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«Er verliess sich nur auf sich»

Ötzi ist das am besten untersuchte menschliche Wesen der Welt. Jetzt haben Wissenschaftler sogar ein Persönlichkeitsprofil des Mannes erstellt. Der Mumienforscher Albert Zink spricht darüber, wie seriös so etwas sein kann.

Jedes noch so kleine Detail am Eismann Ötzi ist von Interesse: Chirurgen entfernen ein Blutgerinnsel. Foto: Getty Images
Jedes noch so kleine Detail am Eismann Ötzi ist von Interesse: Chirurgen entfernen ein Blutgerinnsel. Foto: Getty Images

Kein anderes menschliches Wesen ist so gut analysiert wie die Gletschermumie Ötzi. Lebensumstände, Krankheiten und seine heimtückische Ermordung mit einem Pfeil in den Rücken sind bis ins letzte Detail untersucht. Jetzt haben Forscher der Aachener Firma Luxx United im Auftrag des Bozner Forschungszentrums Eurac mit einem modernen psychologischen Testverfahren die Persönlichkeit von Ötzi rekonstruiert, der vor immerhin mehr als 5000 Jahren gelebt hat. Die Antworten im Test musste stellvertretend für die Mumie der Wissenschaftler geben, der Ötzi wohl am besten kennt: Albert Zink ist Leiter des Instituts für Mumienforschung am Eurac Research und erforscht den Mann aus dem Eis der Alpen seit beinahe zwei Jahrzehnten.

Herr Zink, Ötzi begleitet Ihr Leben seit fast 20 Jahren, Sie haben den Mordfall untersucht, kennen seine Krankenakte in- und auswendig und wissen, was er zuletzt gegessen hat. Nun musste er zum Psycho-Test. Wie kam es dazu?

Die Führungskräfte an unserem Institut hatten diesen Test im Rahmen einer Schulung gemacht. Beim Auswertungsgespräch habe ich mit dem Studienleiter auch über Ötzi gesprochen. Peter Boltersdorf war der Meinung, dass er aufgrund der langjährigen Erfahrung auch eine Art Persönlichkeitsprofil erstellen könnte.

Das standardisierte Verfahren wird normalerweise genutzt, um Führungskräfte zu analysieren. Im Test werden 16 Motive wie Neugier, Status, Bewegung oder Sinnlichkeit abgefragt. Waren Sie nicht skeptisch, ob sich das auf prähistorische Personen anwenden lässt?

Sehr sogar. Normalerweise befragt man die Leute, und Ötzi spricht ja nun mal nicht mehr mit uns. Zudem kennen wir nur Ausschnitte aus seinem Leben. Die Frage ist, inwiefern diese seine gesamte Persönlichkeit widerspiegeln.

Eigentlich kann man doch nur die Umstände seines Todes rekonstruieren.

Genau. Wobei sich hier schon ein paar Hinweise auf sein Verhalten ergeben. Er zog sich damals bewusst in die Berge zurück, wir wissen auch viel über seine Ausrüstung und die Kleidung, was Rückschlüsse etwa auf seinen Status erlaubt.

Solche Tests sind generell bei Personalauswahlgesprächen umstritten, wenn es um das Erkennen bestimmter Fähigkeiten geht. Warum sind Sie an Ötzis Psyche interessiert?

Ich bin oft bei Vorträgen mit Fragen zu Ötzis Persönlichkeit konfrontiert; die Menschen wollen etwas über seinen Charakter erfahren. War er ein Opfer oder ein schlechter Mensch? Grundsätzlich sehen ihn die Menschen positiv, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass er im Museum so schön aufgebahrt in einer Kühlkammer liegt. Ich frage mich als Forscher schon manchmal, was Ötzi zu all den Untersuchungen sagen würde.

Im vergangenen Jahr wurde Ötzi im Film von Felix Randau als entschlossen handelnder und durchaus rachsüchtiger Mann dargestellt. Was bringen solche spekulativen Zugänge der Wissenschaft?

Wir wollen ja tatsächlich etwas über den Menschen erfahren, und wir kommen mit wissenschaftlichen Methoden teilweise sehr weit – etwa im Bereich der Lebensumstände, der Fitness und bei Erkrankungen. Bei Persönlichkeit oder sozialem Umfang etwa haben wir bisher höchstens indirekte Hinweise. Wir haben bei der Untersuchung des Gehirns Eiweissstoffe entdeckt, die zeigen, dass Ötzi unter Stress stand. Vermutlich, weil er auf der Flucht war und Todesangst hatte. Es kann auch der unmittelbare Stress gewesen sein, als ihn der Pfeil traf. Vielleicht können wir über Hormone, Enzyme und Proteine künftig mehr über seine Psyche ablesen. Die Testergebnisse könnten eventuell neue Ideen liefern.

Sie mussten bei den Angaben aushelfen und sozusagen stellvertretend den Ötzi geben.

Ich habe bei den Antworten nur das Wissen klargemacht. Ich wollte nicht spekulieren. Es ­versuchen ohnehin schon immer ­irgendwelche Leute, von aussen etwas in unsere Ergebnisse ­hineinzuinterpretieren. Wir sind ähnlich vorgegangen wie jüngst, als wir versucht haben, mit den Profilern der Münchner Kriminalpolizei das Mordmotiv zu ­rekonstruieren. Die Kollegen um Alexander Horn attestierten ­damals einen «Mord aus Heimtücke».

Gemeinsam mit dem Studienleiter sind Sie die 144 Aussagen des Tests durchgegangen und mussten entscheiden: Trifft zu oder trifft nicht zu. Welche Angaben sind Ihnen schwer­gefallen?

Wir haben bewusst Themen wie soziale Anerkennung oder soziales Engagement ausgelassen. Bei Status habe ich mich auch etwas schwergetan, weil zwar eine ­höhere soziale Stellung aufgrund seiner Ausrüstung wahrscheinlich ist, andererseits bedeutet Status auch, dass er stolz und ­bewusst mit seiner Stellung ­umgeht. Und das lässt sich nicht sagen.

Manche Antworten im Test lassen sich doch gar nicht bewerten. Beispiel Autonomie – da steht dann: «Ich finde es unerträglich, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.» Wie will man das wissen?

So etwas ist natürlich schwer zu beantworten. Ich würde aber damit übereinstimmen, dass Ötzi autonom war, er war sehr viel allein unterwegs in den Bergen. Wir fanden keine Spuren anderer Menschen in der Umgebung. Er hatte die passende Ausrüstung dabei, um allein im Hochgebirge zu bestehen; da verliess er sich nur auf sich. Das war kein Ausflug ins Blaue.

Aber das sagt doch noch nicht, dass ihm die Gegenwart anderer Menschen unangenehm war, wie im Profil steht. Manche Ergebnisse muten etwas seltsam an: So soll sich Ötzi bei Festen eher abseitsgehalten haben. Der Test stellt fest, er sei wortkarg gewesen. Finden Sie solche Ergebnisse nicht allzu spekulativ?

Es gibt schon ein solides Fundament dahinter. Manche Aussagen ergeben sich über Umkehrschlüsse aus anderen Werten im Test. Autonome Menschen umgeben sich weniger gern mit Menschen. Das sind Erfahrungswerte. Archäologisch gibt es dafür natürlich keinen Beleg.

Aber noch einmal: Sein hoher Grad an Neugier wird zum Beispiel aus der Art seiner Kleidung geschlossen, etwa aus der Bärenfellmütze.

Es wirkt so, als hätte sich Ötzi bewusst verschiedene Fellarten für unterschiedliche Ausrüstungsgegenstände ausgesucht. Für die Hosen nahm er Ziegen- und Schaffell, das ist weicher als das Fell von Rehen oder Hirschen, Letzteres wurde für den Köcher verwendet, weil es leichter und wasserabweisend ist. Bärenfell als Kopfbedeckung ist sinnvoll, weil es im Hochgebirge besser wärmt. Dafür brauchte man die Neugier, verstehen zu wollen, welches Fell sich wofür am besten eignet.

Am Ende ergab sich ein griffiges Fazit: Ötzi war ein Anführer, ein Ästhet, ein Querdenker. Überrascht Sie dieses Profil?

Grundsätzlich hat mich dieses Ergebnis nicht überrascht. Es geht in die Richtung, in die ich den Ötzi ebenfalls einordnen würde. Tatsächlich waren viele der untersuchten Persönlichkeitsmerkmale sehr stark ausgeprägt.

Die Wissenschaftler wagen sogar eine Prognose, was Ötzi heute beruflich tun würde: Demnach wäre er Profisportler, ein Fussballer etwa, und «auch eine wissenschaftliche Karriere wäre denkbar». Haben Sie da einen Bruder im Geiste bei sich in Bozen?

Ja, möglicherweise. Es gibt schon gewisse Übereinstimmungen. Wir sind beide relativ risikofreudig, wir sind beide sehr neugierig, das ist ja in der Wissenschaft ein wichtiger Antrieb. Auch bei den Themen Bewegung und Essensgenuss. Wir hätten gut lange Wanderungen zusammen im Hochgebirge machen können und hätten gern gemeinsam gegessen.

Der Nachteil bei den langen Wanderungen durchs Ötztal wäre wohl gewesen, dass er Ihnen dabei als wortkarger Geselle nichts über sich erzählt hätte.

Das wäre natürlich ein Problem gewesen. Aber es wäre schon ein Traum, sich mit Ötzi direkt mal auseinanderzusetzen. Wenn man sich so intensiv mit einer Mumie und dem Menschen dahinter beschäftigt, würde man sich gern mal mit ihm unterhalten. Auch wie er das sieht, dass man da immer an ihm herumschnipselt.

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