Hiltl wirft Plastikröhrli raus, Migros packt die Spargeln ein

Das EU-Plastikverbot geht der Schweiz zu weit. Doch in Beizen, Supermärkten und einzelnen Gemeinden passiert etwas – manchmal erst auf Druck der Kunden.

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Caroline Freigang@c_freigang

Röhrli, Wattestäbli, Plastikbesteck, Trinkhalme: Kurz vor dem heutigen Weltumwelttag hat die EU dem exzessiven Plastikverbrauch den Kampf angesagt. Die EU-Kommission will zehn Wegwerf-Plastikprodukte verbieten. Die Schweiz will dabei nicht mitziehen: Der Bundesrat plane derzeit kein Verbot, gab Umweltministerin Doris Leuthard bekannt.

Trotz Absage gibt es immer mehr freiwillige Massnahmen: Die vegetarische Gastronomiekette Hiltl gab heute bekannt, Plastiktrinkhalme aus ihren sieben Restaurants und drei Clubs in und um Zürich zu verbannen. Damit würden pro Jahr eine halbe Million Plastikröhrli gespart. Für Gäste, die nicht auf die Trinkhalme verzichten wollten, biete Hiltl künftig auf Nachfrage eine Alternative aus nachhaltigem Material an, schreibt das Unternehmen.

Röhrchen aus Stahl, Bambus und Papier

Neuenburg gab Mitte Mai bekannt, als erste Schweizer Stadt Trinkhalme aus Plastik zu verbieten. Restaurants würden Getränke künftig mit abwaschbaren oder kompostierbaren Röhrchen aus Stahl, Bambus oder Papier servieren.

Die Massnahme dürfte gut gemeint, aber womöglich ein Tropfen auf den heissen Stein sein: «Wir schätzen, dass die verbrauchten Mengen an Trinkhalmen im Verhältnis zum gesamten Kunststoffverbrauch in der Schweiz vernachlässigbar sind», sagt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) gegenüber dem Nachrichtenportal Watson. Dem Bafu zufolge werden in der Schweiz jährlich rund 125 Kilogramm Plastik pro Kopf verbraucht.

Kunden ärgern sich über Plastikverpackungen

Auch der Bundesrat verwies am Montag auf freiwillige Massnahmen der Wirtschaft, Plastik zu reduzieren: etwa auf die Branchenvereinbarung zu Plastiksäcken. Die meisten grossen Detailhändler hatten im Jahr 2016 entschieden, Einwegsäckli nicht mehr gratis abzugeben. Seither kosten die Plastiksäcke bei grossen Händlern wie Coop und Migros 5 Rappen. Die Nachfrage sei seit der Branchenvereinbarung über 80 Prozent eingebrochen, gaben die Händler zuletzt bekannt.

Dennoch ärgern sich Kunden weiterhin über exzessive Plastikverpackungen in den Läden: Dieser Twitter-Nutzer versteht etwa nicht, wieso diese Bananen bei Coop in Plastik eingepackt werden müssen: «5 Rappen für den Plastiksack, weil man sooo umweltbewusst ist. Und dann Bananen in Plastik verpacken!»

Auch über Broccoli in Plastik echauffiert man sich:

Coop antwortet dem Nutzer darauf auf Twitter, interne Studien der Qualitätssicherung hätten ergeben, dass die spezielle Folie in den heissen Sommermonaten Food-Waste um 20 Prozent reduzieren würde.

Apfelschnitze aus Sortiment genommen

Die Migros musste zuletzt geschnittene Apfelstücke wieder aus dem Sortiment nehmen – trotz guter Verkaufszahlen. Kunden hatten sich massiv über die unnötige Verwendung von Plastik beschwert.

«Vernünftige Menschen versuchen den Konsum von in Plastik verpackten Produkten einzuschränken, und was macht ihr? Schneidet Äpfel in Streifen und zerstört damit den natürlichen Schutz, um die Streifen dann in Plastik zum Schutz einzupacken», schrieb etwa dieser Nutzer auf Facebook. Migros-Sprecherin Andrea Bauer bestätigte daraufhin: «Wegen der vielen negativen Reaktionen haben wir beschlossen, den Pilotversuch abzubrechen.»

Doch mit den Apfelschnitzen war das Thema noch nicht durch: Kunden regten sich über geschälte und in Plastik verpackte Spargeln auf, die die Migros verkaufte:

Die Migros sagt dazu gegenüber berneroberlaender.ch/Newsnetz: Um die Frische der Spargeln sicherzustellen, sei eine aufwändigere Verpackung nötig. Und: Die Migros sei fortlaufend bemüht, ihre Verpackungen zu optimieren und ökologischer zu gestalten – so auch bei diesem Produkt.

Nicht nur in der Schweiz, auch im Ausland regen sich Kunden über übermässige Plastikverpackungen auf. Etwa über diese in Plastik verpackte Kokosnuss inklusive Plastikstrohhalm:

Oder diese geschälte Zwiebel in Plastik, die es bei Lidl in Grossbritannien zu kaufen gibt:

Wie auch diese einzeln verpackte Erdbeere, die es in Hongkong für umgerechnet rund 21 Franken zu kaufen gibt:

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