch aus Deutschland stellen wir Mittelzuflüsse fest.»

Fragt man die grenznahen Kantonalbanken, will sich keine zu weit aus dem Fenster lehnen. Der Steuertreit mit den USA und der EU haben die Banken vorsichtig werden lassen. Keine der anderen befragten Banken will mit allfälligen Nettogeldzuflüssen in den vergangenen Wochen und Monaten prahlen. Zu Redaktion Tamedia sagt Martin Vogel, Geschäftsleiter der Schaffhauser Kantonalbank: «Als grenznahe und regional orientierte Bank hatten wir schon immer Kunden aus der Eurozone und wir haben auch weiterhin Interesse daran. Zentral für uns ist, dass wir dabei die geltenden Regeln und Gesetze einhalten.» Eine stärkere Belebung des Geschäfts habe er in den letzten Wochen nicht festgestellt.

Kantonalbanken mauern

Gerne hätten wir auch von der St. Galler Kantonalbank (SGKB) gewusst, ob wegen der wachsenden Unsicherheit im Euroraum die Geldzuflüsse steigen. SGKB-Sprecher Simon Netzle sagt, diese würden weder signifikant noch aus besagtem Grund erfolgen. «Das grenzüberschreitende Geschäft ist kein zentrales Geschäftsmodell.» Aber: «Selbstverständlich freuen wir uns über jeden Kunden.»

Die Banque Cantonale Vaudoise machte auf die Frage, ob sie einen Geldzufluss feststellen könne, weil französische Kunden sich in der Eurozone vermehrt unsicher fühlen würden, keine näheren Angaben. Laut der Bank könne das nur mit einigem Aufwand beziffert werden. Derweil heisst es nur: «Wir haben keine speziellen Bewegungen fesgestellt.»

Sprecherin Ursula Diebold von der Aargauischen Kantonalbank sagt, dass es vielleicht «noch einen Moment» brauchen werde, bis möglicherweise ein stärkerer Anstieg von Kunden aus dem Euroraum zu verzeichnen wäre. Bis jetzt habe es keine «aussergewöhnlichen» Zuflüsse gegeben.

Der Kommunikationschef der Tessiner Kantonalbank, Curzi De Gottardi, gibt sich weniger zugeknöpft als die Kollegen der anderen Banken: «Die Leute haben Angst und wissen nicht was passiert. Wir bemerken den Trend, dass immer mehr Italiener wegen der Stabilität und Sicherheit ihr Vermögen bei uns anlegen.»

Zuflüsse vs. Kapitalflucht

Umgekehrt geht aber nicht nur bei Bankkunden aus dem Euroraum die Angst um, sondern auch bei jenen im Inland. Vincenz stellte fest, dass der Steuerstreit mit den USA, Deutschland und der EU die Kunden mit ihren Vermögen aus dem Land drängt. In diesem Fall geht es vor allem um ausländische Bankkunden, die bereits bei einer Bank im Inland ihr Geld angelegt haben und nun höhere Steuern in ihrem Heimatland befürchten müssen – oder schlimmstenfalls auch behördliche Verfahren wegen Steuerhinterziehung. Besonders die Eurostaaten machen Jagd auf Steuersünder, um so dem Steuerausfall wegen der grassierenden Wirtschaftskrise entgegenzuwirken. Diese Kunden ziehen ihr Geld nun wieder aus der Schweiz ab.

Fünf Prozent habe die Privatbank Notenstein wegen den negativen Auswirkungen der Klage der US-Steuerbehörden gegen Wegelin bereits verloren. Zur Erinnerung: Das Geschäft der Bank Wegelin wurde von Raiffeisen aufgekauft und in die eigens gegründete Notenstein exklusive der US-Schwarzgeldkunden überführt. Die US-Klagen gegen Wegelin sind weiter aufrecht. Auch die Credit Suisse, Julius Bär und diverse Kantonalbanken stehen weiterhin im Visier der US-Justiz. Gesicherte Zahlen, wie viele Kunden mittlerweile ihr Vermögen wegen der Folgen des Steuerstreits aus der Schweiz abgezogen haben, existieren nicht.

Sicher ist, dass Steuerstreit und Abgeltungssteuer die heimischen Banken massiv belasten. Die Eurokrise dürfte zwar einen gewissen Zufluss für Banken in der Schweiz bewirken. Die Angst ums eigene Vermögen steckt aber den Bankkunden sowohl diesseits als auch jenseits der Schweizer Grenze in den Knochen.

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