Schneller ins Flugzeug

Die Swiss will mit einem neuen Boardingprinzip wertvolle Zeit sparen. Es gäbe allerdings noch effizientere Einsteigemethoden.

Boarding in einem Airbus A220-300 der Swiss. Künftig sollen die Passagiere mit Fensterplätzen zuerst ins Flugzeug gelassen werden, um den Einsteigeprozess zu beschleunigen. Foto: Keystone/Salvatore Di Nolfi

Boarding in einem Airbus A220-300 der Swiss. Künftig sollen die Passagiere mit Fensterplätzen zuerst ins Flugzeug gelassen werden, um den Einsteigeprozess zu beschleunigen. Foto: Keystone/Salvatore Di Nolfi

Die Swiss führt wie der Mutterkonzern Lufthansa auf einzelnen Flügen ein neues Boardingsystem ein. Passagiere mit einem Platz am Fenster dürfen dann zuerst einsteigen, danach jene in der Mitte und zuletzt die Reisenden mit Gangplätzen. Wilma nennt sich das, abgekürzt aus der englischen Abfolge «Window-Middle-Aisle». Bei der Swiss kommt dieses Prinzip nun an 20 europäischen Flughäfen zum Einsatz, nicht aber in Zürich und Genf.

Die Methode gilt als effizienter als der bisherige Standard, welchen die meisten Fluggesellschaften verwenden: Passagiere der hinteren Reihen steigen zuerst ein. Der Gedanke dahinter: So stauen sich die Leute nicht im Gang. Das macht allerdings absolut keinen Sinn, wie ein Experiment der Fernsehsendung Mythbusters gezeigt hat.

Die «Wissensjäger», wie sie sich nennen, verglichen vier verschiedene Methoden des Boardings miteinander, die Airlines derzeit nutzen. Dazu bauten sie das Innere eines Flugzeugs nach und liessen 173 Freiwillige nach den unterschiedlichen Methoden boarden. Das Ganze hielten sie auf Video fest:

Die Standardmethode

Den Anfang machte die Standardmethode – die hinteren Reihen boarden zuerst. So wie die Swiss auch an den Flughäfen Zürich und Genf weiterhin einsteigen lassen wird. Überraschendes Ergebnis: Das war mit 24,48 Minuten die mit Abstand schlechteste Methode. Wie man im Video sehen kann, verbringen die Passagiere viel Zeit mit Warten auf dem Gang. Denn viele Leute versuchen gleichzeitig wenige Reihen zu besetzen. Sitzt jemand zuerst am Gang, muss er vermutlich nochmals aufstehen, um den Passagier in der Mitte und am Fenster in die Reihe zu lassen.

Die Zufallsmethode

Besser schnitt die Zufallsmethode ab. Dabei haben die Passagiere zwar feste Sitzplätze, dürfen aber in der Reihenfolge einsteigen, in der sie eingecheckt haben. Das ist schneller, weil sich nicht viele Leute gleichzeitig auf wenigen Reihen drängen. Das Ergebnis: 17,25 Minuten.

Die Wilma-Methode

Das toppt die nun bei Lufthansa und Swiss eingeführte «Window-Middle-Aisle»-Methode: 14,92 Minuten dauerte es, bis alle 173 Passagiere auf ihren Plätzen sassen. Zunächst dürfen alle Passagiere am Fenster boarden. Es folgen diejenigen, die einen Mittelplatz haben und schliesslich die Passagiere am Gang. Wie schon United Airlines, welche das System zuerst eingeführt haben, werden auch Lufthansa und Swiss dabei Ausnahmen gewähren: Familien dürfen gemeinsam boarden.

Die Chaosmethode

Noch besser war die Methode, die Southwest Airlines in den USA oder bislang Ryanair in Europa nutzen: Passagiere haben keine festen Sitze und steigen in der Reihenfolge ein, in der sie am Check-in waren. Statt zu warten, bis der Vordermann seinen Sitzplatz gefunden hat und der Gang wieder frei ist, setzt man sich einfach auf den nächsten freien Platz – so die Theorie. Wer etwa bei Ryanair diese Chaosmethode hautnah erleben durfte, wird festgestellt haben, dass ausgerechnet diejenigen zuerst boarden, die gerne am Gang sitzen – und vorne im Flugzeug. Laut Experiment dauerte das Boarding so aber nur 14,12 Minuten und damit gleich zehn Minuten weniger als die Standardmethode. Allerdings war das Kunden-Feedback bei Ryanair derart schlecht, dass die Billig-Airline die Methode nun wieder aufgibt.

Die Steffenmethode

Es gibt in der Theorie eine weitere Methode, die verspricht, noch schneller zu sein: die sogenannte Steffenmethode, benannt nach dem Physiker Jason Steffen. Der hatte die Idee, als er in Seattle beim Boarding anstehen musste, und entwickelte das Modell schliesslich mithilfe von Computersimulationen. Ähnlich wie die Wilma-Methode dürfen die Passagiere am Fenster zuerst boarden. Allerdings dürfen nicht alle Passagiere nacheinander in der Reihennummer boarden, sondern abwechselnd. Also zunächst etwa die Sitze 12A, 10A, 8A und 6A. Dann folgen die Reihen 11A, 9A und 7A. Dadurch haben die Passagiere mehr Platz und behindern sich nicht gegenseitig. Diese Methode wurde bei Mythbuster nicht getestet. Allerdings hat Steffen selbst ein Experiment mit 72 Passagieren durchgeführt. Mit der Standardmethode benötigten sie 6,18 Minuten, mit seiner nur 3,6 Minuten.

Die DDyna-Methode

Das Schweizer Start-up D Dyna hat ein System entwickelt, die auf der Steffenmethode aufbaut. Diese würde nämlich voraussetzen, dass alle Passagiere rechtzeitig und in der richtigen Reihenfolge zum Boarding bereit wären. Um diese Unwägbarkeit zu eliminieren, setzt die Firma auf ein Computerprogramm. Anstatt die Sitzplätze im Voraus zuzuweisen, weist die Software die Sitzplätze den Passagieren direkt am Gate zu. So kann die Reihenfolge der zugeteilten Plätze kontrolliert werden. Die Software kann das Boarding zudem so steuern, dass die Passagiere sich nicht gegenseitig in die Quere kommen. Familien und Gruppen können dabei weiterhin zusammensitzen. Das Programm teilt ihnen einfach Plätze nebeneinander zu. Passagiere können zudem weiterhin Plätze bei der Buchung reservieren, falls sie das wünschen. Diese werden dann für diese Passagiere reserviert, was gemäss den Entwicklern auf die Boardingdauer keinen grossen Einfluss hätte. Selbst wenn ein Drittel aller Passagiere einen Platz auswählte, blieben genügend Optimierungsmöglichkeiten.

Die finanziellen Gedanken

Es bleibt die Frage, warum die Airlines nicht einfach alle auf die deutlich schnelleren Methoden umstellen. Die Steffenmethode tönt zwar in der praktischen Umsetzung kompliziert, könnte aber bereits gut funktionieren, wenn auf dem Boardingpass neben der Sitznummer auch gleich eine Einsteigenummer aufgedruckt wäre. Der Passagier mit dem hintersten Fensterplatz hätte demnach die Nummer 1, der nächste die Nummer 2, und wie beim Anstehen in der Post könnten die Gate-Mitarbeiter die Passagiere so mittels Displayanzeige «aufrufen». So müssten die Reisenden nicht genau wissen, wie die Steffenmethode funktioniert, sondern nur ein System befolgen, welches sie bereits aus dem Alltag kennen.

Der Nachteil für die Airlines: Die Umstellungen kosten Geld, insbesondere wenn die Sitzplätze von einer Software vergeben werden und Familien einberechnen müssen, was die Komplexität erhöht.

Zudem dürfte man vermuten, dass etwas Chaos und der stets zu knappe Platz in den Gepäckablagen den Fluggesellschaften auch für Mehreinnahmen sorgen. So sind Passagiere eher bereit, etwas zu zahlen, um vor den anderen einsteigen zu dürfen. Die Wilma-Methode dürfte zudem den Anreiz erhöhen, kostenpflichtig einen Fensterplatz zu buchen, damit eingestiegen werden kann, wenn die Gepäckfächer noch leer sind.

ab/se/anf

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt