Kind der Siebziger und Frau der Zukunft

Die IBM-Managerin Angelika Steinacker ärgert sich darüber, dass sich die Gesellschaft rückwärts bewegt.

Angelika Steinacker freut sich, wenn sie jungen Kolleginnen «einen Schubs» geben kann. Foto: PD

Angelika Steinacker freut sich, wenn sie jungen Kolleginnen «einen Schubs» geben kann. Foto: PD

Kathrin Werner@Kathrin_Werner

Schneller kann ein Mensch eine Frage gar nicht beantworten. Hat es Sie nicht eingeschüchtert, immer von so vielen Männern umgeben zu sein? «Nein», schiesst es aus ihr hervor. «Das hat mit meiner Sozialisation zu tun.» Angelika Steinacker, eine der mächtigsten Cybersecurity-Managerinnen Europas, ist in einem norddeutschen Nest aufgewachsen. In ihrem Jahrgang gab es kaum ­Mädchen. So war sie in ihrer Kindheit immer von Jungen umgeben. «So habe ich ­gelernt, mich durchzusetzen», sagt die 58-Jährige.

Steinacker ist europäische Chefin für Lösungen zu Identitäts- und Zugriffsmanagement beim US-Computerkonzern IBM, in der Branche ist sie schon seit mehr als 30 Jahren. «Natürlich hat man mich auch mal für die Sekretärin meines Chefs gehalten und so», ­erzählt sie. Aber es hat sie nicht ­gestört. Sie wusste ja, was sie kann. «So etwas hat mich nicht aufgehalten.» Heute sieht sie es als Teil ihrer Aufgaben, dass junge Frauen sich für Karrieren in der Computerbranche begeistern, speziell in der Cyber­security, einem schnell wachsenden Feld, in dem es kaum Frauen gibt. Steinacker ist eines der Vorbilder, an denen es jungen Frauen fehlt, die sich für technische Berufe interessieren, aber sich nicht so recht trauen.

Ein Fach, das Frauen liegt

Sie selbst ist nie auf die Idee gekommen, dass Computer nur etwas für Jungs sind. «Unsere Eltern waren sehr fortschrittlich», sagt Steinacker. «Sie haben meinen Bruder und mich quasi gegengeschlechtlich erzogen.» Die kleine Tochter spielte mit Bauklötzen, ihr Bruder mit Puppen. Steinacker hat deshalb gedacht, dass es komplett an der Sozialisierung liegt, dass sich Mädchen seltener für Informatik interessieren als Jungen. Dann bekam sie selbst Kinder: Obwohl diese mit einer Mutter aufwuchsen, die ein Vorbild für Frauen in typischen ­Männerberufen ist, interessieren ihre Kinder nun doch Felder, die typischerweise zu ihrem Geschlecht passen. «Ein bisschen etwas muss doch ­genetisch sein», sagt sie.

Cybersecurity sei ein Fach, das Frauen eigentlich liegt. Natürlich müsse man sich für Technik interessieren, aber in ihrem Beruf seien Kommunikation und der Umgang mit Menschen ­genauso wichtig. Dem Management in den USA erklärt sie, wie die Europäer Datenschutz und Cybersecurity sehen. Und auch die Kunden müsse man verstehen. «Viele meiner jungen Kollegen sind Designer», sagt sie. «Man muss Technik schliesslich so gestalten, dass Menschen sie annehmen, ohne sich belästigt oder bevormundet zu fühlen.»

Es ärgert sie, dass sich die Gesellschaft in ihrer Branche wieder rückwärts bewegt. Als sie Mathematik studierte, war sie von vielen Frauen umgeben. Informatik war damals eine junge Wissenschaft und galt eher als ein Frauenfach. «Ich bin ein Kind der Siebzigerjahre, da waren wir weiter als heute», sagt sie. «Und trotzdem begegne ich jungen Frauen, die glauben, wir hätten schon so etwas wie Gleichberechtigung. Aber wo ist denn zum Beispiel die Unterstützung, wenn man Kinder bekommt und weiterarbeiten will?» Das Klischee von der Rabenmutter sei heute ausgeprägter als früher. «Ich bin froh, dass ich junge Kolleginnen habe, denen ich einen Schubs geben kann, um sich weiterzuentwickeln.»

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