Weil Roboter versagten, mussten Menschen mehr arbeiten

Ein japanisches Hotel wollte Personalkosten sparen – das ging gründlich schief.

Das erste Roboterhotel in Japan hat einen grossen Teil seiner Roboter in Rente geschickt.
Caroline Freigang@c_freigang

Das erste Roboterhotel der Welt wurde 2015 mit grossem medialem Tamtam im japanischen Sasebo eingeweiht. Das Henn-na, japanisch für «das seltsame Hotel», begrüsste seine Gäste schon im Empfangsbereich mit Dinosauriern und automatisierten Empfangsdamen. Im Aquarium schwammen Roboterfische. Das Check-in lief komplett digital ab, ein Roboter brachte das Gepäck aufs Zimmer, dort half ein automatisches Roboterei bei Fragen der Gäste.

Nach der Eröffnung schaffte das Hotel immer neue Maschinen an. Die Anzahl Roboter wuchs von den ursprünglichen 80 auf 243 Stück an. In der Réception tanzten zwischenzeitlich Roboter, in der Lobby sass einer am Klavier. Nur: Anstatt den Hotelangestellten Arbeit abzunehmen, verursachten die Roboter offenbar nur mehr Arbeit. Darum hat der Betreiber des Henn-na-Hotels gemäss dem «Wall Street Journal» nun mehr als die Hälfte der Roboter lahmgelegt.

Schnarchen aktiviert Roboter

Für Probleme habe etwa der persönliche Assistent Churi gesorgt, der in allen Zimmern vorhanden war. Dieser habe sich mitten in der Nacht eingeschaltet, berichten Gäste. Kunde Yoshihisa Ishikawa etwa berichtet dem «Wall Street Journal» von seiner wenig erholsamen Nacht im Roboterhotel. Alle paar Stunden sei er von Churi, einem Roboter mit puppenähnlichem Aussehen, gefragt worden: «Sorry, ich habe das nicht verstanden. Könnten Sie das wiederholen?»

Am frühen Morgen habe er gemerkt: Der Roboter hatte auf sein lautes Schnarchen reagiert. Wie er Churi ausstellen konnte, fand Ishikawa nicht heraus. Auch andere Gäste beschwerten sich über den Assistenten. Auf die Frage nach den Öffnungszeiten des nahe gelegenen Freizeitparks hätten sie beispielsweise keine Antwort erhalten. Eigentlich war Churi dazu da, einfache Fragen zu beantworten sowie Heizung und Beleuchtung im Raum auf Sprachbefehl zu bedienen.

Dinosaurier überfordert

Gast Atsushi Nishiguchi berichtet dem «Wall Street Journal», wie er nach einem wütenden Gespräch mit Churi versucht habe, sich an die Réception zu wenden. Im Raum habe er allerdings kein Telefon gefunden, da der Roboter theoretisch all diese Aufgaben hätte übernehmen sollen. Entsprechend habe Nishiguchi sein Handy benutzen müssen, um einen menschlichen Mitarbeiter zu erreichen. Churi ist mittlerweile aus den Zimmern im Henn-na-Hotel verschwunden.

Roboterdinosaurier empfangen die Gäste (Bild: Keystone).

Auch weitere Roboter sorgten für Ärger: Die Hälfte der tanzenden Figuren in der Hotellobby seien kaputt gewesen oder hätten geladen werden müssen, bemängelte ein Gast. Zudem hätten die Concierge-Roboter am Eingang die Fragen der Gäste nach Flugzeiten und Touristenattraktionen meist nicht beantworten können. Mittlerweile ist fast immer auch ein menschlicher Mitarbeiter vor Ort – auch, da die Velociraptoren-Roboter meist mit dem Kopieren der Ausweise von ausländischen Gästen überfordert gewesen seien.

Gepäcktransporter «langsam und laut»

Die Roboter, die zum Transport von Gepäck eingesetzt wurden, hätten ihre Aufgaben ebenfalls nicht zufriedenstellend ausgeführt. Von den 100 Zimmern hätten sie nur gut zwei Dutzend erreicht, da sie sich nur auf ebenen Oberflächen bewegen konnten, viele Räume nicht erreichten und bei Nässe nicht mehr funktionierten. «Sie waren sehr langsam und laut und blieben stecken, als sie versuchten, aneinander vorbeizufahren», sagte ein Gast.

Ein Roboter transportiert das Gepäck eines Gastes. (Bild: Keystone)

Hinzu komme, dass fast 4 Jahre nach der Eröffnung viele Maschinen und deren Systeme veraltet seien. «Man hat sich überlegt, einige Roboter zu erneuern, hat aber die Kosten dafür anfangs nicht einberechnet», sagt der Hotelmanager Takeyoshi Oe.

Menschen mussten Überstunden leisten

Das Hotel hatte ursprünglich auf Roboter gesetzt, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Es liegt in einer ländlichen Gegend, in dem dieser besonders gross ist. Man nahm an, dass Maschinen genauso gut Gepäck transportieren, Zimmer reinigen oder Cocktails mischen könnten wie Menschen. Dem war nicht so. Die menschlichen Mitarbeiter hätten mehr Überstunden leisten müssen, um die zusätzliche Arbeit zu erledigen, die die Roboter verursacht hätten, so der Hotelmanager.

Jetzt, mit weniger Robotern, habe sich die Situation entschärft. «Es ist nun einfacher, da wir nicht mehr so oft von Gästen angerufen werden, um bei Problemen mit den Robotern zu helfen», sagt ein Mitarbeiter, der seit drei Jahren im Hotel arbeitet.

Gewisse Jobs nicht ersetzbar

Mittlerweile hat die Hotelkette weitere Filialen eröffnet, etwa in Tokio. Diese setzen nur auf Roboter, die sich als nützlich erwiesen haben. Bleiben durfte etwa ein gigantischer Roboterarm, der Gepäck im Stauraum bewegen kann.

Gepäckroboter im Senn-na-Hotel. (Bild: Keystone/Huis Ten Bosch)

Die erste Filiale in Sasebo setzt derweil eher subtilere Formen von Technologie ein, etwa Solardächer zur Energiegewinnung und Gesichtserkennung. Gewisse Roboter sind noch da, tun aber nicht viel. Der Klavierspieler etwa sitzt am Instrument, aber haut nicht in die Tasten.

Dem Hotelmanagement habe das Experiment gezeigt, dass gewisse Jobs eben nicht durch Roboter ersetzbar seien, sagt Hideo Sawada, Präsident der Reisefirma, der die Kette gehört. «Wenn man Roboter benutzt, merkt man, dass es Orte gibt, an denen sie nicht gebraucht werden – oder Menschen einfach nur ärgern», so Sawada.

Maschinen übernehmen mehr Jobs

Ob Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen, ist ein Reizthema. Studien zum Thema sind zahlreich. Gemäss einem Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) vom Herbst erledigen bis 2025 Maschinen und Algorithmen mehr Arbeit als Menschen. Dadurch sollen allerdings mehr Arbeitsplätze entstehen als wegfallen, heisst es in der Studie. Bis 2022 könnten demnach rund 75 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, errechneten die Forscher. Gleichzeitig dürften aber in den nächsten fünf Jahren auch 133 Millionen neue Stellen entstehen, allerdings nicht in allen Bereichen.

Gefragt sein dürften laut Prognose des WEF Softwareentwickler und Experten für Onlinehandel und soziale Medien. Auch Jobs, bei denen der Kontakt von Mensch zu Mensch wichtig sei, seien weiterhin gefragt, etwa Vertrieb, Marketing und Kundendienst. Wegfallen dürften Routinejobs in der Buchhaltung und in der Personalabteilung.

Redaktion Tamedia

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