Ryanair kämpft mit der Normalität

Die irische Billigfluggesellschaft weigerte sich 30 Jahre lang, Gewerkschaften anzuerkennen. Nun hat sich das geändert. Die Folge davon sind ausgerechnet Streiks.

«Ryanair muss sich ändern»: Streikaktion auf dem Flughafen Brüssel-Zaventem. Bild: Eric Lalmand (AFP)

«Ryanair muss sich ändern»: Streikaktion auf dem Flughafen Brüssel-Zaventem. Bild: Eric Lalmand (AFP)

Michael O’Leary, der stets provokante Vorstandschef von Ryanair, sagte einmal, er würde sich lieber «die Hand abhacken», als einen Vertrag mit einer Gewerkschaft zu unterschreiben. Im vergangenen Dezember legte der heute 57-Jährige allerdings eine Kehrtwende hin, behielt aber seine Hand: Um Streiks der Piloten während der Weihnachtsferien zu verhindern, erkannte die irische Billigfluggesellschaft erstmals Gewerkschaften als Verhandlungspartner an.

Nun, ein halbes Jahr später, kommt es doch zu Streiks – mitten in den Sommerferien. Am Mittwoch fielen etwa 500 Flüge in Europa aus, am Donnerstag 22 in Brüssel, weil Flugbegleiter in mehreren Ländern die Arbeit niedergelegt haben.

Urabstimmung läuftbis Ende des Monats

Bei der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit läuft eine Urabstimmung bis Ende des Monats; die Piloten könnten danach auch streiken. Die irischen Piloten haben bereits an drei Tagen im Juli die Arbeit niedergelegt.

Diese Streikwelle ist auch das Ergebnis der Kehrtwende von Dezember: Gewerkschaften wollen nach ihrer Anerkennung bessere Bedingungen für ihre Mitglieder durchsetzen. Bei anderen Airlines – etwa die Swiss-Mutter Lufthansa oder Easyjet – gibt es immer wieder Streiks, wenn die Unternehmen mit Gewerkschaften über Tarifverträge verhandeln. Für Ryanair ist das eine neue Erfahrung: willkommen in der Normalität. Das Geschäftsmodell ist dadurch nicht bedroht. Aber das Management muss sich umstellen.

Beim Streik setzt Michael O’Leary bislang auf Härte. Der Ire, der Ryanair seit 1993 führt und diese zu Europas zweitgrösster Fluggesellschaft hinter Lufthansa machte, warnte am Montag davor, dass die Arbeitsniederlegungen der Piloten Jobs kosten könnten. Schon zwei Tage später kündigte er an, am Flughafen Dublin, nahe der Firmenzentrale, mindestens 6 von 30 Flugzeugen zum Start des Winterflugplans abzuziehen und in Polen einzusetzen. Das bedroht die Jobs von 100 Piloten und 200 Flugbegleitern. Als Antwort legte die irische Pilotengewerkschaft fest, dass an einem weiteren Tag, am 3. August, gestreikt wird.

Die Arbeitnehmervertreter nannten Ryanairs Entscheidung «rücksichtslos» und «provokativ». Allerdings sei es üblich, dass Gesellschaften in den umsatzschwächeren Monaten Flieger abzögen. Ob der Streik wirklich eine Rolle gespielt habe, sei daher unklar, argumentierte die Gewerkschaft.

Kosten weit unter denen der Konkurrenz

O’Learys harter Kurs verstört nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch manche Investoren. «Die Belegschaft gegen sich aufzubringen, ist eine sehr riskante Strategie, die wahrscheinlich dazu führt, dass die Gewerkschaften mehr Mitglieder und Streikteilnehmer gewinnen», sagt Daniel Röska, Analyst bei der Bank Bernstein.

Für Ryanairs Geschäftsmodell wären massvoll höhere Gehälter eigentlich kein Problem. Die Kosten des Konzerns liegen weit unter denen der Konkurrenz. Beobachter schätzen, dass Rivale Easyjet um die Hälfte höhere Kosten hat. Traditionelle Fluggesellschaften wie Lufthansa sind noch teurer.

Die Ausgaben fürs Personal stehen ohnehin nur für einen kleinen Teil der Ausgaben. Easyjet erkennt Gewerkschaften an und ist trotzdem eine profitable Billigfluggesellschaft. Gleiches gilt für Southwest Airlines, den amerikanischen US-Billiganbieter, der O’Leary einst als Inspiration für den Aufbau vonRyanair diente.

Die Vorstellung sei falsch, dass Ryanair vor diesem Schritt «30 Jahre lang eine sibirische Salzmine mit Niedriglöhnen war».

O’Leary sagt selbst, dass die Anerkennung von Gewerkschaften keinen grossen Unterschied mache. Die Vorstellung sei falsch, dass Ryanair vor diesem Schritt «30 Jahre lang eine sibirische Salzmine mit Niedriglöhnen war». Doch das Management der Fluggesellschaft, die im vergangenen Jahr 129 Millionen Passagiere transportierte, hat eben bisher kaum Erfahrung damit, Tarifkonflikte mit Gewerkschaften auszufechten. Bei den Gewerkschaften wiederum hat sich nach all den Jahren, in denen sie von O’Leary ignoriert worden sind, einiges an Frust und Nachholbedarf aufgestaut.

Ursache der Entscheidung im Dezember war nicht nur der drohende Streik in den Ferien, sondern auch das Planungsdesaster vom September davor. Da hatte Ryanair mit zu wenigen Piloten kalkuliert, Flieger blieben am Boden, 700'000 Passagiere waren betroffen.

Der günstige Tarif liegtnicht an den Personalkosten

Piloten sind knapp auf dem Arbeitsmarkt, und Ryanair hat ehrgeizige Ziele: Im Jahr 2024 sollen 200 Millionen Passagiere mit den Iren fliegen. Gewerkschaften anzuerkennen, hilft beim Werben um die nötigen Piloten. Dass Ryanair so günstig ist, liegt nicht an den Personalkosten.

Der Konzern ordert Flugzeuge en masse und billig, nutzt oft Provinzflughäfen mit niedrigen Gebühren, spart sich komplizierte und teure Angebote wie Umsteigeverbindungen und hält die Verwaltung klein.

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