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Weniger Verladebahnhöfe – Migros und Co schiessen gegen Bund

SBB Cargo hat heute die Schliessung von 128 Verladebahnhöfen bekanntgegeben. In Wirtschaft und Politik sorgt der Entscheid für Irritation. Die Hauptkritik richtet sich an das Bundesamt für Verkehr.

Ein Grundkonzept für die Förderung des Schienengüterverkehrs fehlt: Verladestation von SBB Cargo in Cadenazzo.
Ein Grundkonzept für die Förderung des Schienengüterverkehrs fehlt: Verladestation von SBB Cargo in Cadenazzo.
Keystone

Die Schliessung von 128 Verladebahnhöfen der SBB Cargo sorgt für Irritation. Die Kritik richtet sich weniger gegen das Gütertransportunternehmen als gegen den Bundesrat und das Bundesamt für Verkehr (BAV). Der Entscheid sei aber kein Präjudiz für die geplante Gesamtkonzeption, sagte BAV-Sprecher Andreas Windlinger.

Von den 155 Bedienpunkten, welche zur Debatte standen, gehörten nur 29 zu dem von SBB Cargo Grundnetz, welches die flächendeckende Versorgung im Auftrag des Bundes sicherstelle. Bei den übrigen handle es sich um Kundenlösungen in der alleinigen Verantwortung der SBB, sagte Windlinger.

Die vorgesehene Reduktion sei volkswirtschaftlich vertretbar, da nur ein kleiner Teil der heute beförderten Wagen betroffen sei. Laut Windlinger ist das BAV daran, das vom Parlament geforderte Konzept für den Schienengüterverkehr zu erarbeiten. Dieses soll noch vor Ende Jahr in die Vernehmlassung gehen.

Keine politische Führung

Es fehle an politischer Führung, sagte derweil Markus Hutter (FDP/ZH), Präsident der Verkehrskommission des Nationalrats, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. «Eine Auslegeordnung ist längst überfällig.»

Hutter spricht die Gesamtkonzeption für die Förderung des Schienengüterverkehrs im Flachland an, welche das Parlament vor gut einem Jahr vom Bundesrat verlangt hatte. Ziel des Vorstosses ist es, den Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene mindestens zu halten. Obwohl er dem Parlament dieses Konzept vorläufig schuldig geblieben ist, hat der Bundesrat sein Einverständnis zur Reduktion des Verladenetzes signalisiert.

Aufgabe der Politik

Für dieses Vorgehen hat Hutter wenig Verständnis: «Im Moment weiss man nicht, wie der Güterverkehr in der Schweiz ablaufen soll.» Der Schienenanteil könne mit dem Entscheid von SBB Cargo aber kaum gehalten werden. Aus unternehmerischer Sicht kann er die Massnahme nachvollziehen. «Man kann von SBB Cargo nicht erwarten, diese unrentable Infrastruktur aufrecht zu erhalten», sagte Hutter. Es sei Aufgabe der Politik zu entscheiden, was die Verlagerung auf die Schiene kosten dürfe.

SP-Nationalrat und SEV-Gewerkschaftssekretär Philipp Hadorn (SO) kritisierte ebenfalls, dass der Entscheid der SBB Cargo gefallen sei, bevor das Gesamtkonzept vorliege. Bis dahin hätten andere Lösungen als eine Schliessung von Verladepunkten möglich sein sollen, sagte er auf Anfrage.

Migros drängte auf Koordination

Mit dem Vorgehen unzufrieden ist auch die Migros, der grösste Kunde von SBB Cargo. Logistik-Chef Bernhard Metzger zeigte irritiert darüber, dass SBB Cargo nicht den Entscheid der Politik abgewartet hat. Dabei habe man beim Verkehrsdepartement Uvek mehrmals auf eine Koordination gedrängt, sagte Metzger.

Von der Streichung von Bedienpunkten ist die Migros aber kaum betroffen: Nach Auskunft des Logistik-Chefs stehen nur drei der insgesamt rund 50 Verladebahnhöfe zur Diskussion.

Vertretbarer Lösungen

Ähnlich tönt es beim Agrarkonzern fenaco, dessen Chef Willy Gehriger noch vor wenigen Wochen damit gedroht hatte, wieder vermehrt auf die Strasse auszuweichen. Die Verhandlungen mit SBB Cargo seien noch nicht abgeschlossen, sagte Fortunat Schmid von der fenaco. «Aber wir glauben, dass wir nun eine Lösung gefunden haben, mit der wir leben können.»

Fenaco dürfte 11 Bedienpunkte verlieren, darunter «wirklich wenig benutzte», wie Schmid sagte. Umstellungen wird es insbesondere beim Transport von Getreide geben: 5 Prozent der Getreidemenge der fenaco dürften künftig wieder auf der Strasse transportiert werden.

Coop zeigt Verständnis

Betroffen ist auch der Grossverteiler Coop, insbesondere mit dem Produktionsbetrieb Swissmill, wie Sprecher Urs Meier sagte. Für den Entscheid des Transportunternehmens zeigte er aber Verständnis.

Grundsätzlich befürworte Coop die Bemühungen der SBB Cargo, absolut unrentable Bedienpunkte zu schliessen. «Wir verstehen, dass Bedienpunkte, welche eine derart schlechte Frequenz aufweisen, schlicht nicht länger aufrechterhalten werden können - auch wenn wir davon punktuell sogar betroffen sind», sagte Meier.

Fehlende Kapazität

Franz Steinegger, Präsident des Verbands der verladenden Wirtschaft (VAP), sieht in der Schliessung von Verladebahnhöfen vor allem ein politisches Problem. Die Rahmenbedingungen für SBB Cargo seien sehr schwierig, sagte er der Nachrichtenagentur sda.

Weil der Regionalverkehr ausgebaut worden sei, fehle es vor allem in den Agglomerationen an Kapazitäten auf der Schiene. «Das Grundproblem liegt darin, dass man in der Schweiz eine Priorität zu Gunsten des Personenverkehrs hat», sagte Steinegger.

Der Entscheid von SBB Cargo stelle einige Unternehmen und Branchen vor grosse Probleme. Mit den Grosskunden habe das Gütertransportunternehmen in vielen Fällen Lösungen gefunden. Langfristig ortet Steinegger aber auch bei diesen Probleme.

SDA/kpn

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