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Die Salzmänner

In einem ehemaligen Bergwerk im Iran wurden 2400 Jahre alte Mumien gefunden. Sie erzählen von harter Arbeit unter Tage.

Die Archäologen haben bisher acht Mumien gefunden. Ihre Kleidung und Schuhe zeugen von professionellem Bergbau in der Antike. Foto: Klaus Stange
Die Archäologen haben bisher acht Mumien gefunden. Ihre Kleidung und Schuhe zeugen von professionellem Bergbau in der Antike. Foto: Klaus Stange

Das Erdbeben überraschte die Männer bei der Arbeit unter Tage. Mächtige Salzbrocken lösten sich von der Decke und begruben die Bergleute. Sie hatten keine Chance. Unter den Opfern im Salzdom von Douzlakh war auch ein 16-Jähriger in voller Montur. Er trug Lederschuhe und mehrere Lagen aus Stoff- und Lederumhängen, die ihn bei der Arbeit vor dem ätzenden Salz schützen sollten. Gegen die tonnenschweren Brocken halfen sie nicht.

Das Grubenunglück um das Jahr380 vor Christus war offenbar so heftig, dass der Abbau zunächst eingestellt wurde, erzählt Thomas Stöllner vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Es war eine von mindestens drei Tragödien, bei denen zahlreiche Bergmänner starben. Überreste von mindestens acht Menschen entdeckten die Archäologen bislang im Salzbergwerk nahe des nordiranischen Dorfs Chehrabad. Manche der Toten wirkten, «als wären sie gestern gestorben», so Stöllner. Die Körper sind zwar im Salz leicht geschrumpft, aber sogar innere Organe sind noch erhalten.

Die Forscher fanden zudem Kleidungsstücke aus Leder und Baumwolle, Werkzeuge, Lederschuhe, Mützen, Nahrungsmittelreste und menschliche Exkremente. Teile des alten Bergwerks sind heute noch von oben gut zugänglich; das eröffnet den Forschern perfekte Erkundungsmöglichkeiten. «Die zahlreich vorhandenen Hinterlassenschaften geben einen einzigartigen Einblick in die damaligen Lebens- und Arbeitsbedingungen», sagt Thomas Stöllner.

Die spektakulären «Salzmänner» des Iran sind die einzigen erhaltenen Salzmumien der Welt. Zwar wurden auch in Europa in den österreichischen Salzbergwerken von Hallstatt und Hallein mumifizierte Tote gefunden, zuletzt im 18. Jahrhundert. Sie waren auch sehr gut erhalten, wie historische Dokumente nahelegen. Doch da man damals nicht sicher wusste, ob die Toten auch brave Christen gewesen ­waren, begrub man sie lieber heimlich auf dem Friedhof in der abgelegenen Sektion der Selbstmörder. Archäologisch betrachtet, war das ein riesiger Verlust.

Sie assen rohes Fleisch

Auf den ersten iranischen Toten im Salz stiessen Arbeiter bereits im Jahr 1993 zufällig. Damals war das Bergwerk noch in Betrieb. Von 2003 an entdeckten Archäologen bei Ausgrabungen dann weitere Mumien, Ausrüstungsgegenstände und Reste von Bekleidung. «Wir konnten drei schwere Gruben­unglücke aus der Zeit zwischen 400 vor und 500 nach Christus dokumentieren», sagt Stöllner, der im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft an den Ausgrabungen beteiligt war. «Wir hoffen, noch weitere Salzmänner zu finden.» Die Mumien sind derzeit im Zolfaghari-­Museum in Zanjan sowie im Nationalmuseum in Teheran zu sehen.

Sie sollten eigentlich im März erstmals auch in Europa gezeigt werden. Doch die im Archäologischen Museum Frankfurt geplante Ausstellung «Tod im Salz – eine archäologische Erzählung aus Persien» muss nun auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Grund ist die Coronavirus-Pandemie sowie die seit Jahresbeginn verschärfte politische Lage im Nahen Osten. Versicherungs- und Kunsttransportunternehmen hatten ihre Angebote zurückgenommen.

«Die Lederschuhe der Salzmänner sehen ziemlich modern aus.»

Shahrzad Amin Shiraz, Restauratorin

Die Forscher haben derweil spannende Details über die Salzmänner herausgefunden. Besonders gut erhalten sind zwei von ihnen: der eingangs erwähnte 16-Jährige und ein 50-jähriger Kollege. In einer Mumie entdeckten die Forscher beispielsweise Bandwurmeier – es ist der früheste Nachweis von Darmparasiten im alten Iran und ein Hinweis darauf, dass die Menschen damals rohes oder ungekochtes Fleisch assen.

Auch bei der Analyse der ­Kleidungsstücke kommen die Archäologen voran. Sie konnten etwa Reste eines Lammfellhandschuhs mit angenähtem Däumling identifizieren. Der Däumling war aus besonders feiner «Persianer»-Lammwolle gefertigt. Auch Kleidung und Schuhe waren aus den Fellen von Ziegen, Schafen und Rindern genäht – vereinzelt sieht man sogar noch Spuren von Tierhaaren.

«Die Lederschuhe der Salzmänner sehen ziemlich modern aus», sagt Shahrzad Amin Shiraz. Die Restauratorin vom iranischen Institut für Konservierungsforschung hat gemeinsam mit Kollegen des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz an einem Konservierungskonzept gearbeitet. Der Wissensaustausch ist auch ein Versuch, in schwierigen politischen Zeiten zumindest auf Forscher­ebene den Kontakt zu halten. «Für uns Iraner sind die Salzmänner ein Meilenstein in der iranischen Archäologie», sagt Shahrzad Amin Shiraz.

Perfekte Bedingungen

Organische Überreste sind in archäologischen Befunden extrem selten, vor allem nicht in einem derart gut erhaltenen Zustand. Für diesen braucht es perfekte natürliche Bedingungen. Ötzis Leiche und seine Ausrüstungsgegenstände beispielsweise blieben intakt, weil das Gletschereis sie über Jahrtausende konservierte. Eine ähnliche Wirkung hat das Salz, weil es organischen Materialien Feuchtigkeit entzieht und sie so länger erhält. Besonders spannend ist ein grosser, aus einzelnen Lederstücken genähter Transportsack für Salz, den die Archäologen geborgen haben. Dieser war mehr als 1 Meter lang, darin fanden sich noch ein grosser, gut 10 Kilogramm schwerer Salzbrocken sowie etwas zer­bröseltes Salz.

Aus den verschiedenen Detailinformationen formen die Forscher auch ein grösseres Bild der historischen Perioden. So ist inzwischen klar, dass die Salzmänner in der ersten Abbauphase vor rund 2400 Jahren, der sogenannten achämenidischen Zeit, offenbar im Auftrag reicher Herrscher aus Zentraliran arbeiteten. Sie förderten damals eher grosse Salzbrocken aus dem Bergwerk zutage – ideal für den überregionalen Handel. Das hochwertige, sehr reine und wohlschmeckende weisse Speisesalz war extrem wertvoll. «Die Herrscher kon­trollierten den Salzabbau und schickten ihre Arbeiter in den Norden», sagt Stöllner.

Isotopenanalysen zeigen, dass nicht alle Arbeiter, die während des ersten Grubenunglücks starben, aus der Region um das Salzbergwerk stammen. «Salzmann vier kam vermutlich aus Zentralasien oder aus der Region um das Kaspische Meer», sagt der Historiker und Archäologe.

Funktionale Kleidung

Als Nahrung hatten die Arbeiter überwiegend getrocknetes Fleisch oder Früchte wie Aprikosen dabei, die sich gut konservieren liessen. «Die Bergarbeiter aus der Fremde waren gut ausgerüstet», sagt Stöllner. «Sie trugen sehr funktionale Kleidung und hatten auch eine funktionale Grundausstattung dabei – etwa eine Art Messer und ein kleines Gefäss für eine Art Handschutzpaste.» Die Forscher fanden Spuren derselben Paste am Finger eines Salzmanns.

Jahrhunderte später während der sassanidischen Zeit änderten sich die Rahmenbedingungen. Die Bergleute kamen eher aus der umliegenden, damals intensiv landwirtschaftlich genutzten Gegend am Zusammenfluss dreier Gewässerläufe. Sie förderten auch eher körnigeres Salz zutage – es ist anzunehmen, dass die Bewohner zahlreicher Dörfer der Umgebung das Würzmittel nutzten. Umgekehrt konnten sich die Arbeiter mit Obst und Gemüse aus der Region versorgen. Im Salz fanden die Archäologen zum Beispiel Stängel von Weintrauben. Auch die Kleidung änderte sich; im Bergwerk entdeckten die Archäologen nun auch Baumwollgewebe. Unter Tage fanden sie auch ganze Stallungen. Offenbar hielten die Bergleute zu dieser Zeit Esel im Bergwerk, die die schweren Säcke mit dem Salz schleppen mussten.

So wird das Bild über die Salzmänner immer detaillierter. Bei «Salzmann vier», dem jüngsten Opfer, konnten die Forscher sogar das exakte Todesszenario ermitteln. Die grossen Salz­brocken aus der Decke trafen ihn mit Wucht am Kopf und zerquetschten den Oberkörper. 3-D-Scans der Mumie zeigen zahlreiche Brüche in Schädel und Brustkorb des jungen Mannes – die inneren Organe sind schwer verletzt. Die Aufnahmen passen zum Bild an der Fund­stelle. Neben der Mumie konnten die Forscher sogar die Salzblöcke lokalisieren, die den Jungen vor mehr als 2000 Jahren erschlugen.

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