Duzis mit dem Chef – cool, kumpelhaft, künstlich?

Nun wollen auch die SBB die Du-Kultur einführen. Hilfe im täglichen Umgang oder aufgesetzte Nähe? Die Antworten der Wirtschaftsberaterin.

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Olivia Raths@tagesanzeiger

Wenn SBB-Chef Andreas Meyer an seinen Mitarbeitern vorbeigeht, könnte vielleicht schon bald von allen Seiten ein «Hallo Andy» ertönen. Jüngst sprachen sich nämlich in einer Umfrage des SBB-Mitarbeitermagazins «Unterwegs» 85 Prozent der Teilnehmer für generelles Duzen im Unternehmen aus. Ihre Argumente: Das Du erleichtert die Zusammenarbeit und fördert das Wir-Gefühl. Zwar wird deswegen nicht gleich das konzernweite «Du» verordnet, wie SBB-Sprecherin Lea Meyer auf Anfrage sagt. «Wir wollen die Du-Kultur nicht erzwingen. Müssten sich alle Mitarbeitenden von heute auf morgen duzen, wären sicher etliche überfordert.» Es bleibe jedem selber überlassen, wen er duzen und wen siezen wolle.

Aber die SBB möchten die Hürden fürs Duzen deutlich herabsetzen, wie Meyer weiter ausführt. «Wir wollen schneller zum Du übergehen und ermuntern die Vorgesetzten, dies auch zu tun.» Dazu beitragen werden laut der SBB-Sprecherin auch die neuen SBB-Büros in Bern-Wankdorf und Zürich-Altstetten, die sehr offen gestaltet seien.

Auch Bewerber werden geduzt

Die Swisscom ging weiter: Im Frühling 2008 hielt der inzwischen verstorbene CEO Carsten Schloter das Du sogar in der Hausordnung fest. Die Du-Kultur gilt seither für das ganze Unternehmen und für alle Hierarchiestufen. Obwohl sich bis dahin schon 98 Prozent der Swisscom-Mitarbeiter geduzt hatten, herrschte anfangs Unsicherheit, ob man auch Schloter duzen dürfe. «Inzwischen ist die Du-Kultur bei der Swisscom über die verschiedenen Hierarchiestufen hinweg selbstverständlich», sagt Sprecherin Annina Merk gegenüber berneroberlaender.ch/Newsnetz.

Neu würden auch Kandidaten in den Bewerbungsgesprächen mit Du angesprochen, und in den Stelleninseraten verwende man die Du-Form. «So erhalten potenzielle Mitarbeitende gleich einen Eindruck vom Arbeitsumfeld bei Swisscom.» Die Erfahrungen sind laut Merk positiv. Die Du-Kultur unterstütze den Dialog und die Zusammenarbeit. Der Umgang untereinander werde vereinfacht, und man habe klare «Spielregeln» in der gegenseitigen Ansprache.

Schweizer tun sich schwer mit Duzen

Kritischer beurteilt die international tätige Zürcher Wirtschaftsberaterin Sonja A. Buholzer die Kultur des Du-Sagens in Schweizer Unternehmen: Im Gegensatz zu globalen Konzernen, bei denen sich wegen ihrer Grundsprache Englisch schon eine Du-Kultur etabliert hat, tut man sich in vielen Schweizer Firmen schwer damit.

Wegen der deutschen Sprache, die klar zwischen «Du» und «Sie» unterscheidet, herrscht Buholzer zufolge eine andere Hierarchiegläubigkeit und Kultur der Distanz als in internationalen Konzernen. «Deshalb wirkt das Du gegenüber höheren Vorgesetzten oft künstlich, und viele Schweizer können kaum damit umgehen.» Das führe zu Verwirrung und Grenzüberschreitungen. Für Buholzer ist eine Du-Kultur bei den SBB oder der Post schwer vorstellbar. Es gebe jedoch auch Chancen: Wenn eine solide Unternehmenskultur etabliert sei, dann sei ein schnellerer und konstruktiverer Austausch mittelfristig durchaus möglich.

Du-Kultur muss langsam wachsen

Wichtig ist laut Sonja A. Buholzer, dass nicht vorschnell auf allgemeines Duzen umgestellt werde. Als Inhaberin der Unternehmensberatung Vestalia Vision hatte sie mit Firmen zu tun, die einst die Du-Kultur vorschnell eingeführt hatten und dies nun bereuen. Rückgängig machen sei nicht mehr möglich. «Das grösste Problem war, die Grenzen zu erkennen: Man ging zu kumpelhaft miteinander um, nicht selten auch gegenüber weiblichen Vorgesetzten. Respekt und Disziplin nahmen ab, weil das Unternehmen noch gar nicht so weit war.» Dies führte laut der Unternehmensberaterin etwa dazu, dass Wortmeldungen bei Sitzungen häufiger unterbrochen und Aufgaben weniger präzise umgesetzt wurden. Die Folge: Man musste mehr Fehler korrigieren, und der Führungsaufwand stieg. «Ein zu frühes Du für alle macht die Mitarbeiterführung sogar noch strenger», so Buholzer.

«Solche Beispiele zeigen, dass man nicht von einem Tag auf den anderen auf generelles Duzen umstellen sollte. Die Du-Kultur muss einige Jahre wachsen dürfen», erklärt Sonja A. Buholzer. «Ganz bizarr ist eine plötzlich künstlich verordnete Du-Kultur, mit der man viele auch überfordert.» Wünschenswert sei auch, wenn man selber wählen könne. Die Mitarbeiter müssten zudem sensibilisiert werden, wie sie trotz des Du-Gebrauchs den Respekt voreinander wahren und die «Leitplanken» des Miteinanders wahren könnten, so Buholzer.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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