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Warum Kuoni keine Reisen mehr veranstaltet

Der Schweizer Reisekonzern Kuoni setzt auf neue Geschäftsfelder. Wie riskant ist diese Strategie? Und steht sie für einen Umbruch in der Branche? Die Antworten.

Der Textilfachmann Alfred Kuoni eröffnet am Zürcher Bellevue zusammen mit seinen Brüdern das Reisebureau Gebr. Kuoni. Die erste Gruppenreise führt auf den Uetliberg. Sechs Jahre später verlegt Kuoni das Reisebüro an den Zürcher Bahnhofplatz (Bild).
Der Textilfachmann Alfred Kuoni eröffnet am Zürcher Bellevue zusammen mit seinen Brüdern das Reisebureau Gebr. Kuoni. Die erste Gruppenreise führt auf den Uetliberg. Sechs Jahre später verlegt Kuoni das Reisebüro an den Zürcher Bahnhofplatz (Bild).
Keystone
Die erste Kuoni-Filiale in St. Moritz wird eröffnet, zwei Jahre später die erste Auslandsfiliale in Nizza. Die Einzelfirma wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, mit dem Mitarbeiter Harry Hugentobler als Teilhaber. Im Bild: Ein Werbeplakat aus dem Jahr 1948.
Die erste Kuoni-Filiale in St. Moritz wird eröffnet, zwei Jahre später die erste Auslandsfiliale in Nizza. Die Einzelfirma wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, mit dem Mitarbeiter Harry Hugentobler als Teilhaber. Im Bild: Ein Werbeplakat aus dem Jahr 1948.
Keystone
Februar 2016: Die Kuoni Holding wird nach Schweden verkauft. Nach monatelangen Spekulationen ist das Schicksal des Traditionskonzerns besiegelt. Der schwedische Fonds EQT kauft die Kuoni Holding mit den drei verbleibenden Divisionen: Global Travel Distribution, Global Travel Services, VFS Global.
Februar 2016: Die Kuoni Holding wird nach Schweden verkauft. Nach monatelangen Spekulationen ist das Schicksal des Traditionskonzerns besiegelt. Der schwedische Fonds EQT kauft die Kuoni Holding mit den drei verbleibenden Divisionen: Global Travel Distribution, Global Travel Services, VFS Global.
Ennio Leanza, Keystone
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Es ist, als würde Tempo verkünden, keine Taschentücher mehr herstellen zu wollen: Der Schweizer Reisekonzern Kuoni verkauft das Reiseveranstaltergeschäft, mit dem er 2014 rund 40 Prozent des gesamten Konzernumsatzes erwirtschaftete.

Kuoni wird also keine Reisen für Privatpersonen mehr organisieren, sondern nur noch als Dienstleister für andere Unternehmen auftreten – zum Beispiel als Grossist für Hotelübernachtungen, als Veranstalter von Gruppenreisen oder als Partner für Regierungen im Visabereich. Ob die Kuoni-Reisebüros in der Schweiz nun verschwinden, ist noch nicht klar. Die Firma ist auf der Suche nach einem Käufer, der den Geschäftszweig übernimmt.

Beim Schweizer Reise-Verband (SRV) hat man mit einem solch radikalen Schritt nicht gerechnet. «Die Reisebürobranche erlebt eine Renaissance», sagt Geschäftsführer Walter Kunz. «Die Tendenz zu immer mehr Onlinebuchungen scheint gebrochen, zumindest für den Moment.» Eine letztjährige Studie belege, dass der Marktanteil der Reisebüros wieder gewachsen sei. Der Entscheid von Kuoni, ganz auf diesen Geschäftsteil zu verzichten, überrascht ihn darum.

«Hochprofitabel, aber riskant»

Auch Christian Lässer, Tourismusexperte an der Universität St. Gallen, ist erstaunt. Aus ökonomischer Sicht mache der Schritt zwar Sinn: «Die Gewinnmarge ist bei Individualreisen klein, als Unternehmensdienstleister kann Kuoni da sicher mehr herausholen.» Für 2014 verzeichnete der Konzern eine Umsatzeinbusse von 2,8 Prozent. Auf dem Resultat laste das Veranstaltergeschäft, das Kuoni nun verkaufen will. In den Sparten, die weitergeführt werden , resultiere hingegen ein Umsatzplus um 1,1 Prozent. Doch laut Lässer bergen auch diese Sparten einige Risiken. Er nennt zwei davon:

  • Mit der Division VFS Global tritt Kuoni als Outsourcing-Partner für derzeit 45 Regierungen an. Die Firma betreibt 1400 Visa-Antragszentralen in 117 Ländern – laut Lässer ein «hochprofitables, aber wachstumskritisches Geschäft». In den letzten Jahren habe die Komplexität bei Visumanträgen zugenommen, Dienstleistungen wie jene von Kuoni seien darum sehr gefragt. Dass die Nachfrage in diesem Tempo weiterwächst, sei jedoch nicht garantiert. Denn der Geschäftsgang wird von vielen externen Faktoren beeinflusst, vor allem von politischen Prozessen. Als Beispiel nennt Lässer den chinesischen Markt: «Noch muss jeder chinesische Tourist ein Schengen-Visum beantragen. Würde diese Pflicht abgeschafft, verlören die Vermittler Einnahmen in grosser Höhe.» Kuoni macht nach eigenen Angaben beinahe 70 Prozent des Visa-Umsatzes im asiatisch-pazifischen Raum.
  • Neben dem Visageschäft will Kuoni künftig als Reisedienstleiter für andere Anbieter auftreten. Auch hier sieht Lässer einige Fragezeichen. «Das Business-to-Business-Geschäft ist zwar rentabler, aber die Konkurrenz ist sehr gross. Warum sollte ein Reiseveranstalter über Kuoni Hotelzimmer in Indien buchen, wenn das auch ein Anbieter vor Ort erledigen kann?» Ausserdem gebe der Konzern den Kontakt zum einzelnen Kunden auf, «und der ist immer noch die Basis des ganzen Reisegeschäfts. Hier droht eine Entfremdung.»

«Der grösste Ausbildner der Branche»

Kuoni werde finanziell von der Umstrukturierung profitieren, sagt Lässer – kurzfristig. Ob sich der radikale Einschnitt auch langfristig lohnt, sei allerdings mehr als unklar. Einen neuen Branchentrend erkennt Lässer nicht: «Die Schweizer Reisebranche ist sehr heterogen, man kann nicht von Kuoni auf andere Anbieter schliessen.» Auch er sieht, wie Walter Kunz, weiterhin Potenzial für Reisebüros: «Die Industrie ist brutal unter die Räder gekommen, aber sie hat in den letzten Jahren viel gelernt und das Angebot an die neuen Bedürfnisse angepasst. Und es gibt immer noch genug Touristen, die gerne Geld für individuelle Beratung ausgeben.»

Sorgen macht sich der Schweizer Reise-Verband trotzdem. «Kuoni ist eine gute, starke Marke, sie prägt die Schweizer Reisebranche seit Jahren. Es wäre schade, wenn sie verschwinden würde», sagt Walter Kunz. Viel hänge vom zukünftigen Käufer und seiner Strategie ab. «Wir hoffen, dass er die Kuoni-Filialen weiterführt und vor allem weiterhin in Lernende investiert. Kuoni ist der grösste Ausbildner der Branche.» Von der Umstrukturierung betroffen sind 3800 Mitarbeiter. Was mit ihnen geschieht, ist unklar.

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