Fingerzeig für die Menschheitsgeschichte

Forscher entdecken auf der Arabischen Halbinsel einen 90'000 Jahre alten Finger eines Homo sapiens. Es ist der erste solche Fund ausserhalb Afrikas und der Levante.

Fingerknochen eines Frühmenschen, gefunden bei der Al-Wusta-Ausgrabungsstätte in Saudiarabien.

Fingerknochen eines Frühmenschen, gefunden bei der Al-Wusta-Ausgrabungsstätte in Saudiarabien.

(Bild: Ian Cartwright)

Nik Walter@sciencenik

Ein drei Zentimeter langer, 90'000 Jahre alter menschlicher Fingerknochen könnte helfen, die Geschichte unserer eigenen Art, des Homo sapiens, besser zu verstehen. Das hat vor allem mit seinem Fundort zu tun. Denn dieser liegt in der Nefudwüste in Saudiarabien, etwa 300 Kilometer nördlich von Medina, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena im Fachmagazin «Nature Ecology and Evolution» berichten.

Bislang gingen Experten davon aus, dass der moderne Mensch Afrika, die Wiege der Menschheit, in zwei Wellen verlassen hatte. Zum ersten Mal, vor rund 180'000 Jahren, schaffte er es bis in die Levante respektive ins heutige Israel. Die zweite Wanderungsbewegung soll dann erst vor etwa 65'000 Jahren stattgefunden haben, wiederum in die Gegend am östlichen Mittelmeer und von da nach Asien und Europa.

Homo sapiens wanderte öfters «Out of Africa»

Der Mittelfingerknochen von der Arabischen Halbinsel bringt diese Theorie nun ins Wanken. Denn der Fund deutet darauf hin, dass unsere Vorfahren wahrscheinlich nicht nur zweimal aus Afrika ausgewandert sind und auch nicht nur über die Sinai-Halbinsel nach Israel und in die Levante. Die neuen Daten, schreibt der Anthropologe Donald Henry von der University of Tulsa (USA) in einem Kommentar zur Studie, seien vielmehr kompatibel mit kontinuierlichen Wanderbewegungen von afrikanischen Menschengruppen seit knapp 180'000 Jahren über die levantinisch-arabische Verbindung nach Eurasien, und zwar sowohl über die Sinai-Halbinsel als auch über die Strasse von Bab al-Mandab, die Engstelle am Südende des Roten Meeres.

Der Ausgrabungsort al-Wusta in der Nefudwüste. (Foto: Michael Petraglia)

Den Knochen entdeckten die Forscher bei der Ausgrabungsstätte al-Wusta in der heutigen Nefudwüste. Schnell vermuteten sie, dass es sich dabei um ein menschliches Relikt handeln könnte. Um sicher zu sein, scannten sie den Finger in drei Dimensionen und verglichen ihn sowohl mit Fingern von heute lebenden Menschen, von Neandertalern, als auch von verschiedenen Affen- und Menschenaffenarten. Die Resultate der Analysen waren eindeutig: Bei dem gefundenen Knochen handelt es sich um das Mittelglied, vermutlich eines Mittelfingers, eines Homo sapiens.

Seen und Graslandschaften

Dass Frühmenschen schon vor 85'000 bis 90'000 Jahren auf der Arabischen Halbinsel leben konnten, hat mit den damaligen Umweltbedingungen zu tun. Zu der Zeit war die Gegend keine extrem trockene Wüste wie heute, das Klima war deutlich feuchter, es gab Seen und Graslandschaften. So fanden die Forscher bei al-Wusta, einem ehemaligen Süsswassersee, neben diversen von Menschenhand gefertigten Steinwerkzeugen auch fossile Überreste von Süsswasserschnecken, Flusspferden, Rindern und Wasserböcken.

«Wenn es um die Evolution des Menschen geht, lag die Arabische Halbinsel bislang weit weg von der Hauptbühne», sagt Michael Petraglia, Hauptautor der Studie, in einer Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts. «Unsere Entdeckung rückt Arabien nun aber ins Zentrum, wenn es darum geht, die Ursprünge und die Ausbreitung unserer eigenen Spezies besser zu verstehen.» Der gefundene Knochen soll dabei erst der Anfang sein. «Wir werden noch weitere bemerkenswerte Funde machen in Saudiarabien.»

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