Novartis-Chef setzt Milliarden auf eine neuartige Gen-Therapie

Der Konzern kauft für 8,7 Milliarden Dollar die US-Firma Avexis, deren Produkt noch gar nicht zugelassen ist.

Investiert viel Geld in sogenannte «Nischenbuster»: Der Pharmakonzern Novartis mit Hauptsitz in Basel. Foto: Urs Jaudas

Investiert viel Geld in sogenannte «Nischenbuster»: Der Pharmakonzern Novartis mit Hauptsitz in Basel. Foto: Urs Jaudas

Holger Alich@Holger_Alich

Wer allein die Bilanz des US-Biotechunternehmens Avexis anschaut, für das Novartis jetzt 8,7 Milliarden Dollar hinblättern will, der könnte meinen, dem neuen Novartis-Chef Vasant (Vas) Narasimhan sitze das Geld etwas arg locker: Denn Avexis hat laut Geschäftsbericht keine Umsätze, der Jahresverlust beläuft sich allein für das vergangene Jahr auf 218 Millionen Dollar.

Doch gerade bei Biotechunternehmen zählen vor allem die Zukunftsaussichten. Daher spricht Narasimhan in einer Telefonkonferenz von einem «transformatorischen Deal» für Novartis. Avexis entwickelt eine neuartige Gentherapie, die «mehrere Milliarden Umsatz» verspreche.

Die Behandlung zielt auf die spinale Muskelatrophie (SMA) – eine seltene genetische Muskelerkrankung, die alljährlich bei 23'500 Neugeborenen und Kindern auftritt und häufig tödlich verläuft. Bei einem milderen Krankheitsverlauf können Kinder nie ohne Hilfe laufen.

Die von Avexis entwickelte Therapie tauscht das defekte Gen aus und muss nur einmal gespritzt werden. Die bisherigen Studienresultate bei 15 Kindern sind vielversprechend. Die Zulassung für den US-Markt wird für das erste Halbjahr 2019 erwartet.

Kritik am hohen Preis

Analysten monieren den Kauf als teuer, schliesslich bezahlt Novartis fast das Doppelte des Börsenpreises der 2010 gegründeten US-Firma. Grundsätzlich halten die Experten die Transaktion aber für sinnvoll. Die milliardenschwere Übernahme ist die erste grosse Wette des neuen Novartis-Chefs Vas Narasimhan.

Läuft bei der Zulassung von Avexis’ neuer Therapie alles glatt, so kann er 2019 und 2020 erste Umsätze damit verbuchen. Also just in jenen Jahren, in denen der Patentschutz der Novartis- Bestseller Gilenya (multiple Sklerose) und Afinitor (Brustkrebs) in Teilmärkten abzulaufen beginnt.

«Novartis wendet sich mit dem Kauf verstärkt dem Bereich seltene Krankheiten zu», sagt Stefan Schneider, Pharmaexperte der Bank Vontobel, «das ist ein Branchentrend.»

Liessen grosse Pharmafirmen seltene Erkrankungen früher links liegen, weil die Patientenzahlen zu gering waren, ist mittlerweile um Mittel gegen seltene Krankheiten ein wahrer Wettlauf entbrannt. «Der Preisdruck ist hier weniger ausgeprägt», erklärt Vontobel-Experte Schneider.

Weg vom «Blockbuster», hin zum «Nischenbuster»

Die Unternehmensberatung KPMG spricht von einem Trend weg vom «Blockbuster» hin zum «Nischenbuster». So übernahm die französische Sanofi im Januar für fast zwölf Milliarden Dollar die US-Biotechfirma Bioverativ, die auf Therapien gegen die Bluterkrankheit spezialisiert ist. 2016 schluckte die in Irland beheimatete Shire für 32 Milliarden Dollar das US-Unternehmen Baxalta, das auf Therapien gegen Bluterkrankungen, Krebs und Immunleiden spezialisiert ist. Shire hat sich ganz Behandlungen seltener Krankheiten verschrieben und ist nun selbst Objekt der Begierde geworden.

Die japanische Takeda erwägt nach ­eigenen Angaben eine Offerte. Die Preise für die Wirkstoffe gegen seltene Erkrankungen sind oft astronomisch. So kostet Novartis’ revolutionäre Therapie gegen Blutkrebs, Kymriah, 475'000 Dollar – für eine einzige Infusion. Für seine Gentherapie Luxturna gegen eine seltene Form des Erblindens verlangt das Biotechunternehmen Sparx sogar 850'000 Dollar. Für die Gentherapie gegen die Muskelerkrankung von Avexis erwarten die Analysten von ­Morgan Stanley «einen ähnlichen oder höheren Preis».

Selbst wenn die neue Behandlungsmethode wie geplant zugelassen wird, ist offen, ob die Behörden bereit sind, solch einen horrenden Preis zu akzeptieren. «Möglicherweise wird die Rückzahlung je nach Behandlungsverlauf zeitlich gestaffelt», meint Vontobel-Experte Schneider.

Heikle Frage der Erstattung

Der endgültige Preis hängt davon ab, wie gross die Behörden die Einsparung durch die neue Therapie erachten. ­Derzeit kostet die Behandlung eines SMA-Kranken pro Jahr um die 150 000 Dollar. Sprich, damit das Umsatzkalkül aufgeht, müssten die Behörden ein Mehrfaches dieser Kosten Novartis als Preis zugestehen.

Konzernchef Narasimhan scheint sich seiner Sache sicher zu sein: Schon 2020 soll Avexis mit seiner neuen Therapie einen spürbaren positiven Einfluss auf Umsatz und Gewinn haben.

Seit Februar leitet der Mediziner den Konzern. Er baut seitdem Novartis im Eiltempo um. Narasimhan will den Konzern auf das Pharmageschäft fokussieren. Deshalb hat er Ende März die Anteile von Novartis am Gemeinschaftsunternehmen zur Fertigung von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Voltaren an den Partner GSK für 13 Milliarden Dollar verkauft. Das Geld reinvestiert der Novartis-Chef jetzt grösstenteils in den Kauf von Avexis.

Doch das Pharmageschäft ist riskant. Und nicht immer gehen die Wetten auf neue Produkte auf. So musste Roche zum Beispiel 2017 eine Wertberichtigung von 1,7 Milliarden Franken auf dem Mittel gegen Lungenfibrose Esbriet vornehmen, da die Verkäufe weniger gut ausgefallen waren als ursprünglich erhofft. 2014 hatte Roche den Wirkstoff im Zuge der Übernahme des US-Biotechunternehmens Intermune ins Portfolio aufgenommen und dafür 8,3 Milliarden Dollar ausgegeben.

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