Die tragische Figur John Cryan

Die Entlassung des Chefs der Deutschen Bank hat Parallelen zu seiner Zeit als Finanzchef der Grossbank UBS. In beiden Fällen ist er ausgeschieden, bevor seine Arbeit Früchte trug.

Viel Arbeit ohne Loorbeeren am Ende: John Cryan muss seinen Posten bei der Deutschen Bank wieder räumen.

Viel Arbeit ohne Loorbeeren am Ende: John Cryan muss seinen Posten bei der Deutschen Bank wieder räumen.

(Bild: Keystone)

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

«Ich wollte nur mitteilen, dass ich der Bank auf jeden Fall weiter dienen will und den Weg, den wir vor rund drei Jahren begonnen haben, weiterverfolgen möchte.» Diesen Satz schrieb John Cryan noch vor wenigen Tagen in einem längeren Brief auf der Website der Deutschen Bank. Während die Medien bereits über seine baldige Entlassung spekulierten, wollte Cryan der Welt einmal mehr bekräftigen, dass er an seinem Amt als Chef (CEO) der Deutschen Bank auf jeden Fall festhalten will.

Genützt hat es ihm wenig. Seit gestern ist er den Posten los. Entlassen vom Aufsichtsrat der Bank unter der Leitung von Paul Achleitner. Neu sitzt mit Christian Sewing einer seiner beiden Stellvertreter auf dem Chefsessel. Damit wiederholt sich in gewisser Weise für Cryan die Geschichte. Die Führung der Deutschen Bank hat der Brite im Juli 2015 noch zusammen mit Jürgen Fitschen übernommen, ab Mai 2016 leitete er das grösste deutsche Finanzinstitut dann allein. Aufgabe von Cryan war es, die Bank wieder aus der Krise zu holen, in die sie seit der Finanzkrise von 2008 immer tiefer gerutscht ist.

Krisenmanager in der Schweiz

Eine ähnliche Aufgabe hatte John Cryan einst auch in der Schweiz – wenn auch nicht als oberster Chef. Im September 2008 wurde er Finanzchef der UBS, ebenfalls in deren grösster Krise, bei deren Bewältigung er eine grosse Rolle spielte. Schon kurz nachdem er seinen Posten übernommen hatte, musste die Grossbank vom Schweizer Staat und von der Nationalbank gerettet werden. Chef von Cryan auf dem CEO-Posten war zu Beginn noch Marcel Rohner, der dann 2009 von Oswald Grübel abgelöst wurde. Bei der ersten Bilanzmedienkonferenz musste der Brite für das Jahr 2008 einen Verlust von 21 Milliarden Franken präsentieren. Auch in der Schweiz verliess Cryan den Posten wieder, bevor der Umbau der Bank abgeschlossen war. Bereits im Dezember 2010 kündigte er seinen Rücktritt an – «aus persönlichen Gründen», wie es hiess. Im Jahr 2011 übernahm Tom Naratil von ihm den Posten des Finanzchefs der UBS.

Als John Cryan bei der Deutschen Bank einstieg, waren die Probleme auch da gigantisch. Doch hier war er anders als bei der UBS oberster operativer Verantwortlicher. Für das Jahr 2015 musste das Institut einen Verlust von 6,7 Milliarden Euro vermelden. Für einen Gewinn hat es aber auch unter seiner alleinigen Führung nie gereicht. Für das vergangene Jahr belief sich der Verlust noch immer auf 735 Millionen Euro, der damit immerhin etwas tiefer als 2016 ausfiel, als er 1,4 Milliarden Euro betrug.

Der schlechte Zustand der Bank führte im Jahr 2016 sogar dazu, dass sie vom Internationalen Währungsfonds bei der Präsentation von dessen Bericht zur Finanzstabilität explizit als Bank mit einem nicht mehr zeitgemässen Geschäftsmodell und einer viel zu grossen Bilanzsumme genannt wurde. In einem anderen Bericht zur deutschen Bankenlandschaft nannte der IWF das Institut sogar die grösste Gefahr für das weltweite Finanzsystem. Ein Grund dafür war die extrem geringe Eigenkapitaldecke, ein anderer die tiefe Profitabilität und die Abhängigkeit von einem hochriskanten Investmentbanking.

Das Vermächtnis von Josef Ackermann

Diese Aufstellung der Bank ist nicht das Vermächtnis von John Cryan, sondern geht auf den Schweizer Josef Ackermann zurück, der die Deutsche Bank von 2002 bis 2012 geführt hat. Doch Cryan ist es nicht gelungen, die Bank zwischenzeitlich zu stabilisieren. Kein Wunder, weinen die Aktionäre der Bank dem scheidenden Chef keine Träne nach. Die Botschaft von seinem Abgang bescherte der Aktie der Deutschen Bank bis zum Mittag einen Höhenflug von mehr als drei Prozent. Seit Cryans Amtsantritt hat der Titel die Hälfte seines vormaligen Werts verloren.

Abgezeichnet hat sich die Entlassung von Cryan schon länger, auch wenn dieser selbst sich noch an den Posten zu klammern versucht hat. Sein Verhältnis zum Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner hat sich zusehends verschlechtert. Schon vor einem Jahr hat dieser ihm zwei Stellvertreter an die Seite gestellt, einer davon ist Christian Sewing, der nun seine Nachfolge antritt.

Mit der Übergabe des Chefpostens von Cryan an Sewing versucht Achleitner letztlich, seinen eigenen Einfluss zu retten. Denn letztlich ist er es, der für die Strategie der Bank verantwortlich ist – und er ist es auch, der Cryan zur Deutschen Bank geholt hat. Viele erwarten deshalb, dass Achleitner John Cryan bald nachfolgen und seinen Posten ebenfalls räumen muss.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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