Von den Berner Hoffnungsträgern ist keiner pleitegegangen

Die Swiss Economic Awards werden in Interlaken zum zwanzigsten Mal vergeben. Sieben Berner Firmen haben den bedeutendsten Schweizer Jungunternehmerpreis bislang erhalten.

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Julian Witschi

Schweizerinnen und Schweizer sind im internationalen Vergleich zurückhaltend beim Gründen von Unternehmen. Im Kanton Bern gilt der Unternehmergeist als besonders schwach.

Doch beim bedeutendsten Schweizer Jungunternehmerpreis, dem Swiss Economic Award, haben Berner Firmen nach den Zürchern am häufigsten abgeräumt. Der Award wird heute in Interlaken am Swiss Economic Forum (SEF) zum zwanzigsten Mal verliehen.

In den letzten 19 Jahren haben jeweils drei Jungunternehmer den Preis erhalten. Von den 57 Auszeichnungen gingen 22 in den Kanton Zürich. Damit ist der Kanton auch gemessen an seiner Wirtschaftskraft und der Be­völkerungsgrösse übervertreten. Andere bedeutende Wirtschaftsregionen wie die beiden Basel (4 Preise), Genf (2) und die Waadt (3) hinken deutlich hinterher.

Der Kanton Bern folgt bereits an zweiter Stelle mit sieben ­geehrten Firmen. Nun könnte man meinen, das Swiss Economic Forum habe vermutlich vor allem in den Anfängen Jungunternehmen aus der Region bevorzugt. Doch dem ist nicht so.

Schub für Teambildung

Das erste ausgezeichnete Berner Jungunternehmen war 2003 Qualidoc. Das Softwareunternehmen holte den zweiten Platz für seine Dienstleistungen zur Digitalisierung von Patientendaten. «Der Preis war für Qualidoc sehr wichtig und hat einiges in der Folge bewegt», sagt der ehemalige Chef Jürgen Holm.

Er empfiehlt allen jungen Unternehmern, wenn sie an ­innovativen Produkten arbeiten, sich beim Swiss Economic Award zu bewerben. Auch wenn es dann nicht klappe mit einem Preis, so bringe zumindest der Auswahlprozess sehr viel für ein Start-up-Unternehmen.

«So hatten wir ­damals den Businessplan und die operative Umsetzung im Team überdenken dürfen – ein wichtiger Teamprozess», erinnert sich Holm. Wenn es darüber ­hinaus noch mit einem Preis klappe, sei das «natürlich eine Bombe in ­Sachen Motivation für alle Mitarbeitenden». Und es würden sich neue Kanäle öffnen für ­Finanzierungen oder andere strategische Vorhaben.

Beliebte Übernahmeziele

So war es dann auch bei Qualidoc. 2008 übernahm die Münchner Meierhofer-Gruppe die Firma. Der Sitz der Meierhofer Schweiz AG ist noch heute in Köniz. Holm blieb der digitalen Transformation im Gesundheitswesen verschrieben.

Er leitet heute an der Berner Fachhochschule die Abteilung für Medizininformatik. «Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn wir bald ein Spin-off von unseren Studierenden an einer Swiss-Economic-Award-Verleihung treffen würden.»

Auf diese Bühne geschafft ­haben es 2006 ­Remo Neuhaus und Thomas Binggeli. Neuhaus hatte die Stadtberner Gastrobetriebe Ristorante Lorenzini und die Lounge Du Théâtre mit roten Zahlen übernommen und auf ­Erfolgskurs gebracht. Auch hier folgte wenige Jahre nach dem Award die Übernahme.

2009 kaufte der Zürcher Gastrokönig Rudi Bindella die beiden traditionsreichen Berner Restaurants. Neuhaus gründete die Citybeach AG und brachte damit eine Strandbar nach Bern.

Immer noch voll im angestammten Geschäft ist Thomas Binggeli. Im Alter von 17 Jahren hatte er Thömus Veloshop gegründet. Auf dem ­elterlichen Bauernhof in Oberried befindet sich heute noch das Zentrum des Unternehmens. ­Vorübergehend wurde er Teilhaber und Chef der Velogruppe BMC Switzerland mit dem Elektrovelo Stromer.

2011 erhielt das Unternehmen «Gourmet15box» von Susanne und Martin Schanz den Award. Ihr Erfolgsrezept lautete: Fünfgangmenüs vom Gourmethauslieferservice, die sich in der eigenen Küche innert 15 Minuten ­zubereiten lassen.

Das Preisgeld von 25'000 Franken steckte Schanz in den weiteren Aufbau der Firma. Inzwischen heisst die Firma Gourmetbox und beliefert von Bern-Bümpliz aus nicht mehr nur Haushalte, sondern auch grössere Anlässe wie Apéros oder Hochzeiten.

Stark gewachsen sind ebenfalls die beiden Berner Awardgewinner von 2012: Livesystems aus Köniz und die aus Gysenstein stammende Jumi AG. Jumi wurde bekannt mit Käse- sowie Fleischspezialitäten.

Ins Leben gerufen haben die Firma ein Landwirt und ein Käser, Jürg Wyss und Mike Glauser. National und international bekannt wurde Jumi mit der Belper Knolle – einem runden Hobelkäse. Auf einen Ableger in London folgte ein Jumi-Team in Wien.

Livesystems wurde unter der Führung von Yves Kilchenmann, Olivier Chuard und Christian Imhof bekannt mit Passenger-TV, das Bildschirme im öffentlichen Verkehr mit Fahrgastinformationen bespielt. Letzten Herbst startete die Gruppe das Onlinenachrichtenportal Nau.

Flaute seit 2013

Letztmals hat vor fünf Jahren ein Berner Unternehmen den Swiss Economic Award erhalten, nämlich der Langenthaler Fleischveredler Carnosa. Firmengründer Peter Glanzmann wurde ausgezeichnet für seinen Erfolg in einer Nische, «wo es den Grossen zu klein und den Kleinen zu gross ist».

2017 hat aber ein Grosser ­zugebissen: Die Thurgauer Malu Holding schluckte Carnosa. Es habe sich aber nicht um eine feindliche Übernahme gehandelt, sondern um eine vorgezogene Nachfolgeregelung, sagte der damals 58-jährige Glanzmann.

Insgesamt haben die Juroren des Swiss Economic Award einen guten Riecher für erfolgversprechende Jungfirmen bewiesen. Viele der prämierten Unternehmen sind heute noch im Geschäft und bieten zahlreiche Arbeitsplätze. Die wohl spektakulärste Pleite machte der Fernsehsender Joiz.

2016 deponierte er die ­Bilanz, 75 Mitarbeitende waren betroffen. Andere Preisträger dagegen haben von dem Qualitätssiegel der Jury profitiert. Für sie wurde die weitere Finanzierung und damit die Expansion einfacher. Dies aber oft auf Kosten der Eigenständigkeit.

Berner Zeitung

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