«Nationalbank wird weiter grosse Summen Euros kaufen müssen»

Der Inder Sony Kapoor ist ein unkonventioneller Denker über Fragen des Banken- und Wirtschaftssystems. Der Gründer und Chef der Denkfabrik Re-Define fordert, dass die Europäische Zentralbank zu unkonventionellen Mitteln greift.

Ein Wirtschaftsphilosoph im KKL Luzern: Sony Kapoor fordert, dass die Europäische Zentralbank jetzt entschlossen handelt.

Ein Wirtschaftsphilosoph im KKL Luzern: Sony Kapoor fordert, dass die Europäische Zentralbank jetzt entschlossen handelt.

(Bild: Urs Flueler)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Sie führen eine Denkfabrik mit dem Namen Re-Define – auf Deutsch «neu definieren». Wie sollten die Banken sich nach der Finanz- und der Eurokrise neu definieren?Sony Kapoor: Wenn ein Marsmensch sich das Bankensystem auf der Erde anschauen würde, dann dürfte er feststellen, dass die Banken für ihre Dienstleistungen sehr hohe Gebühren verlangen. Das System war und ist teilweise sehr ineffizient. Die Banken haben diese hohen Gewinne in der Form von Bonuszahlungen und hohen Dividenden ausgeschüttet. Die technologische Entwicklung wird jedoch weitergehen und gewisse Dienstleistungen, welche die Banken heute erbringen, überflüssig machen.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen? Diverse Internetkonzerne bieten bereits Dienstleistungen an, die bislang den Banken vorbehalten waren. Beispiele dafür sind der Bezahldienst Paypal oder das elektronische Geldsammeln mittels Crowdfunding. Speziell für die Schweizer Banken gilt zudem, dass die Einführung des automatischen Informationsaustauschs zu Mindereinnahmen führen wird. Die Zeiten des einfachen Geldverdienens im Bankensektor geht, also zu Ende. Die Profitabilität des Bankensektors wird abnehmen.

Ich bin erstaunt, dass Sie nicht die Problematik ansprechen, dass viele Banken zu gross sind, um unterzugehen. Wieso ist die sogenannte «Too big to fail»-Problematik für Sie kein zentrales Thema? Auch dieses Thema wird im Endeffekt dazu führen, dass die Rendite der Besitzer von Bankaktien sinkt. Auf die systemrelevanten Banken kommen höhere Kosten zu, weil sie aus Risikogründen mehr Eigenkapital aufbringen müssen.

Sind die Massnahmen, die gegen das «Too big to fail»-Problem eingeleitet wurden, ausreichend? Absolut nicht. Ein kurzes Gedankenexperiment zeigt das: Wenn die Credit Suisse oder die UBS heute vor einer existenziellen Krise stünden, würde der Staat sie dann retten? Die Antwort ist Ja. Die Banken brauchen mindestens fünf bis zehn Jahre, bis sie so weit sein werden, dass das Risiko minimal sein wird, dass der Staat sie retten muss.

Welche Länder sind zur Behebung der «Too big to fail»-Problematik am weitesten gegangen? Ich denke, dass die USA, Grossbritannien und die Schweiz am weitesten fortgeschritten sind. Also Länder, die vor der Krise gegenüber dem Bankwesen am positivsten gesinnt waren. Im Vergleich dazu haben Deutschland und Frankreich am wenigsten gemacht. Paradoxerweise gerade diejenigen Länder, die traditionellerweise dem Bankwesen nicht besonders positiv gesinnt waren.

Die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse haben derzeit eine Eigenkapitalbasis von rund 5 Prozent. Es gibt aber auch Bankexperten, die sagen, die Banken bräuchten mindestens 20 Prozent. Welche ist Ihrer Ansicht nach die richtige Grösse? Ein Bankensystem, in dem die Banken eine Eigenkapitalbasis von 20 Prozent haben, wäre bedeutend weniger anfällig auf Krisen als das heutige. Aber wo genau die ideale Eigenkapitalquote der Banken liegt, da möchte ich mich nicht festlegen. Ein Bankensystem kann mit ganz unterschiedlichen Eigenkapitalniveaus funktionieren. Letzten Endes ist es eine politische Frage. Es geht um ein Abwägen zwischen der Anfälligkeit auf Schwankungen und möglichen Wachstumsraten. Aber in der aktuellen Lage hat für mich die Frage, wie die Banken ihre Eigenkapitalausstattung verbessern können, keine Priorität.

Was ist denn Ihre Priorität? Es gibt wichtige makroökonomische Aufgaben. Auch aus einer globalen Perspektive heraus erachte ich als wichtigste Priorität, dass etwas gegen die Krise in der Eurozone getan wird. Europa ist ein so wichtiger Teil der Weltwirtschaft. Für die weltweiten Finanzmärkte ist Europa noch wichtiger. Ausserdem ist Europa ein Modell dafür, wie Länder in einer immer stärker globalisierten Welt zusammenarbeiten können. Deshalb braucht es dringend ein geeignetes Mittel gegen die anhaltende Krise in der Eurozone. Dazu ist eine echte Verhandlungslösung zwischen Deutschland und Frankreich erforderlich.

Was ist denn zu tun? Deutschland müsste versprechen, mehr in die Infrastruktur zu investieren, Frankreich müsste sich mit strukturellen Reformen einverstanden erklären. Im Gegenzug sollte die Europäische Zentralbank damit beginnen, Anleihen zu kaufen und auf diese Weise die Geldmenge auszuweiten. So wie dies die US-Notenbank Fed gemacht hat.

Sind Sie ein Anhänger des Ökonomen John Maynard Keynes, eines Befürworters von Massnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft? Im Unterschied zu Ihnen war sein Rezept ein Staatsdefizit und nicht eine lockere Geldpolitik. Ich bin nicht Anhänger einer bestimmten Denkschule in der Ökonomie. Ich bin ein Pragmatiker. Der Internationale Währungsfonds ist nicht wirklich eine keynesianische Institution, doch auch er empfiehlt für die Eurozone das gleiche Rezept wie ich. Derzeit spricht einfach die Mathematik in der Eurozone eine klare Sprache. Wenn Deutschland mehr in seine Infrastruktur investieren würde, wäre dies ein Segen sowohl für Deutschland als auch für die ganze Eurozone. Aus politisch-ideologischen Gründen verzichtet die Politik derzeit darauf, das zu tun, was ökonomisch gesehen richtig wäre. Und dies hat negative Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft.

Eine expansive Geldpolitik führt aber früher oder später zu Inflation. Ich denke, die Zahlen der vergangenen Jahre sprechen eine klare Sprache: Derzeit besteht das Risiko einer Deflation, also einer Wirtschaftsentwicklung mit sinkenden Preisen und einem sinkenden Bruttosozialprodukt.

Aber eine expansive Geldpolitik birgt immer Risiken. Ja, das stimmt. So gibt es das Risiko, dass Blasen entstehen, weil die Zinsen sehr tief sind. Vor allem bei Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien. So wie in der Ära des ehemaligen Chefs der US-Notenbank Alan Greenspan: Die Bekämpfung der Folgen einer Blase führt zu einer nächsten Blase.

Viele Ökonomen sind der Ansicht, dass die Aktienmärkte überbewertet sind und dass es sich wohl um eine Blase handelt. Wie beurteilen Sie dies? Ich teile diese Meinung. Die aktuelle Bewertung der meisten Aktienbörsen ist durch nichts gerechtfertigt. Wir haben es mit einer Blase zu tun. Auch die Immobilienbewertungen in den meisten Industrieländern sind übertrieben. Auch hier gibt es eine Blase. Deshalb ist es wichtig, dass eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch intelligente Begleitmassnahmen ergänzt wird. Dazu gehören strengere Vorschriften für die Vergabe von Hypotheken. So kann erreicht werden, dass das zusätzliche Geld zu den Unternehmen fliesst. Dies war zuletzt immer weniger der Fall. In vielen europäischen Ländern schrumpft der Kapitalstock. Deshalb werden keine neue Stellen geschaffen, die so dringend nötig wären.

Was bedeutet diese heikle Situation für die Schweizerische Nationalbank, die rund 230 Milliarden Euro in ihrer Bilanz hält? Ich glaube nicht, dass der Euro auseinanderbrechen wird. Aber es ist gut möglich, dass die Nationalbank weiterhin grosse Summen an Euros wird kaufen müssen. Denn ich denke, dass die Europäische Zentralbank eine Abschwächung des Euro anstrebt. Selbst wenn sie nicht auf das ‹quantitative Easing› – also eine monetäre Lockerung – zurückgreifen sollte.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt