Mindestens jede dritte Poststelle steht vor dem Aus

Die Schweizerische Post führt den Abbau des schon stark geschrumpften Poststellennetzes ungebremst fort. Bis ins Jahr 2020 will das bundeseigene Unternehmen weitere 500 bis 600 Poststellen schliessen. Rund 1200 Mitarbeitende sind betroffen.

Postchefin Susanne Ruoff greift beim gelben Riesen zum Rotstift. Über tausend Beschäftigte in den Poststellen müssen um ihren Job bangen. Noch ist nicht klar, wer gehen muss.

Postchefin Susanne Ruoff greift beim gelben Riesen zum Rotstift. Über tausend Beschäftigte in den Poststellen müssen um ihren Job bangen. Noch ist nicht klar, wer gehen muss.

(Bild: Keystone)

Julian Witschi

Nach jahrelanger Geheimniskrämerei enthüllt die Post Eckwerte für den weiteren Umbau ihres Netzes: Sie will die Zahl der Poststellen innerhalb von vier Jahren von heute 1400 auf noch 800 bis 900 senken.

Damit hält sie beim Abbau das Tempo der vergangenen Jahre aufrecht.Offen lässt das Unternehmen noch, welche Poststellen schliessen sollen. Dies hängt von den heute beginnenden Diskussionen der Post mit den Kantonen und Gemeinden ab. Klar ist aber bereits, dass auch grössere Poststellen verschwinden werden.

«Die Kunden wollen es so»

«Wir machen dies nicht, weil wir das wollen, sondern weil sich die Bedürfnisse der Kunden verändern», sagte Postchefin Susanne Ruoff am Mittwoch vor den Medien in Bern. «Wir sind ein Dienstleister und können nicht einfach ein jahrzehntealtes Format erhalten», sagte Ruoff. Denn der Trend zur Digitalisierung setze sich fort.

«Wir können nicht einfach ein jahrzehntealtes Format erhalten.»Postchefin Susanne Ruoff

Immer weniger Menschen gingen auf die Poststelle, um Einzahlungen zu machen oder einen Brief abzugeben. Stattdessen erledigten sie Zahlungen und Korrespondenz digital und rund um die Uhr. Die Umsätze am Schalter seien in der Folge seit dem Jahr 2000 bei den Briefen um 63 Prozent, bei den Paketen um 42 Prozent und beim Zahlungsverkehr um 37 Prozent eingebrochen.

Mehr Agenturen

Ruoff will den Einschnitt bei den Poststellen nicht als Abbau verstanden wissen, sondern als Entwicklung für die Kunden. Denn es würden nochmals mehr Postagenturen, My-Post-24-Automaten sowie Aufgabe- und Abholstellen geschaffen. Die Zahl aller sogenannten Zugangsmöglichkeiten solle damit von heute 3700 auf mindestens 4000 steigen.

Die Post werde ersatzlose Schliessungen von Poststellen vermeiden und in jedem Fall alternative Angebote zur Verfügung stellen, versprach Ruoff. Wo es sinnvoll sei, setze sie auf das Agenturformat – eine Filiale bei Detailhändlern oder seit kurzem auch in Hotels und Apotheken. Die Postagenturen seien mit oft mehr als doppelt so langen Öffnungszeiten beliebt, sagte Ruoff.

Vorinformation an Kantone

Trotzdem weiss die Postchefin um die grossen Emotionen und Widerstände: Wo die Schliessung der Poststelle droht, will die Post ab Januar 2017 die Bevölkerung zu Veranstaltungen einladen. Die Anliegen sollen ernst genommen werden, sagte Ruoff. Gleichzeitig will die Post ihre alternativen Angebote besser erklären.

Neu will die Post zusätzlich zu den bestehenden Verhandlungen mit den Gemeinden auch direkt mit den Kantonen diskutieren. Dabei wird sie eine Liste mit den Poststellen auf den Tisch legen, die bleiben sollen. Zudem wird die Post regionale Bedürfnisse berücksichtigen. Als Beispiel nannte Ruoff, dass für ein Tal Angebote geschaffen werden, für die es bisher keine Lösung gegeben hätte.

Es soll nicht mehr nur die gesetzliche Vorgabe massgebend sein, wonach 90 Prozent der Bevölkerung innerhalb von 30 Minuten eine Poststelle mit Zahlungsverkehr zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr erreichen können müssen.

Aufsichtsbehörde warnt

Die Aufsichtsbehörde Postcom pocht darauf, dass der Bundesrat solche regionalen Kriterien in die Postverordnung aufnimmt. Unlängst hat sie der Post bereits empfohlen, auch betroffene Nachbargemeinden einzubeziehen. Es sei ihm zudem ein Anliegen, dass für die betroffenen ­Mitarbeitenden faire Lösungen gefunden würden, sagte Postcompräsident Hans Hollenstein der Nachrichtenagentur SDA.

Laut Post werden rund 1200 von derzeit 9000 Mitarbeitenden in den Poststellen betroffen sein. Entlassungen sollen vermieden werden. Das Unternehmen setzt auf Pensionierungen und Umschulungen.

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