Varoufakis bei den Gamern

Die Idee: Eine eigene Währung für Gamer. Die Firma: Revolutionär und ungewöhnlich. Der Protagonist: Griechenlands neuer Finanzminister Giannis Varoufakis. Willkommen im Rückblick der anderen Art.

Er ist ähnlich unkonventionell wie einer seiner bisherigen Arbeitgeber: Giannis Varoufakis, nachdem er als Finanzminister vereidigt wurde. (27.01.2015)

Er ist ähnlich unkonventionell wie einer seiner bisherigen Arbeitgeber: Giannis Varoufakis, nachdem er als Finanzminister vereidigt wurde. (27.01.2015)

(Bild: Reuters Alkis Konstantinidis)

Robin Schwarz@RobinASchwarz

Giannis Varoufakis ist Finanzminister Griechenlands und aktuell im Spotlight der Wirtschaftswelt. Er, der Ökonomieprofessor, den bis vor einigen Jahren niemand gekannt hatte («Ich war sehr zufrieden in meinem akademischen Kokon»), steht plötzlich im Spitzenteam eines Staates und soll nun – zum grossen Teil zumindest – dessen Probleme in den Griff kriegen. Geringe Probleme? Keineswegs. Über Griechenland schwirrt bereits drohend der Pleitegeier. Das Land hatte, so sagt Varoufakis, so schlecht performt wie kein westliches Land seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre.

Nun muss der Minister mit dem ausgebeulten Ledermantel und dem Motorrad die Ärmel hochkrempeln und Lösungen andenken. Lösungen, die es gar nicht gibt: «Es gibt keinen Weg», sagt Varoufakis. Stattdessen fordert er ein Umdenken. Nicht unbedingt von Griechenland, sondern von allen anderen. «Wir brauchen nicht mehr Geld. Wir müssen reden. Wir brauchen eine andere Politik.» Das wirkt im ersten Moment, als würde Varoufakis die Schuld und Verantwortung jemand anderem unterjubeln wollen. Eine andere Perspektive: Varoufakis ist ein «Out of the box»-Denker, gehört zur «Wirtschaftsavantgarde». Das passt zu ihm, denn einer seiner letzten Arbeitgeber ist ähnlich revolutionär und unverschämt: Valve.

Giannis Varoufakis' Blog bei Valve. (Quelle: Screenshot)

Eine virtuelle Währung als Modell für Griechenland-Deutschland

Nur ein paar Spinner hätten seine «obskuren Aufsätze und esoterischen Bücher» gelesen, beschreibt der Finanzminister seine Zeit, bevor er auf die Weltbühne trat. «Plötzlich, als hätte ein rachsüchtiger Magier seinen Zauberstab geschwungen, befand ich mich in der Europadebatte», schreibt Varoufakis in seinem Blog. Mit seinem Bekanntwerden im Zuge der Eurokrise bot sich Varoufakis auch plötzlich Jobangebot um Jobangebot an. Eines der Angebote war dasjenige von Valve.

Eine Tour durch das Büro von Valve. (Quelle: Youtube / Gamespot)

Valve – englisch für Ventil – ist eine amerikanische Videospielfirma mit rund 250 Angestellten. Sie macht vor allem mit der eigenen Onlineplattform Steam ihren Umsatz, eine digitale Distributionsplattform für Videogames. Aber auch mit eigenen Spielen. Für den monetären Austausch zwischen Spiel und Plattform wollte Valve eine Gemeinschaftswährung kreieren und ersuchte dafür Varoufakis um Hilfe. Der Grund, warum Varoufakis dem Jobangebot zustimmte, war, weil ihn die Situation, in der Valve sich mit der eigenen Währung befand, an das Eurodilemma erinnerte: «Das ist Deutschland und Griechenland», schrieb der Finanzminister in seinem Blog. Was für eine Firma aber ist Valve? Valve ist die Firma, welche die PC-Games-Branche zumindest teilweise vor dem Aus gerettet hat. Und sie ist, das ist für die folgenden Ausführungen zentral, hochprofitabel und funktioniert tadellos. Nach Angaben von Firmengründer Gabe Newell sogar derart rentabel, dass der Profit pro Angestelltem höher sei als der von Apple oder Google. Den Firmenwert schätzen Analysten auf etwa vier Milliarden. Ein Jahr lang arbeitete Varoufakis gemäss der Tech-Site Quartz für diesen Branchenprimus.

Postkapitalistisch, ohne Chefetage

Das Valve-Rezept funktioniert, und es ist, ebenso wie Varoufakis, ungewöhnlich. Valve ist eine Firma, die demokratisch geführt wird und demnach keine traditionelle oder zumindest die flachstmögliche Hierarchie besitzt. An deren Spitze steht mit Gabe Newell, wie der Akademiker Varoufakis, ein unbequemer Querdenker. Der Harvard-Abbrecher verliess Microsoft 1996 mit der damals mutigen Idee, eine Videospielfirma zu gründen. Seither schiesst Newell regelmässig heftige Kritik gegen das Microsoft-Modell. Das erinnert frappant an Varoufakis’ Beziehung zur europäischen Wirtschaft.

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Varoufakis sagt über Valve, die Firma wolle eine postkapitalistische Organisation sein und dies über Kapitalismus erreichen. Das ist eine Beschreibung, die auf Valve zutrifft. Denn, und das klingt vorerst nach einer Floskel, Valve stellt den Kunden ins Zentrum und nicht den Umsatz. Das ist kein Allgemeinplatz, weil Valve tatsächlich kein wirkliches strategisches Langzeitziel hat. Das ist gar im Mitarbeiterhandbuch ersichtlich, das vor einigen Jahren ins Internet gelangte und nun öffentlich zugänglich ist. «Valve ist schlecht darin, langfristig zu planen», heisst es dort. Der Indikator, wenn es mal nicht gut läuft? Das würde man dann merken, wenn der Kunde plötzlich unzufrieden sei. Eine andere Frage: Wer plant denn überhaupt? Die Antwort: alle und niemand. Es gibt keine einheitlichen Ziele, jeder Mitarbeiter ist bei Valve selber für seine Ziele verantwortlich und trägt, so kultiviert es Valve gemäss eigenen Angaben, damit auch viel Mitverantwortung für die ganze Firma.

Utopisch-realistische Firmenführung

Überhaupt klingt die Funktionsweise von Valve wie ein unrealistischer, utopischer Vorschlag, wie eine Firma zu führen ist. Alle Mitarbeiter suchen sich ihre Projekte selber aus, keiner bestimmt den Tagesablauf, jeder kann tun, was er für richtig hält. Symbolisch für die Firmendynamik sind an allen Bürotischen Rollen befestigt, damit sich die Angestellten stets neu orientieren und zusammenstellen können. «Noch nie ist ein Valve-Mitarbeiter wegen eines Fehlers entlassen worden», heisst es im Handbuch. Die Firma finde die «Freiheit zu scheitern» ein wichtiges Prinzip, wenn es darum gehe, herausfinden zu müssen, wie etwas funktioniert. Einst machte auch die legendäre Geschichte um Spieledesigner Erik Wolpaw die Runde. Dieser sah sich wegen einer Erkrankung zur Kündigung gezwungen. Diese wollte Firmenboss Newell nicht akzeptieren. «Dein Job ist es jetzt, gesund zu werden. Das ist deine Jobbeschreibung hier bei Valve», habe er gesagt.

Führt eine extrem ungewöhnlich organisierte Firma: Gabe Newell bei der Präsentation des «Steam Controller» (Bild: Getty) (06.01.2014)

Weitere ungewöhnliche Pfeiler des Geschäftsalltags bei Valve:

  • So etwas wie richtige Jobbeschreibungen und Rollen gibt es in der Regel nicht.
  • Die Angestellten entscheiden darüber, wer eingestellt wird.
  • Die Angestellten bewerten ihre Arbeitsleistungen gegenseitig – und entscheiden damit über das Salär.
  • Die ganze Firma fliegt einmal pro Jahr – samt Familien – für eine Woche gratis zusammen in die Badeferien. 2012 war es Hawaii. Insgesamt beteiligt: 293 Mitarbeiter, 185 Kinder.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt, wie die ehemalige Valve-Angestellte Jeri Ellsworth in zahlreichen Podcasts dokumentierte. So kritisierte sie vor allem, dass die Hierarchie zwar flach sei, es aber dennoch Machtstrukturen gebe – wer beliebt sei, habe mehr Chancen, sagte sie.

Kapitalistische Firmen sind wie Dinosaurierskelette aus der Vorzeit

Varoufakis selber hatte, anders als die meisten Angestellten, eine definierte Rolle, nämlich die des ansässigen Ökonomen. Er kommt zum Schluss, Valve sei eine marktfreie Zone. Warum er damals begeistert gewesen sei, für Valve zu arbeiten? «Das momentane System von Unternehmungsführung ist öde. Kapitalistische Firmen sind auf dem besten Weg zum sicheren Aussterben.» In der Zukunft werde man über die jetzt «autokratisch funktionierenden, sowjetartigen Monolithen» staunen, wie es heute «Schulkinder über Dinosaurierskelette im naturhistorischen Museum» tun.

Es ist kein Zufall, dass Varoufakis bei Valve gearbeitet hat. Das wiederum ist der Grund, warum die Äusserungen von Varoufakis zur Eurokrise, so ungewöhnlich sie auch sind, im Grunde genommen auch keine Überraschung sind.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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