Raiffeisen lockt Kunden ins Risiko

Raiffeisen ist eine Wachstumsstory. Doch nicht in allen der knapp 300 Genossenschaften war das Wachstum mit genügend Eigen­kapital unterlegt. Manche holen es sich nun im grossen Stil bei den Genossenschaftern.

Die Raiffeisenbank Thunersee hat Eigenkapital bei ihren Genossenschaftern aufgenommen. Das ist für die Sparer nicht ganz risikolos.

Die Raiffeisenbank Thunersee hat Eigenkapital bei ihren Genossenschaftern aufgenommen. Das ist für die Sparer nicht ganz risikolos. Bild: Stefan Anderegg

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Wenn in dieser Geschichte alles gut geht, sind alle Gewinner: Die Raiffeisenbank Thunersee hat Ende Mai 23 Millionen Franken an Eigenkapital bei ihren Genossenschaftern, die zugleich ihre Kunden sind, aufgenommen. Die Raiffeisenbank kann mit dieser Aktion ihr Eigenkapital von 12 Millionen Franken auf 35 Millionen erhöhen. Damit unterlegt die Bank ihre Bilanzsumme von 1,132 Milliarden Franken.

Die Bank hat so ihre Eigenkapitalsituation massiv verbessert. Und die Genossenschafter, welche Anteilscheine gezeichnet haben, können sich über eine Verzinsung von 2 bis 2,75 Prozent freuen. Je nach Geschäftsgang.

Aber die Geschichte hat einen Haken. Die Genossenschafter können Anteilscheine im Wert von bis zu 20'000 Franken zeichnen. Auch mehrere. Diese sind nicht zeitlich limitiert. Doch risikolos ist dies nicht. Denn mit der Zeichnung der Anteilscheine ­gewähren die Genossenschafter ihrer Raiffeisenbank Eigenkapital. Es handelt sich also nicht um eine normale Spareinlage bei einer Bank.

Gerät die Bank in eine finanzielle Schieflage, sind die Anteilscheine nicht durch die Einlagenversicherung gedeckt, die jedem Bankkunden bei einem Konkurs einer Bank Guthaben bis 100'000 Franken garantiert.

Der Raiffeisenbank Thunersee ist zugutezuhalten, dass sie die Sparerinnen und Sparer deutlich auf diese Risiken aufmerksam gemacht hat. Im Prospekt heisst es: «Die Anteilscheine sind nicht durch die Einlagenversicherung der Banken gedeckt.»

Das Risiko aus der Zentrale

Für die Genossenschafter, welche Anteilscheine gezeichnet haben, kommt ein weiteres Risiko dazu. Der Sparer kann nicht nur zur Kasse gebeten werden, wenn die eigene Genossenschaft in Schieflage gerät. Auch wenn die Raiffeisen-Gruppe in St. Gallen ein zu tiefes Eigenkapital hat, kann diese dem Sparer die Rückzahlung seiner Anteilscheine verweigern.

Auch auf die Haftung gegenüber Raiffeisen Schweiz weist die Broschüre hin. Es heisst dies­bezüglich: «Der Verwaltungsrat kann eine Rückzahlung der Anteilscheine ohne Angabe von Gründen verweigern, insbesondere, wenn die Eigenmittel der Raiffeisen-Gruppe den gesetzlichen Eigenmittelanforderungen nicht genügen.»

Den Passus mit der Haftung gegenüber der Raiffeisen-Gruppe begründet man bei der ­Medienstelle mit den Besonderheiten des Genossenschaftsrechts: Bei einer Genossenschaft könne jedes Mitglied jederzeit austreten. Um zu verhindern, dass ein Massenexodus von Genossenschaftern das Eigenkapital zu rasch schmelzen lässt, sehe Raiffeisen diesen Vorbehalt vor.

Eine «Win-win-Situation»

Die Genossenschafter gehen mit der Zeichnung von Anteilscheinen also ähnliche Risiken wie ein Aktionär ein. Allerdings haben die Anteilscheine kein Kurssteigerungspotenzial. Die Raiffeisenbank gilt zwar als solid aufgestellt. Doch sollte sich der Wind am Immobilienmarkt einmal rasant drehen, ist die Gruppe mit ihrem Hypothekenportefeuille von 158 Milliarden verletzlich.

Heinz Egli, Präsident der Raiffeisenbank Thunersee, verteidigt trotz dieser Risiken das Angebot seiner Bank: «Wir bieten unseren Kunden nicht etwas an, hinter dem wir nicht stehen können. Wir haben die Kunden im Prospekt deutlich über die besonderen Kapitaleigenschaften von Anteilscheinen informiert», sagt er.

So schreibe die Bank, dass sich ein Kunde nur dann für den Kauf von Anteilscheinen entscheiden solle, wenn er sich der damit verbundenen Risiken bewusst sei. Für Egli ist klar: «Es handelt sich um eine Win-win-Situation. Die Kunden profitieren von einer attraktiven Verzinsung. Die Raiffeisenbank erhält zusätzliches Eigenkapital.»

Halbe Milliarde in einem Jahr

Das Vorgehen der Raiffeisenbank Thunersee wird von der Zentrale in St. Gallen gefördert: «Raiffeisen Schweiz empfiehlt den Raiffeisenbanken neben der Gewinnthesaurierung das Instrument der Mehrfachzeichnung von Anteilscheinen zur Stärkung der Raiffeisenbank-individuellen Kapitalausstattung», teilt die Medienstelle mit.

Für die Raiffeisen-Gruppe ist die Herausgabe von Anteilscheinen das perfekte Instrument, um kostengünstig an zusätzliches Eigenkapital heranzukommen. Als Genossenschaft kann sie keine ­Kapitalerhöhung machen. Zu mehr Eigenkapital kann sie sonst nur noch kommen, indem sie Gewinne einbehält. Doch das kann unter Umständen lange dauern.

Ein Blick in die Bilanz der Raiffeisen-Gruppe zeigt: Die Raiffeisenbank Thunersee ist beileibe kein Einzelfall. Das in der Bilanz ausgewiesene Genossenschaftskapital stieg im vergangenen Jahr um 500 Millionen auf 1,25 Milliarden Franken. Dieser Zuwachs ist grösstenteils auf die Herausgabe von Anteilscheinen zurückzuführen, wie Raiffeisen bestätigt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.07.2016, 06:02 Uhr

Attraktive Verzinsung

Die Raiffeisenbanken zählen schweizweit rund 1,8 Millionen Genossenschafter. Alle besitzen einen Anteilschein, der zwischen 200 und 500 Franken kostet. Dieser wird ziemlich attraktiv verzinst. Bei gewissen Genossenschaften gibt es dazu bis zu 6 Prozent Zins. Einzelne Genossenschaften wollten an der diesjährigen Generalversammlung diesen Zinssatz senken, wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich berichtete. Dagegen gab es an verschiedenen Versammlungen Widerstand. Doch diverse Versammlungen stimmten der Senkung zu. So gibt es beispielsweise bei der Waadtländer Raiffeisenbank Mont-Tendre künftig 3 statt wie bisher 5 Prozent Zins.

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