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Wo Kinderträume entstehen

Den deutschen Ort Ravensburg kennen nicht viele, die Spiele und Bücher, die von dort stammen, aber sind jedem Schweizer Kind geläufig. Die Ravensburger AG hält sich trotz Preisdruck gekonnt im Geschäft.

Qualitätskontrolle in der Puzzle-Abteilung: Angeblich sind Puzzles besonders bei den Isländern beliebt, und die Schweiz gehört seit jeher zu den wichtigsten Märkten.
Qualitätskontrolle in der Puzzle-Abteilung: Angeblich sind Puzzles besonders bei den Isländern beliebt, und die Schweiz gehört seit jeher zu den wichtigsten Märkten.
zvg

Jetzt wandern sie wieder über die Ladentheken: die Spiele mit dem blauen Dreieck. Ob Puzzles, die die Darsteller des US-Vampirfilms «New Moon» zeigen oder Schachteln mit «Wer war’s». Das beliebte Kinderspiel des Jahres 2008 verbindet Magie und Suche auf geschickte Weise und verkauft sich auch dieses Jahr wie warme Weggli.

Seit 126 Jahren werden im süddeutschen Ravensburg Spiele und Bücher produziert, und noch immer bringen sie Kinderaugen zum Leuchten.

Während andere deutsche Traditionsunternehmen der Spielwarenbranche wie Steiff oder Märklin in Schwierigkeiten gerieten, legte die Ravensburger AG selbst in der Wirtschaftskrise noch leicht zu. 2008 stieg der Umsatz um 0,7 Prozent auf 287,8 Millionen Euro. Auch auf das diesjährige Weihnachtsgeschäft freut man sich. Lag der Umsatz insgesamt bei Spielen in Deutschland im Oktober drei Prozent über dem Vorjahreszeitraum, so erreichten die Produkte von Ravensburger sogar ein Plus von fünf Prozent.

Innovative «Schlaule»

Was ist das Erfolgsrezept der oberschwäbischen Firma? Ein hoher Qualitätsanspruch, verbunden mit einer konzentrierten, vorwärts gewandten Politik könnte die Antwort lauten. «Nur das Beste» war das Credo des Ravensburger Buchhändlers Otto Maier, als er 1883 den Verlag gründete. Stand zunächst Ratgeberliteratur auf dem Programm, war schon ein Jahr später klar, wohin die unternehmerische Reise gehen würde. 1884 erschien bei ihm das erste Gesellschaftsspiel mit dem klangvollen Namen: «Reise um die Erde» und war prompt ein Erfolg. Bald darauf folgten Lern- und Bastelspiele sowie Bücher. Viele Hits wurden geboren, die noch heute gefragt sind. So 1927 das Brettspiel «Fang den Hut» oder 1959 «memory», das am meisten verkaufte Produkt des Hauses.

Stets vorwärts gewandt

Die Ravensburger sind aber auch dafür bekannt, dass sie die Verknüpfung klassischer Spiele mit elektronischen Komponenten am weitesten vorangetrieben haben. Und 2007, als sich der Computerspielmarkt stärker für Familien und Mädchen öffnete, stieg man auch dort ein. «Davor war dieser Markt von Sport- und Kampfgames dominiert. Das war nichts, was wir machen wollten», sagt Unternehmenschef Karsten Schmidt. Er ist überzeugt, dass in Kürze «die Trennung zwischen traditionellen und digitalen Produkten verschwinden wird». Dementsprechend wird diese Sparte viel stärker ausgebaut. Im Sommer 2009 wurde eigens dafür das Start-up Ravensburger Digital in München gegründet. Käufer können sich also künftig auf viele Produkte für Konsolen, Windows-PCs und Smartphones freuen.

Qualität statt Massenware

Nie wirken die Produkte lieblos oder billig gefertigt. Um den vom Firmengründer geforderten Anspruch zu halten, werden 85 Produzent aller Spiele und Bücher am Stammsitz in Ravensburg sowie im tschechischen Policka hergestellt. Während heute rund 80 Prozent aller Spielwaren in China produziert werden, bezieht Ravensburger von dort lediglich arbeitsintensive Teile, die man in Europa nicht mehr zu einem vertretbaren Preis einkaufen könnte.

Für die Konzeption von Bücher- und Spielereihen wird mit Pädagogen, Entwicklungspsychologen und Hirnforschern zusammengearbeitet. Namhafte Künstler und Autoren wie etwa Ali Mitgutsch oder Gudrun Pausewang sorgen für Illustrationen und Inhalte. Kein Wunder, dass die ansprechenden Erzeugnisse für Kinder in 90 Ländern verkauft werden.

Angeblich sind Puzzles besonders bei den Isländern beliebt, und die Schweiz gehört seit jeher zu den wichtigsten Märkten. «Viele unserer Mitbewerber scheuen die verlangte Dreisprachigkeit. Wir nicht», sagt Schmidt. Besonders gefragt bei den Schweizer Kunden sind derzeit Puzzles in Pyramidenform, die Flucht von «Mr. X» durch Europa und das Legespiel «Fits». Brachen die Umsätze auch krisenbedingt in den USA, England und Frankreich ein, blieb der Markt hier stabil und in Deutschland, so Schmidt, «sogar bemerkenswert robust».

Kluge Konzentration

Überall ein bisschen mitmischen wollte man nie. «Das ist von der Grösse her gar nicht möglich», sagt Schmidt. Man habe sich ganz klar auf West- und Osteuropa konzentriert und wolle hier ganz vorn dabei sein. Was auch gelingt. Im Heimatmarkt ist man die Nummer vier der Spielwarenproduzenten, in Österreich die Nummer drei, in der Schweiz mal Nummer zwei, mal Nummer drei und in Frankreich etwa steht Ravensburger an siebter Stelle.

Dass man sich immer treu geblieben ist, hat sicher auch damit zu tun, dass nicht allein Fremdmanager die Geschicke bestimmen. Sämtliche Aktien des Verlages sind nach wie vor in Händen der Gründerfamilie und die Enkelin von Otto Maier, Dorothee Hess-Maier, amtet derzeit als stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrats. Zwar war nicht alles ein Erfolg – so dauerte es beispielsweise einige Jahre bis der 1998 eröffnete bodenseenahe Erlebnispark «Spieleland» für Zwei- bis Zwölfjährige endlich schwarze Zahlen schrieb, doch das meiste gelingt den Ravensburgern gut. Und so werden sich auch künftig Kinder, aber auch Erwachsene, über ihre Spiele und Bücher freuen.

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