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Wie ein Schweizer zum «Sisal-Baron» in Tansania wurde

Sisal sei die «Faser der Zukunft» als Ersatz für Kunststoff. Für den Schweizer Georges Hess ist sie seine Vergangenheit und lässt ihn nicht los.

Judith Raupp
Georges Hess ist der «Sisal-Baron». Foto: Judith Raupp
Georges Hess ist der «Sisal-Baron». Foto: Judith Raupp

Eigentlich will Georges Hess loslassen. Er hat seine Sisal-Produktion an der tansanischen Küste vor einigen Jahren an die kenianische Rea Vipingo verkauft. Aber die Faser fesselt den 73 Jahre alten Basler so sehr, dass er spontan Touristen in seine alte Firma in Kigombe führt, um ihnen zu zeigen, wie aus den Blättern der Agave weisser Sisal wird.

Hess muss schreien, um den Lärm der Maschine zu übertönen. Arbeiter der Amboni Plantations führen die Blätter über ein Förderband in eine rotierende Trommel, wo die Sisalfaser mit Hochdruck herausgewaschen wird. «Die Technik stammt aus den Fünfzigerjahren. Aber alles funktioniert wunderbar», brüllt Hess in die Runde. Die Faser-Ausbeute beträgt nur drei bis fünf Prozent. Die übrige, grünliche Flüssigkeit landet im Indischen Ozean, was die Einheimischen nicht begeistert, weil das Abwasser den Fischen schlecht bekommt.

Über alte Zeiten erzählt der Unternehmer gern. Zum Beispiel, wie das war, als er an der Fernuni im südafrikanischen Pretoria sein Betriebswirtschaftsstudium absolvierte. Ohne Internet, die Post dauerte drei Wochen. Er arbeitete damals in Sambia, Zimbabwe und Kenia. Hess schmunzelt und sagt, dass er das Sisal-Geschäft «einer deutschen Erfindung» verdankt. Seine Firma erzielte einen Jahresumsatz von gut zwei Millionen Dollar und «lief auch gut», versichert er.

Seile für Seefahrt und Landwirtschaft

1893, als Tansania eine deutsche Kolonie war, brachte der Agronom Richard Hindorf die Pflanze von Mexiko nach Afrika. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft produzierte daraus Seile für die Seefahrt und die Landwirtschaft.

Hess steht mittlerweile im Lager der Sisal-Firma und fragt den Manager, weshalb nur minderwertige Ware dort liege. Der beeilt sich zu versichern, dass die gute Qualität schon verkauft sei. Hess sagt, als er noch Herr im Hause war, sei mehr als die Hälfte der Produktion beste Qualität gewesen. Aber egal, er will sich nicht einmischen.

Allerdings, «diese Blätter gehören längst geschnitten», entfährt es ihm, als er das Agavenfeld betrachtet. Und aus alter Gewohnheit zählt er die Blätter in einem Bündel, das auf dem Anhänger liegt. Die Arbeiter müssen 27 Blätter zusammenbinden und 100 Bündel am Tag ernten. «Manchmal schummeln sie», erinnert sich Hess.

In Teppichen und Taschen, in der Innenauskleidung von Autos, in Stuckdecken, in Poliertüchern: Überall steckt Sisal drin.

Er wollte seinen Arbeitern mehr als die 80 bis 100 Dollar Lohn im Monat bezahlen. Aber die Konkurrenten protestierten. Da liess er es. In der Sisal-Firma schuften vor allem Gastarbeiter aus Moçambique und dem Kongo.Die Leute im Dorf ziehen es vor zu fischen. Den Lohn, den die Sisal-Firma bezahlt, halten viele für mickrig. Die deutschen und die britischen Kolonialherren haben die Sisal-Produktion in Tansania gefördert. Zur Unabhängigkeit 1961 war das Land der weltgrösste Exporteur der Pflanzenfaser. Bald ersetzte Kunststoffden Sisal, die Produktion brach ein.

Doch nun will die Welt das Plastik zum Schutz von Mensch und Natur loswerden. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen nennt Sisal schon «Faser der Zukunft». Auch Hess glaubt an Sisal. Vom Hafen in Tanga bringen Schiffe die Ballen in alle Welt. Tansania ist mit einer jährlichen Produktion von 30’000 Tonnen nach Brasilien mit 120’000 Tonnen wieder zum zweitgrössten Produzenten aufgestiegen.

Hess weiss natürlich, in welchen Produkten Sisal steckt: in Teppichen und Taschen, in der Innenauskleidung von Autos, in Stuckdecken, in Poliertüchern. Auch gegen Erosion von Hängen werden Sisal-Netze genutzt, in die Samen eingewoben ist. Die Pflanzen wachsen und geben Halt, der Sisal verrottet. Besonders viel Sisal importiert Spanien, um die Sohlen für Espadrilles herzustellen.

Schiessen und Bratwürste am 1. August

Hess ging 1968 «einfach so» zunächst nach Moçambique. Nach weiteren Stationen in Afrika liess er sich in Kenia und Tansania nieder. Er war im Vertrieb von Bosch-Vertretungen tätig und Ostafrika-Chef des Novartis-Vorgängers Sandoz. Danach machte er sich mit einer Handelsfirma für Maschinen und Farben aus der Schweiz und aus Indien in Nairobi selbstständig.

Tansania ist aber seine Leidenschaft. Hess liess ein ehemaliges deutsches Kolonialhaus zum Hotel umbauen, produzierte Saft und Salbe aus Aloe Vera und plante einen Golf- und einen Flugplatz für Touristen. Auf dem Hotelgelände steht sogar ein Schweizer Schiessstand über 300 Meter. Am Nationalfeiertag kam früher derBotschafter. Es wurde geschossen, danach gab es Schweizer Bratwürste. Das gesamte Projekt ruht im Moment, weil Staatspräsident John Magufuli ausländischen Investoren die Geschäfte vergällt. Hess wartet auf bessere Zeiten. Bis es so weit ist, schreibt er ein Buch über sich und seine Lieblingsfaser.

Den Titel verrät er schon: «Der Sisalbaron».

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