Zum Hauptinhalt springen

Das tägliche Bulletin des Schreckens beginnt mit der guten Nachricht

Die Todeszahlen in Italien steigen erneut dramatisch. Die Regierung schliesst alles, was nicht absolut unabdingbar ist für das Leben.

Am Wochenende starben in Italien 1444 Menschen mit dem Coronavirus. Militärlastwagen bringen die Toten zum Friedhof. Foto: Massimo Paolone (AP/Keystone)
Am Wochenende starben in Italien 1444 Menschen mit dem Coronavirus. Militärlastwagen bringen die Toten zum Friedhof. Foto: Massimo Paolone (AP/Keystone)

Diese tragischen Zahlen, sie gehen einfach nicht runter. Jeden Abend um 18 Uhr setzen sich die Italiener vor den Fernseher und hören sich mit banger Erwartung das neue «Bollettino» an, das Bulletin mit den aktuellen Zahlen der Neuinfektionen und Todesfälle. Vorgelesen wird es jeweils von Angelo Borrelli, dem Chef des nationalen Zivilschutzes, einem ruhigen Mann im dunkelblauen Pullover. Und da Borrelli seit einem Monat Hiobsbotschaften verkünden muss, beginnt er jeden Abend mit der positivsten Zahl, die er in seiner Mappe trägt, jener der Genesenen. Sie wird allerdings jedes Mal mächtig überschattet von der Zahl, die er zum Schluss sagt.

Allein an diesem Wochenende kamen in Italien weitere 1444 Todesopfer hinzu. Eine so hohe Zahl in so kurzer Zeit hatte es in dieser Krise noch nie gegeben, zumindest nicht offiziell, nirgendwo auf der Welt. Neben Borrelli sitzt meistens ein Mann, der den Italienern in den vergangenen Wochen auch sehr vertraut wurde: Silvio Brusaferro, Präsident des Istituto Superiore di Sanità, des obersten Gesundheitsinstituts des Landes. Der Norditaliener sagt dann jeweils, dass es sich bei den Opfern fast ausschliesslich um betagte Menschen um die 80 Jahre mit multiplen Vorerkrankungen handle.

Der Refrain dieser Zeit

Brusaferro ist Wissenschaftler und möchte immer nur die Entwicklung der Zahlen kommentieren, auch wenn ihn die Reporter nach Prognosen fragen. Doch an diesem Wochenende, angesichts der jüngsten Zahlen, wurde auch er persönlich und ein bisschen emotional. Hinter jeder Zahl, sagte er, stehe ein Mensch, ein Angehöriger, er selbst sorge sich auch sehr um seine betagten Eltern. Um die gefährdetsten Mitglieder der Gesellschaft zu schützen, sei es so wichtig, dass sich alle an die Verordnungen der Regierung hielten: «Bleibt bitte zu Hause», sagte er. Diesen Appell hört man überall, er ist zum Refrain dieser Zeit geworden.

Aber ist das genug? Auch zwei Wochen nach Verhängung der Ausgangssperre scheint der Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht zu sein. Zivilschutzchef Borrelli hatte mal die Hypothese aufgestellt, dass am 25. März eine Trendwende einsetzen könnte. Nun hört man da und dort, dass der Peak wohl noch zwei Wochen weg sei.

Aus diesem Grund hat Italiens Premier Giuseppe Conte nun noch drastischere Massnahmen beschlossen, um möglichst viele Bürger am Verlassen ihrer Wohnung zu hindern – auch die Arbeiter. «Wir bremsen den ganzen Produktionsmotor des Landes», sagte Conte in einer Fernsehansprache am späten Samstagabend. «Aber wir stellen ihn nicht ganz ab.»

Neu und vorerst bis 3. April werden auch alle Fabriken, Unternehmen und Ämter geschlossen, deren Produkte und Dienstleistungen nicht absolut notwendig sind für das Funktionieren der Gesellschaft. In der Formulierung Contes bleiben nur Branchen offen, die «nötig» und «wesentlich» sind: Lebensmittel, Energie, Pharma, Transport, Textilien für Arbeitskleidung. Die Liste erarbeitete er zusammen mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden; auch die Lotterie wurde ausgesetzt.

Natürlich fürchtet man sich vor den Folgen dieses Entscheids, zunächst vor den wirtschaftlichen. Der Chef des Industriellenverbands, Carlo Bonomi, sprach von einer «Kriegswirtschaft». Viele Firmen würden danach nie mehr öffnen. Potenziell gefährlich ist die Schliessung der Fabriken im Norden auch deshalb, weil nun noch mehr Süditaliener versucht sein könnten, in die Heimat zu fahren. Die Regierung beschloss deshalb, alle Reisen im Land zu untersagen, die nicht dringend nötig seien.

Wer sich nicht an die Regel hält, dem droht eine Geldstrafe von 5000 Euro.

Der Schritt sei leider notwendig, sagte Conte. «Das ist unsere grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.» Man befinde sich jetzt in der akutesten Phase überhaupt. «Unser Opfer ist minimal im Vergleich zu dem unserer Mitbürger, der Ärzte und Pfleger in den Hospitälern, der Angestellten in den Supermärkten, der Apotheker, der Kuriere und der Sicherheitskräfte.» Von all jenen also, die noch draussen sind, damit das Leben auch für alle drinnen weitergeht.

Manche Regionen und Städte gehen unterdessen noch weiter bei der Einschränkung der Bewegungsfreiheit, vor allem in der am stärksten betroffenen Gegend, der Lombardei. Eine regionale Verfügung untersagt nun das Joggen im Freien, auch allein. Attilio Fontana, der Gouverneur der Lombardei, klagte zuletzt oft über Bürger, die das Recht auf «motorische Aktivitäten» als Einladung verstanden, Strassen und Pärke zu bevölkern. Wer sich nicht an die Regel hält, dem droht eine Geldstrafe von 5000 Euro. In der Lombardei sind auch alle Baustellen und öffentlichen Ämter geschlossen, ausser der Müllabfuhr und ähnlich unabdingbarer Dienste. Am Eingang jedes Supermarkts wird den Kunden Fieber gemessen.

Keiner fährt mehr grundlos

Venetien und das Piemont erliessen ähnliche Verordnungen. Die Emilia Romagna, die manche Verschärfung bereits vorweggenommen hatte, liess nun unter anderem auch die Strandpromenaden von Rimini und Riccione sperren – so leer hat man sie noch nie gesehen. Auch Roms Stadtregierung untersagte das Spazieren an den Küsten von Ostia, wo bisher viele am Wochenende etwas Luft schnappten, mit gebührendem Abstand zu den Nächsten. In Rom wird nun auch fast jedes Auto angehalten: Nur wer tatsächlich einen triftigen Grund hat, unterwegs zu sein, darf weiterfahren.

In seiner Ansprache sagte Conte, er habe von Beginn an immer in totaler Transparenz kommuniziert, nie habe er etwas beschönigt. «Es braucht Zeit, bis diese Massnahmen greifen, aber es gibt keine Alternative dazu – wir müssen durchhalten.» Auch moralisch, Bulletin um Bulletin.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch