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«WIR-Geld wird nicht untergehen»

Firmen wenden sich reihenweise ab von WIR, dem Alternativgeld von Baufirmen, Architekten, Coiffeuren, Handwerkern. Der WIR-Bank-Chef Germann Wiggli verteidigt «sein» Geld.

Germann Wiggli, Chef der WIR-Bank.
Germann Wiggli, Chef der WIR-Bank.
P. Halle/zvg

Herr Wiggli, gibt es WIR-Geld bald nicht mehr?Germann Wiggli: Doch, es wird in den kommenden Jahren sogar mehr Firmen geben, die WIR benutzen.

Was stimmt Sie so zuversichtlich? Die mit WIR getätigten Zahlungen nehmen seit zwanzig Jahren kontinuierlich ab, um total 55 Prozent – auf jährlich nur noch 1,35 Milliarden Franken. Die Umsätze gingen zurück. Der Grund: Das WIR-System basiert auf der Freigeldtheorie. Danach wird das Geld auf den Konten nicht verzinst, damit die Kontoinhaber es nicht horten, sondern schnell wieder in Arbeit und Dienstleistungen ummünzen. Dafür können wir WIR-Kredite zu tieferen Zinsen vergeben.

Seit zehn Jahren leben wir aber in einer Tiefzinsphase. Und weil die anderen Banken nun auch fast zinsfreie Hypotheken vergeben, fällt der grosse Vorteil von WIR weg. Das stimmt zum Teil. Ende der 80er-Jahre hatten WIR-Hypotheken einen gewaltigen Vorteil. Banken haben in dieser Zeit Hypotheken mit Zinsen von bis zu 8 Prozent vergeben, während die Zinsen bei WIR-Hypotheken nur 1,75 Prozent betrugen. Im Moment liegt der Zinsvorteil nur noch bei weniger als einem Prozent. Dieser Zustand ist aber nicht dauerhaft. Die allgemeinen Zinsen werden wieder steigen.

Falls aber das Zinsniveau langfristig tief bleibt, sinken die WIR-Umsätze weiter, und irgendwann zahlt dann keiner mehr mit WIR-Geld. WIR würde selbst bei einer anhaltenden Tiefzinsphase nicht untergehen. Denn es gibt weitere Vorteile – zum Beispiel das Netzwerk der WIR-Firmen: Es besteht aus kleinen und mittleren Schweizer Unternehmen. Die WIR-Teilnehmer haben Anreize, sich gegenseitig zu berücksich­tigen. Gerade letzte Woche war ich an der Neueröffnung eines Schuhgeschäfts in Basel. Es nimmt als Zahlung 100 Prozent WIR entgegen und expandiert nun massiv. WIR-Kunden haben ein Interesse, dort Schuhe zu kaufen, statt über die Grenze nach Lörrach zu gehen.

Aber warum genau wagen Sie zu hoffen, dass plötzlich wieder mehr mit WIR bezahlt wird? Wir haben das WIR-System im letzten November grundlegend erneuert und in die Digitalisierung investiert. Man kann jetzt Konten online eröffnen. Und wir haben neu eine Bezahl-App. Das Herzstück ist der WIR-Market, eine Plattform von der Idee her vergleichbar mit Amazon: Die WIR-Firmen können ihre Produkte gratis anpreisen. Anders als bei Online-Verkaufsplattformen wie Amazon entstehen für die KMU durch den WIR-Market keine Zusatzkosten.

Gerade mit der Erneuerung im November haben Sie aber viele Firmen vor den Kopf gestossen, weil jeder WIR-Konto-Inhaber neu von jedem Kunden mindestens 3 Prozent WIR als Zahlung akzeptieren muss. Es stimmt, bisher gab es Kunden mit sogenannt stillen WIR-Konten. Für die anderen WIR-Teilnehmer war nicht sichtbar, dass diese ein WIR-Konto haben. Sie waren nicht verpflichtet, WIR ­anzunehmen. Neu müssen alle ein sichtbares Konto haben und bei jedem Geschäft mindestens 3 Prozent WIR annehmen.

Für viele war der Ärger so gross, dass sie sich von WIR verabschiedeten. Es hat Kündigungen gegeben, das haben wir aber einkalkuliert. Umgekehrt gibt es jetzt mehr Kunden mit einem sichtbaren Konto. Das macht WIR für alle ­attraktiver. Mehr sichtbare Teilnehmer bedeuten ein grösseres offizielles WIR-Angebot an Produkten und Dienstleistungen.

Es gab aber seit November 4000 Kündigungen. Das sind fast 10 Prozent der 45 000 WIR-Kunden. Das kann Ihnen kaum egal sein. Das stimmt so nicht. Denn auch in gewöhnlichen Jahren haben wir jeweils rund 1200 Kündigungen. Wegen der Neuerung waren es 4000. Darunter ist aber ein sehr hoher Anteil an Kunden, die sowieso seit Jahren kaum oder sogar überhaupt keine WIR-Umsätze machten.

Es wird wohl noch viel mehr Kündigungen geben. Denn seit November haben erst 40 Prozent Ihrer Firmenkunden die neuen Bedingungen unterzeichnet. Es muss Sie doch nervös machen, wenn Sie von 60 Prozent Ihrer Kunden noch nicht wissen, ob sie bei den neuen Regeln mitmachen. Ich habe keine Angst. Wissen Sie, wir haben sehr viele kleine Unternehmen: Einmannbetriebe, Zehn- und Fünfzigmannbetriebe. Da gibt es viele, welche die neuen Regeln einmal überflogen haben und dann einfach einmal auf die Seite legten. Wir schicken diesen nun ein Erinnerungsschreiben, die meisten werden es dann sicherlich unterzeichnen.

Sie leben schon stark vom ­Prinzip Hoffnung. Nein, wir sehen von den bisherigen Rückläufen, dass es eine sehr hohe Zustimmung gibt. Ich bin sicher, dass die Allermeisten letztlich mitmachen werden.

Kunden ärgern sich aber auch, weil sie der WIR-Bank neu bei jeder WIR-Rechnung pro Hundert WIR-Franken eine Provision von zwei Franken zahlen müssen – und zwar in Schweizer Franken. Die Umsatzprovision hat es schon immer gegeben. Neu ist nur, dass dieser Netzwerkbeitrag einheitlich bei 2 Prozent liegt. Dieses Geld verwenden wir für den weiteren Ausbau der Produkte und Dienstleistungen – beispielsweise im Bereich der Digitalisierung. Dass der Netzwerkbeitrag in Franken bezahlt wird, ist logisch: Sonst würde dem WIR-Geldkreislauf ja direkt Liquidität entzogen, was nicht im Sinne des Netzwerks sein kann.

Viele Ihrer ganz grossen Kunden, wie die Amag als grösster Schweizer Autoimporteur oder der Baustoffkonzern Sika, haben nach dem Relaunch gekündigt. Bringt Ihnen selbst das keine schlaflosen Nächte? Aus Datenschutzgründen darf ich zu einzelnen Firmen nichts sagen.

Sie mussten nach Protesten die 3-Prozent-Regel vom November bereits wieder entschärfen respektive plafonieren. Das ist doch ein eindeutiger Hinweis, dass Sie unter Druck sind. Wir haben festgestellt, dass die Regeln für einige Firmen problematisch waren. Der Teufel steckte im Detail. Kunden müssen nun pro Geschäftsfall nur maximal 5000 Franken in WIR annehmen, und Kunden, die mehr als 100 000 Franken in WIR umsetzen, können spezielle Bedingungen aushandeln.

Warum das plötzliche ­Entgegenkommen? Einige unserer grossen Kunden, zum Beispiel Zulieferer der Baubranche, betreiben ein Massengeschäft. Es wäre für sie zu kompliziert, wenn sie bei jedem Detailgeschäft noch 3 Prozent WIR annehmen müssten. Wenn sie bei jährlich 400 000 Rechnungen ­jedes Mal noch einen WIR-Anteil fakturieren müssten, entstünde ein erheblicher administrativer Mehraufwand.

Damit bevorzugen Sie aber Grosskunden und brechen mit Ihrem wichtigen Grundsatz, Gross und Klein gleich zu be­handeln. Es kommt auch den kleinen Unternehmen entgegen, wenn ihnen grosse Anbieter im WIR-System erhalten bleiben.

Was aber, wenn trotz Ihres Optimismus doch viele Kunden abspringen? Bei weiteren Umsatzrückgängen beginnt doch irgendwann die verheerende Negativspirale zu drehen. Nein, da haben wir keine Angst. Sie müssen die Relationen sehen: Nach wie vor sind 780 Millionen WIR-Franken im Umlauf, und jährlich werden für weit mehr als eine Milliarde Franken Rechnungen mit WIR-Geld bezahlt. Sie müssen sich einmal andere Komplementärwährungen anschauen. WIR ist immer noch weltweit das mit Abstand grösste Komplementärwährungssystem.

Sie halten den Kurs von WIR künstlich hoch, indem Sie Ihren Kunden strikte verbieten, WIR gegen Schweizer Franken zu tauschen. Sie können dann einfach behaupten, ein WIR-Franken entspreche genau einem Schweizer Franken. Indem wir den Kunden verbieten, WIR einem anderen Kunden für Schweizer Franken zu verkaufen, verhindern wir, dass mit WIR wie mit anderen Währungen spekuliert wird.

Der Schwarzhandel mit WIR ­floriert. Die inoffiziellen ­WIR-Händler sagen, dass ein WIR-Franken nur etwa 70 Rappen wert ist. Das glaube ich nicht. Ich war gerade gestern Mittag essen im Restaurant gegenüber. Ich habe mit WIR bezahlt. Das hat genau gleich viel gekostet, wie wenn ich mit Franken bezahlt hätte.

Das Problem aber: Wenn man dereinst kaum noch irgendwo mit WIR zahlen kann, dann ist WIR de facto wertlos. Klar, Geld, mit dem man nichts kaufen kann, ist wertlos. Doch so weit wird es mit WIR nicht kommen. Im Gegenteil.

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