Massenentlassungen verfälschen das Gesamtbild

Die jüngsten Meldungen über Personalabbau und Entlassungen in Schweizer Firmen sind trügerisch.

Im Bau- und Industriesektor ist zuletzt die höchste Zahl an neuen Stellen seit zehn Jahren entstanden - Blick auf die Grossbaustelle The Circle beim Zürcher Flughafen.

Im Bau- und Industriesektor ist zuletzt die höchste Zahl an neuen Stellen seit zehn Jahren entstanden - Blick auf die Grossbaustelle The Circle beim Zürcher Flughafen.

(Bild: Reuters Arnd Wegmann)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Mit jeder Entlassung ist ein Einzelschicksal verbunden – oder auch mehrere mit Blick auf die mitbetroffenen Familienmitglieder. Dementsprechend gross ist die öffentliche Aufmerksamkeit, wenn Unternehmen über Stellenstreichungen in grösserem Stil berichten. Wie in jüngster Zeit bei Postfinance, Nestlé oder der Charles-Vögele-Nachfolgerin OVS.

Allein diese drei Arbeitgeber beabsichtigen den Abbau von über 2000 Jobs. Bereits zu Beginn dieses Jahres hatte die Credit Suisse für ihre Schweizer Einheit im Laufe dieses Jahres einen nochmaligen Abbau von 300 Stellen in Aussicht gestellt, und die Übernahme von Notenstein LaRoche durch die Bank Vontobel dürfte nach Einschätzung von Beobachtern bei der Raiffeisen-Tochter mit einer Jobkürzung in ähnlicher Grössenordnung verbunden sein.

Verzerrte Wahrnehmung

Doch letztlich handelt es sich bei all diesen Hiobsbotschaften um Einzelfälle, die für das Gesamtbild des Schweizer Arbeitsmarktes wenig repräsentativ sind. Dieser zeigt sich vielmehr in einer «starken Verfassung» und «ist von einem breiten Aufschwung erfasst», wie Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich, sagt. Tatsächlich sind hierzulande im ersten Quartal dieses Jahres 77'000 zusätzliche Stellen geschaffen worden im Vergleich zum Vorjahr. Im gleichen Zeitraum hat sich gemäss Daten des Bundesamts für Statistik auch die Zahl der offenen Stellen um 11'000 erhöht.

Für George Sheldon, Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik in Basel, ist der gleichzeitige Stellenabbau bei einzelnen Unternehmen und das rosige Bild für den Gesamtarbeitsmarkt kein Widerspruch. Im Gegenteil: «Genau dies zeichnet eine dynamische, wandlungsfähige Wirtschaft aus.» Der vermeintliche Widerspruch beruht laut Sheldon auf einer verzerrten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. «Massenentlassungen gibt es immer wieder», so der Arbeitsmarktexperte, «und darüber wird auch in den Medien berichtet.» Dagegen seien Masseneinstellungen höchst selten. Vielmehr erfolge der Stellenaufbau in vielen kleinen Schritten übers ganze Land verteilt, bis er sich schliesslich in der Statistik niederschlage.

Starker Beschäftigungsaufbau

Vom derzeitigen Beschäftigungsaufbau profitieren sowohl Industrie und Bau als auch Dienstleistungen. Für Erstere – die man im Fachjargon als sekundären Sektor bezeichnet – bedeutet der Aufbau von 14'000 Jobs im ersten Quartal das beste Ergebnis seit zehn Jahren. Es bestätigt frühere Einschätzungen von Konjunkturbeobachtern, wonach die Industrie drei Jahre nach der Aufhebung der Eurountergrenze von 1.20 Franken den damaligen Schock endgültig verdaut hat. «Wir stellen in unseren Umfragen ebenfalls eine deutlich optimistischere Stimmung in den Industriefirmen fest», sagt Siegenthaler.

Im Dienstleistungs- oder tertiären Sektor sind von Januar bis März gar 64'000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden, allerdings mit deutlich divergierenden branchenmässigen Entwicklungen. Während insbesondere das Gastgewerbe im Vorjahresvergleich mit 13'000 zusätzlichen Stellen glänzte, verzeichneten der Handel sowie Banken und Versicherungen leichte Jobverluste. Für Siegenthalter widerspiegelt sich darin auch der «stetige Strukturwandel, der immer Gewinner und Verlierer hervorbringt».

Banken im endlosen Strukturwandel

Im Bankensektor ist dieser Wandlungsprozess seit mindestens einem Jahrzehnt im Gang, angetrieben von verschärften Regulierungen im Nachgang zur Finanzkrise, der vom Ausland erzwungenen Aufgabe des Bankgeheimnisses, intensiviertem Margendruck als Folge des Tiefzinsumfelds – und jüngst nun von der Digitalisierung, die Technologiekonzernen den Vorstoss in angestammte Bankaktivitäten wie den Zahlungsverkehr ermöglicht. Doch die Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen ist nicht zwangsläufig mit einem Aderlass bei den Arbeitsplätzen im Inland verbunden.

So zeichnet sich bei der Auslagerung von Arbeitsplätzen an externe Dienstleister, die meist im kostengünstigeren Ausland operieren, eine Gegenbewegung ab. Statt von Outsourcing ist nun von Insourcing die Rede. Bei der UBS hat diese Rückbesinnung in den ersten drei Monaten dieses Jahres zu einem Zuwachs von rund 1200 Mitarbeitenden geführt, wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtete. Als eine der treibenden Kräfte gilt wiederum die Digitalisierung, mit deren Hilfe sich stets wiederholende Tätigkeiten einfacher automatisieren lassen.

Während die Jobperspektiven bei Banken auf absehbare Zeit ungewiss bleiben dürften, gibt es eine Reihe von Branchen, die händeringend nach Arbeitskräften suchen. Michael Siegenthaler verweist dabei auf die Unternehmensberater, den Gesundheits- und den Erziehungsbereich sowie auf den Informations- und Kommunikationssektor.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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