Novartis jagt den Milliarden-Gral

Zum ersten Mal gewährt der Konzern einen Einblick in seine Pläne als Data-Science-Firma.

Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet im Schnitt zwei Milliarden Franken: Novartis-Forscher in Shanghai. Foto: Qilai Shen (Bloomberg, Getty)

Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet im Schnitt zwei Milliarden Franken: Novartis-Forscher in Shanghai. Foto: Qilai Shen (Bloomberg, Getty)

Roche und Novartis geben zusammen jedes Jahr fast 20 Milliarden Franken für Forschung und Entwicklung aus. Doch beim Einsatz neuer Digitaltechnologien hinkt der Pharmasektor hinterher. Der neue Novartis-Chef Vas Narasimhan will das ändern und den Konzern zu einem «Medizin- und Datenwissenschaftsunternehmen» umbauen. Dazu heuerte er Anfang des Jahres Bertrand Bodson als neuen Chief Digital Officer an.

Der Belgier hatte bisher nichts mit Pharma zu tun, dafür viel mit der Tech-Industrie. Das zeigen seine Berufsstationen bei Amazon, dem Musiklabel EMI und dem Versandhändler Sainsbury’s Argos. Wer sich mit Bodson unterhält, bekommt den Eindruck, er wolle allein durch sein Sprechtempo den Rückstand in Sachen Digitales aufholen.

Wirkstoffe aus Datenanalyse

«Wir haben zwölf unterschiedliche Programme gestartet, um unseren digitalen Wandel anzustossen», sagt der Novartis-Digital-Manager, der sich zum ersten Mal in der Presse äussert. Das Projekt «Data 42» ist wohl das ambitionierteste: «Wir wollen die Daten aus 500 Studien harmonisieren, damit wir sie zum Vorteil unserer Patientinnen und Patienten auswerten können und neue Indikationen für bestehende Wirkstoffe, neue Biomarker oder neue Patientengruppen finden können», erklärt der Novartis-Manager.

Vereinfacht gesagt packt Novartis alle Daten aus 20 Jahren klinischer Forschung in eine Datenbank und macht sie mit modernen Analysetools den Forschern nutzbar, die so neue Wirkungszusammenhänge finden sollen. Im Idealfall entdecken die Wissenschafter aus den Daten neue Wirkstoffe. Dies, so Bodson, sei «der Heilige Gral».

Dem jagt die ganze Branche hinterher. Die Experten der Un­ternehmensberatung von McKinsey sprechen von einer «100-Milliarden-Dollar-Gelegenheit» für den Pharmasektor. Sie glauben, dass fortgeschrittene Datenanalyse der Branche in den kommenden zehn Jahren ein Gewinnplus von 45 bis 75 Prozent einbringen könnte.

Novartis’ neuer Digitalchef: Bertrand Bodson. Foto: PD

Auf bezifferte Ziele will sich Bodson nicht festlegen. Aber auch er ist davon überzeugt, dass Datenanalysen den Forschungsprozess «bedeutend beschleunigen» können. Derzeit dauert die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs im Schnitt zwölf Jahre und verschlingt über zwei Milliarden Franken. Die Forschung wird seit Jahren teurer, die Erträge aus neuen Medikamenten nehmen dagegen ab. Laut der Unternehmensberatung Deloitte rentieren die Investitionen in Forschung und Entwicklung daher noch mit 3,2 Prozent. 2010 waren es noch 10 Prozent.

Ist ein neuer Wirkstoff gefunden, so muss er ausführlich getestet werden. Bei der klinischen Forschung gibt es ebenfalls Verbesserungspotenzial. Dazu hat Novartis das Projekt «Nerve Live» aufgesetzt. «Damit schaffen wir quasi einen Kontrollturm für alle laufenden klinischen Studien», berichtet Bodson. «Auf Basis von früheren Studien und lernfähiger Software soll das System Prognosen darüber abgeben, wo es beispielsweise Probleme bei der Patientenrekrutierung oder den Studienkosten geben könnte, damit wir frühzeitig eingreifen können.»

Patienten springen ab

Rund 50 Studien werden bereits so in Echtzeit überwacht, Ziel ist, dass alle laufenden 500 Studien derart kontrolliert werden. Novartis glaubt, die Kosten der Patientenrekrutierung durch diese Lerneffekte um 10 bis 15 Prozent senken zu können. Hier arbeitet der Konzern mit dem US-Datenanalyseunternehmen Quantum Black zusammen.

Bei klinischen Tests müssen Patienten regelmässig ins Spital. Daher bricht fast jeder dritte Patient die Teilnahme an einem solchen Versuch ab.

Um dem zu begegnen, will Bodson verstärkt digitale Lösungen einsetzen. So hat Novartis in der Schweiz bereits eine kleinere Studie mit Rückenschmerz-Patienten durchgeführt, deren Wohlbefinden dezentral mit Sensoren sowie über eine Art elektronisches Tagebuch erfasst wurden. Jene, die so von zu Hause an der Studie teilnehmen konnten, haben zu 89 Prozent bis zum Ende mitgemacht. Bei jenen, die dafür ins Krankenhaus fahren mussten, waren es nur 60 Prozent.

Digitaltherapien gegen multiple Sklerose und Schizophrenie

Ein Zukunftsfeld sind ferner die sogenannten digitalen Therapien. Damit sind Software-Lösungen gemeint, die helfen, den Gesundheitszustand von Patienten genauer zu überwachen und allein dadurch zu verbessern. Hier kooperiert Novartis mit Pear Therapeutics.

Der US-Anbieter hat eine von der US-Gesundheitsbehörde FDA zugelassene Software-Lösung entwickelt, mit der Menschen mit Alkohol- und Medikamentensucht besser begleitet werden können, was die Zahl ihrer Rückfälle senken soll. Novartis und Pear Therapeutics arbeiten nun an Digitaltherapien für Patienten mit multipler Sklerose und Schizophrenie.

Bertrand Bodson beschäftigt sich aber auch mit vermeintlich banalen Dingen: «Rund die Hälfte meines Jobs besteht darin, zu helfen, die Kultur bei Novartis in Richtung Digital zu verändern.»

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