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Archäologische Sensation am Neuenburgersee

In Colombier NE wurde ein 3500 Jahre altes Hügelgrab freigelegt. Es ist das erste Mal, dass im Mittelland eine so gut erhaltene Begräbnisstätte aus der Bronzezeit untersucht werden kann.

Die Bronzenadel als Grabbeilage deutet auf eine Person aus der Oberschicht hin: Skelett in Colombier NE. (Bild: PD)
Die Bronzenadel als Grabbeilage deutet auf eine Person aus der Oberschicht hin: Skelett in Colombier NE. (Bild: PD)

Es war eine Überraschung. Die Neuenburger Archäologen wussten zwar, als sie den Spaten in Colombier ansetzten, dass sie auf Bodenfunde stossen würden, aber ein Hügelgrab mit Skeletten hatten sie nicht erwartet. Hier, nicht weit von den Ufern des Neuenburgersees, wo anstelle des Restaurants Le Lacustre eine Tankstelle gebaut werden sollte, waren schon im 19. Jahrhundert archäologische Entdeckungen gemacht worden. Damals legten die Forscher ein Dolmengrab der Jungsteinzeit frei, jetzt ist es ein Grabhügel der Bronzezeit. Der Dolmen, ein Kollektivgrab aus Steinplatten, datierte aus der erste Hälfte des 3. Jahrtausends, das Hügelgrab hingegen ist wesentlich jünger und stammt aus der Zeit um 1600 v. Chr.

Derartige Hügelgräber sind im schweizerischen Mittelland nicht unbekannt, aber selten. Meistens sind sie aber schon früh und unsachgemäss ausgegraben oder gar geplündert worden. In Colombier, und das freut die Kantonsarchäologin Sonia Wüthrich besonders, kann nun erstmals ein solcher Hügel nach wissenschaftlichen Kriterien sorgfältig untersucht werden. Aber nicht nur das: Auch wenn die eine Hälfte des Hügels beim Bau des Restaurants im 19. Jahrhundert zerstört worden ist, so ist die andere, jetzt zum Vorschein gekommene Hälfte hervorragend erhalten. Und: Auch die Skelette der hier zur letzten Ruhe Gebetteten sind in gutem Zustand. Darüber hinaus hatten die Menschen der Bronzezeit ihren Verstorbenen einige Beigaben mit ins Grab gelegt, keine Selbstverständlichkeit. Das alles macht den Fund in Colombier spektakulär.

Bronze hatte nur die Oberschicht

Die Bronzezeit, eingeklemmt zwischen der älteren Steinzeit und der jüngeren Eisenzeit, dauerte von etwa 2200 bis 800 v. Chr. Damals hatten die Menschen erstmals in der Geschichte gelernt, etwas aus Metall herzustellen und zu bearbeiten. Bronze ist kein Rohstoff, den man abbauen kann, es ist eine Legierung aus Kupfer und Zinn, die der Mensch in einem bestimmten Verhältnis zusammenfügen muss. Erst dann kann der Bronzegiesser Waffen, Geräte und Schmuck herstellen. Bronze gilt als der erste «Kunststoff», den der Mensch hergestellt hat. Die technische Revolution hat ihren Ursprung, wie fast alle Erneuerungen in der Frühgeschichte der Menschheit, im Nahen Osten. Sie erreichte Europa über die Türkei und den Balkan. Kurz vor 2000 v. Chr. – die Pyramiden standen schon lange, aber Rom war noch nicht erbaut – hielt die neue Technik auch in der Schweiz Einzug.

Der Hügel von Colombier wurde also errichtet, als die Bronze sich bereits etabliert hatte. Noch war das neue Material kostbar. Vor allem das seltene Zinn, das aus weit entfernten Gebieten importiert werden musste – Forscher nehmen an, das es aus Cornwall stammte –, trieb die Preise in die Höhe; Kupfererze hingegen sind in den Alpen häufig. Die in Colombier gefundenen bronzenen Gewandnadeln sind also ein erstes Indiz dafür, dass hier Personen einer sozialen Oberschicht ihre letzte Ruhe fanden.

Monumentale Anlage

In der Hügelmitte stiessen die Archäologen auf das Skelett eines Mannes. Sein perfekt erhaltenes Gebiss mit den gut sichtbaren Weisheitszähnen lässt auf ein Alter von über 30 Jahren schliessen. Auf seinem Bauch lag als einzige Beigabe eine lange Bronzenadel mit ringförmigem Ende. Mit derartigen Nadeln, so wird vermutet, hatte man einen Mantel auf der Brust zusammengeheftet. Knöpfe gab es noch nicht.

Das Skelett liegt auf einem Bett aus schweren Flusskieseln, das am Hügelrand von senkrecht gestellten, grossen Steinplatten begrenzt wird. Die monumentale, sehr sorgfältig errichtete Grabanlage war nur mit grossem Aufwand zu konstruieren. Dies, sagt die Archäologin Wüthrich, sei ein weiteres Indiz dafür, dass hier eine hochgestellte Persönlichkeit begraben liege. Über dieses Steinbett hat man dann den eigentlichen Erdhügel aufgehäuft.

Später, etwa um 1300 v. Chr., bestattete man unmittelbar ausserhalb des Hügels eine weitere Person. Dieses Skelett stammt laut Wüthrich von einer Frau. Sie hatte ihr Kleid oder ihren Mantel ebenfalls mit einer Nadel verschlossen, die fast 25 Zentimeter lang war. Mit dieser für die Funktion als Kleidernadel unnötigen und sehr unpraktischen Länge wies die Frau zweifach auf ihren Wohlstand: Sie konnte die teure Bronze quasi verschwenden, und sie konnte Schmuck tragen, der körperliches Arbeiten unmöglich machte. In ihrer Nähe fanden die Archäologen noch ein drittes Grab, diesmal aber eine Kremation ohne Beigaben. Ob die Toten miteinander verwandt waren, werden DNA-Analysen zeigen.

Wo die Menschen wohnten, die ihre vornehmen Toten hier in Colombier bestatteten, kann Wüthrich noch nicht sagen: «Wir haben bis jetzt keine Siedlung gefunden. Ich gehe aber davon aus, dass sie sich nicht weit vom Bestattungsplatz befindet.» Die Grabungen werden voraussichtlich bis Ende Jahr weitergehen.

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