Swatch: Ein Kunstwerk reicht als Bezahlung

Oben wohnen Künstler gratis, unten werden Luxusuhren verkauft: Willkommen im Swatch Art Peace Hotel in Shanghai, mit dem die Unternehmerfamilie Hayek Mäzenatentum und Marketing kombiniert.

Regimekritik erlaubt: Das Swatch Art Peace Hotel in Shanghai vereint Kunst und Kommerz.

Regimekritik erlaubt: Das Swatch Art Peace Hotel in Shanghai vereint Kunst und Kommerz.

(Bild: zvg/Swatch Group)

Jon Mettler@jonmettler

Kunst und Kommerz prallen im Swatch Art Peace Hotel in Shanghai auf einzigartige Art und Wei­se aufeinander. In den oberen Stockwerken des historischen Backsteingebäudes am Ufer des Huangpu-Flusses sind 18 Wohnungen und Ateliers untergebracht, in denen bis zu 40 Künstler wohnen und arbeiten können. Die atemberaubende Aussicht auf die Skyline des noch jungen östlichen Stadtteils Pudong hat vielen von ihnen bestimmt schon als Inspiration gedient.

Speziell ist, dass sich die Kreativen mindestens drei Monate und höchstens ein halbes Jahr umsonst in der Residenz aufhalten dürfen. Das Frühstücksbuf­fet ist inbegriffen. Als Gegenleistung erwartet der Hotelbesitzer Swatch Group einzig, dass die Künstler eine Spur ihres Aufenthaltes hinterlassen. Die meisten geben ein Kunstwerk ab, das in Shanghai entstanden ist. So ist der Uhrenkonzern aus Biel zu einer ansehnlichen Sammlung moderner Kunst gelangt, die er der Öffentlichkeit aber zugänglich macht – etwa an der Biennale in Venedig oder an Veranstaltungen seiner Marke Swatch.

George Clooney in der Jury

Über den Einlass ins Hotel entscheidet eine illustre Gruppe. Ihr gehören unter anderem Hollywoodstar George Clooney, der malaysische Unternehmer Sir Francis Yeoh sowie die Geschwister Nick und Nayla Hayek an, Konzernchef respektive Verwaltungsratspräsidentin der Swatch Group. Hayeks halten eine Aktienmehrheit an der Firma, was sie zur milliardenschweren Un­ternehmerfamilie macht.

Die internationale Jury geht die Bewerbungen durch, welche die Künstler ausschliesslich via Internet abgeben können. In den vergangenen sechs Jahren hielten sich mehr als 260 Kunstschaffende aus 50 Ländern im Swatch Art Peace Hotel auf. Dazu gehören auch Gäste aus der Schweiz wie das Duo Alex und John Gailla. Die Zwillinge arbeiten derzeit in Berlin als plastische Künstler.

Die beiden beschreiben gegenüber dieser Zeitung ihre Zeit von September 2014 bis März 2015 in Shanghai als «neue Erfahrung, als Experiment»: «Es war eine Möglichkeit, neue Kulturen zu entdecken und kennen zu lernen. Das hat uns bereichert und geprägt.»

Die Swatch Group ist bestrebt, ihre Gäste im Hotel vor dem Zugriff der kommunistischen Partei zu schützen. «Die Künstler werden ins Swatch Art Peace Hotel eingeladen und sind in ihrer Kreativität und ihrem künstlerischen Ausdruck frei», versichert Konzernsprecherin Ana Biljaka auf Anfrage. Regimekritische Kunst wird demnach toleriert.

Im Hotel verfolgt die Swatch Group aber auch kommerzielle Interessen. Im Erdgeschoss verkauft das Unternehmen in edlen Boutiquen Uhren seiner Luxusmarken Omega, Blancpain und Breguet. Die bunten Kunststoffuhren Swatch sind ebenfalls erhältlich. Im Gebäude sind ausserdem Konferenzräume untergebracht, welche die Swatch Group für Medienanlässe nutzt. Zuletzt lancierte das Unternehmen im vergangenen Juli in Shanghai die Bezahluhr Swatch Pay für den chinesischen Markt.

Nick Hayek versteht das Engagement in China deshalb nicht als klassisches Mäzenatentum, weil das Hotel auch als Marketinginstrument dient. Wie die Swatch Group verrät, wirft die Marke Swatch weniger als ein Prozent des jährlichen Marketingbudgets für die Unterstützung der Künstler in Shanghai auf. Genauere Angaben machte die börsenkotierte Gruppe nicht.

Das sagen die Künstler

Die Nähe von Kunst und Kommerz sieht das Künstlerduo Alex und John Gailla unverkrampft: «Auf der einen Seite kann man es bedauern, dass der Kommerz in der Kunstbranche derart präsent ist. Andererseits profitieren aber viele Künstler davon.» Jeder Künstler müsse für sich selber entscheiden, wie weit er Kommerz zulassen wolle.

Die Swatch Group sicherte sich im Jahr 2007 einen 30-jährigen Mietvertrag für das Hotel. Im Gegenzug verpflichtete sich die Gruppe, die Liegenschaft aus den 1920er-Jahren an der Kreuzung zwischen der Einkaufsmeile Nanjing Road und der Uferpromenade The Bund zu renovieren. Dazu warfen die Swatch Group und die chinesische Hotelgruppe Jinjiang International Group gegen 30 Millionen Dollar auf. Im Jahr 2011 öffnete das neu ausgerichtete Hotel seine Tore. Hintergrund der verstärkten Präsenz der Uhrengruppe in Shanghai ist, dass China ein aufstrebender und damit lukrativer Uhrenmarkt ist.

Im Hotel sind bereits Schnittstellen zwischen Kunst und Kommerz entstanden. Der Spanier José Carlos Casado sowie Julia Ong aus Singapur haben in Shanghai gearbeitet und danach einen der begehrtesten Aufträge erhalten, welche die Marke Swatch zu vergeben hat: Beide Künstler konnten das Zifferblatt einer Uhr gestalten.

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