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Tipps vom Mathe-Youtuber

Daniel Jung erklärt, wie moderne Schule auch von zu Hause aus funktioniert.

Er gilt als «Rockstar der Mathematik»: Youtuber Daniel Jung. Foto: Droemer Knauer
Er gilt als «Rockstar der Mathematik»: Youtuber Daniel Jung. Foto: Droemer Knauer

Seit der Schliessung der Schulen aufgrund des Coronavirus steht das Digitale Lernen auf dem Stundenplan. Von einem Tag auf den anderen wurden alle Schüler und Schülerinnen ins Klassenzimmer 2.0 katapultiert. Ohne den klassischen Präsenzunterricht sind jetzt innovative Lernformen gefragt, um sich beispielsweise über Videokon­ferenzen oder Plattformen auszutauschen.

Der renommierte Mathe-Youtuber Daniel Jung sieht dies auch als grosse Chance, Kindern und Jugendlichen Wissen anders zu vermitteln und sie noch mehr für die Inhalte zu begeistern. Allerdings erfordere diese moderne Lernform auch einen gut strukturierten Aufgabenplan sowie Disziplin und Eigenverant­wortung vonseiten der Lernenden. 2011 begann er mit seinen Mathe-Tutorials und ist längst einer der erfolgreichsten Bildungs-Youtuber in Europa. Anfang März erschien sein Buch «Let’s Rock Education», in dem er neue Konzepte für die digitale Bildungsrevolution vorstellt.

Herr Jung, in Ihren Erklär­videos sieht man Sie meist in Jeans mit T-Shirt, Dreitagebart und einem Stift in der Hand auf einer weissen Tafel rechnen. Wie haben Sie es geschafft, ohne Action, Gags oder Musik mehr als 220 Millionen Views zu haben?

Meist haben die Schüler oder auch Studenten ja nur eine bestimmte Rechenart nicht mehr präsent und fragen sich, wie ging das noch mal? Zum Beispiel den grössten gemeinsamen Teiler zu ermitteln, eine Differenzialgleichung zu machen oder binomische Formeln mithilfe des Pascalschen Dreiecks schnell zu erkennen. Sie wollen in der Regel möglichst rasch ans Ziel, damit sie am nächsten Tag ihre Prüfung bestehen. Ich muss deshalb immer schnell auf den Punkt kommen.

Was raten Sie Lehrpersonen, die bisher erst wenig Erfahrung mit digitalem Unterricht haben?

Man muss nicht unbedingt ein Tech-Nerd sein, um damit anzufangen. Es gibt sehr viele tolle Sachen, die ganz einfach zu bedienen sind. Für Videokonferenzen in Schulen eignet sich etwa Zoom, Microsoft Teams oder Google Hangouts, das man sich gratis herunterladen kann. Das Internet ist geradezu ein Bildungsdschungel, den man aber recht gut je nach Bedarf durchforsten kann. Nützlich ist etwa auch der Youtube-Kanal «Merkhilfe», der unter anderem Biothemen wie Meiose oder Mitose, aber auch das Coronavirus gut geklärt. Sehr populär ist zudem «Lehrerschmidt» oder «Mai-Lab». Doch im Prinzip braucht jede Lehrperson nur einen Computer und eine Kamera, um ein eigenes Erklärvideo auf eine Plattform wie etwa Moodle zu stellen. Es ist der Beginn einer Bildungsrevolution.

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Wie haben Sie damals angefangen?

Während des Studiums habe ich 2006 die ersten Videos entdeckt, in denen Professoren von amerikanischen Eliteuniversitäten wie dem Massachusetts Insti­­-tute of Technology MIT oder Stanford ihre Vorlesungen für alle ins Internet gestellt haben. Weil ich zuvor schon mehrere Jahre Nachhilfe gegeben hatte, war ich sofort begeistert, dass man in Zukunft auch auf dem Sofa liegend etwas lernen kann. Ich wollte dann jedoch ganzgezielt jeweils eine Rechenart erklären, sodass meine Videos im Durchschnitt nur vier bis sechs Minuten dauern.

Das Lernen zu Hause erfordert Disziplin und Eigenverantwortung, kann aber durchaus Spass machen. Foto: Kontrolab, Getty Images
Das Lernen zu Hause erfordert Disziplin und Eigenverantwortung, kann aber durchaus Spass machen. Foto: Kontrolab, Getty Images

Ärgern sich manchmal auch Lehrer, dass Schüler jetzt vermehrt auf Youtube-Videos zurückgreifen, um Lerninhalte vom Unterricht zu verstehen?

Das kommt immer wieder vor. Manche Bildungsexperten haben eine reflexhafte Abwehr gegen alles Digitale. Doch ich versuche auch, den Leuten Spass an der Mathematik zu vermitteln. Manchmal mache ich deshalb auch ein Video, dass sie zum Staunen oder Nachdenken bringen soll. Wenn man beispiels­weise ungerade Zahlen hintereinander addiert, ist das Ergebnis immer eine Quadratzahl.

Was fasziniert Sie so sehran der Mathematik?

Gerade weil sich Dinge in immer kürzeren Abständen verändern, müssen wir in einer datengetriebenen Welt in der Lage sein, Muster zu erkennen und Algorithmen zu verstehen. Überall steckt Mathematik dahinter. Wer sich beispielsweise von Facebook einen Text schnell übersetzen lässt, wundert sich, warum dies durch künstliche Intelligenz immer besser wird. Bei den angewendeten Lernalgorithmen spielen unter anderem auch Ableitungen eine wesentliche Rolle, die viele sicher noch aus ihrer Schulzeit kennen.

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Warum bieten Sie IhreNachhilfe umsonst an?

Ich verdiene mein Geld als Vortragsredner und Berater von Firmen. Meine Motivation bei den gratis zur Verfügung gestellten Videos ist es, anderen etwas beizubringen. Zusammen mit meinem Team betreibe ich auch mehrere naturwissenschaftliche Lernplattformen wie etwa Mathefragen.de, die ebenfalls kostenlos sind. Hier helfen motivierte Studenten den Schülern und Schülerinnen. Und mal ehrlich, was gibt es später Besseres im Lebenslauf, als sagen zu können, dass man Tausenden Kindern und Jugendlichen Rechenaufgaben erklärt hat.

Sind Sie selbst manchmal auch offline?

Ja, selbstverständlich. Meine grosse Leidenschaft ist der Sport, und ich bin regelmässig auf dem Tennisplatz und leite auch Camps für Jugendliche. Ich gehöre auch zu denen, die finden, dass vor allem kleine Kinder kein Handy oder Tablet haben sollten. Interessant ist, dass nicht nur medienferne Oldtimer so denken, sondern insbesondere auch Tech-Leute. Der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs zum Beispiel sagte 2010, dass er den Umgang seiner Kinder mit Devices streng überwacht.

Also als Kind lieber in der Natur spielen statt vor einem Bildschirm zu hocken?

Auf alle Fälle. Davon bin ich überzeugt, dass man etwa im Wald deutlich mehr entdecken kann. Wenn ich meinen 2,5-jährigen Neffen draussen voller Freude in eine matschige Pfütze springen sehe, kann er die Kräfte der Physik direkt erleben. Denn durch den Druck spritzt das Wasser weg und wird verdrängt. Die Heranwachsenden verbringen meiner Meinung nach später noch genug Zeit mit elektronischen Geräten. Momentan ist jedoch mit dem neuen Coronavirus eine für alle erst einmal sehr schwierige Ausnahmesituation, die viel Flexibilität, Kreativität und Geduld braucht. Doch rein wissenschaftlich gesehen, erreicht eine solche exponentielle Wachstumskurve aufgrund der biologischen Voraussetzungen auch nach einer bestimmten Zeit ihr Maximum.

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