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Warum Alstom Siemens die kalte Schulter zeigt

Im Bietergeschäft um Alstom scheint für Siemens der Zug so gut wie abgefahren. Dahinter steckt wohl auch eine persönliche Fehde. Und der oberste Verfechter des «Made in France» fühlt sich übergangen.

Hatten keinen «direkten Dialog»: Alstom-Chef Patrick Kron und Joe Käser, Chef von Siemens.
Hatten keinen «direkten Dialog»: Alstom-Chef Patrick Kron und Joe Käser, Chef von Siemens.
AFP

Es war nicht der Zeitpunkt für Bescheidenheit für Patrick Kron. «Wir haben ein einziges Angebot vorliegen, es ist ein attraktives Angebot», frohlockte der Alstom-Chef am Mittwoch bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten. «Sie erlauben mir, dass ich nicht das Gegenteil sage - schliesslich habe ich es ausgehandelt.» Gemeint war das Übernahmeangebot des US-Konzerns General Electric, der für 12,35 Milliarden Euro die Alstom-Energiesparte aufkaufen will - und damit im Bieterkampf mit Siemens um den französischen Konzern klar die Nase vorne hat.

Endgültig entschieden ist noch nichts im Übernahmepoker, doch die Weichen scheinen gestellt: Der Verwaltungsrat des französischen Kraftwerk- und Zugbauers sprach sich am Dienstagabend für das General-Electric-Angebot aus. Die «strategischen und industriellen Vorzüge dieser Offerte» lobte Alstom, die Portfolios beider Konzerne im Energiesektor würden sich «beinahe perfekt» ergänzen. Alstom, Hersteller des Hochgeschwindigkeitszugs TGV, will sich künftig ganz auf das Bahngeschäft konzentrieren. Bis Ende Mai soll ein unabhängiges Gremium das Geschäft mit GE überprüfen.

Wenig Hoffnung

Für den Siemens-Konzern, der am Wochenende in das Bietergeschäft eingestiegen war, gibt es in der Alstom-Mitteilung nur einige dürre Zeilen: Die Interessensbekundung von Siemens werde zur Kenntnis genommen. Der deutsche Industrieriese werde Zugang zu allen Konzern-Informationen bekommen, um ebenfalls ein verbindliches Angebot unterbreiten zu können. Allgemein behält sich Alstom die Möglichkeit offen, bei einem «besseren Angebot» zuzuschlagen, sollte ein solches in den kommenden Wochen unterbreitet werden.

Doch Siemens scheint sich wenig Hoffnungen zu machen, noch zum Zuge zu kommen. In einem Schreiben an Alstom beklagte der Münchner Konzern bereits am Dienstag, keine Antwort auf seine Interessensbekundung vom Wochenende bekommen zu haben. «Wir sind besonders enttäuscht von der mangelnden Kooperation des Vorstandschefs», heisst es in dem Schreiben mit Blick auf Kron, dessen Abneigung gegen Siemens bekannt ist. Kron sei an einem «direkten Dialog» über das mögliche Geschäft nicht interessiert gewesen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Siemens die Ablehnung Krons zu spüren bekommt. Bereits im Jahr 2003 sträubte sich der Alstom-Chef mit Händen und Füssen gegen die Übernahme des Traditionsunternehmens durch den Erzrivalen Siemens. Um das Traditionsunternehmen vor der Pleite zu retten, spannt Kron Nicolas Sarkozy, seinerzeit Finanzminister, als Helfer ein. Der konnte schliesslich erreichen, dass der Staat ein Fünftel der Alstom-Anteile erwarb. Der künftige Präsident zählte die Rettung vor dem deutschen Zugriff als persönlichen Erfolg. Seit dem gemeinsamen Alstom-Engagement sind die beiden dicke Freunde.

Keine schnelle Entscheidung

Sauer auf Kron ist auch die französische Regierung. Denn der Konzernchef hatte die Regierung nicht in seine Pläne eingeweiht. Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg warf Kron am Dienstag in der französischen Nationalversammlung unverhohlen vor, ihn belogen zu haben: Der 60-Jährige habe ihm wiederholt versichert, dass es «kein Projekt einer Allianz» gebe. «Muss der Wirtschaftsminister jetzt einen Lügendetektor in seinem Büro anschliessen?», empörte sich Montebourg.

Die sozialistische Regierung hatte aus ihrer Abneigung gegen eine Alstom-Übernahme durch General Electric keinen Hehl gemacht. Sie drängte Alstom dazu, keine schnelle Entscheidung zu treffen, damit Siemens eine Chance bekommt. Am Mittwoch nahm die Regierung den Beschluss des Alstom-Verwaltungsrats als Erfolg für sich in Anspruch. Das Gremium habe «keine exklusiven Diskussionen» mit General Electric beschlossen, betonte Premierminister Manuel Valls. «Wir wurden gehört, das erscheint mir das Wesentliche.»

«Es ist noch nichts entschieden», sagte auch Montebourg. Die Regierung werde die kommenden Wochen nutzen, «um die industriellen Interessen der Nation zu verteidigen».

Doch tatsächlich kommen die Sozialisten und insbesondere Montebourg, der sich als oberster Verteidiger des «Made in France» sieht, nicht gut weg bei der Angelegenheit. Sie erscheinen vorgeführt von einem Konzernchef, der sich vom Staat weder in die Karten blicken noch in die Geschäfte hereinreden lässt - auch wenn Kron dem französischen Präsidenten François Hollande zustimmte und eingestand, der Staat werde «ein Wort mitzureden haben» bei dem Geschäft.

Von der Opposition kam Häme für die Sozialisten. Der Zentrumspolitiker Jean-Christophe Lagarde ätzte, wenn Montebourg als Wirtschaftsminister nicht mitbekomme, wie eines der Flaggschiffe der französischen Industrie mit anderen Konzernen verhandle, dann solle er lieber gleich zurücktreten.

Angereichert mit Material der Nachrichtenagentur AFP.

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