Ein Pompeji des Ersten Weltkriegs

Archäologen haben einen eingestürzten Unterstand aus dem Ersten Weltkrieg im Elsass ausgehoben. Sie fanden 21 gefallene Soldaten und alles, was diesen an der Front wichtig war.

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Es geschah am 18. März 1918: Die Deutschen hatten am Morgen die feindlichen Linien an der Sundgaufront zwischen Dannemarie und Altkirch mit Senfgasgranaten unter Beschuss genommen – am Nachmittag schossen die Franzosen zurück. Die deutschen Soldaten suchten vor dem heftigen Feuer Schutz im Kilianstollen, der als bombensicher galt. Um 13.30 Uhr erschütterte jedoch eine gewaltige Explosion die Erde: Die Hälfte des 125 Meter langen Stollens stürzte ein, 35 Soldaten wurden verschüttet. Am Abend konnten 14 von ihnen tot aus den Trümmern geborgen werden. An weitere Rettungsversuche war wegen der Einsturzgefahr nicht zu denken.

Am 4. April zog das Regiment ab, nicht ohne vorher eine hölzerne Tafel zum Andenken an die verschütteten Kameraden aufgestellt zu haben. Später wurde die Holztafel in der Gemeinde Carspach durch eine Steinstele ersetzt, an deren Stelle 1962 ein mit allen 21 Namen versehener Gedenkstein gesetzt wurde. «Wir haben Teile der alten Steinstele bei unseren Ausgrabungen gefunden», sagt der Schweizer Archäologe Michael Landolt, der beim französischen Amt für Archäologie in Sélestat tätig ist.

125 Meter lang und tief im Löss

Unter Landolts Leitung hat der Pôle d’Archéologie Interdépartementale Rhénan die Unglücksstelle im letzten Herbst vollständig ausgegraben. Der Bau einer Umfahrungsstrasse hatte zu der Ausgrabung geführt. Im Oktober 2010 stiessen die Archäologen auf den nicht zerstörten Teil des sehr gut erhaltenen Stollens – ein Jahr später erst erreichten sie die Unglücksstelle. Heute sei vom Kilianstollen nichts mehr zu sehen, sagt Landolt.

Der Kilianstollen, dessen Baupläne im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart aufbewahrt werden, wurde 1916 durch ein badisches Regiment gebaut. Er war 125 Meter lang, 1,1 Meter breit und 1,8 Meter hoch. In Bergbautechnik wurde er bis in 10 Meter Tiefe durch den Lössboden getrieben und mit Holz verschalt. 500 Soldaten konnten darin Schutz finden, 16 Treppen ermöglichten den Zu- und Abgang. Der Stollen war, den Umständen entsprechend, recht wohnlich eingerichtet mit Feldbetten, Tischen, Bänken, Schränken, sanitären Anlagen, Heizöfen, elektrischem Licht und Telefon. Eindringendes Wasser konnte durch den doppelten Boden abfliessen. Die zusammengedrückte Holzverschalung des Stollens ist durch die Einbettung in den Löss erstaunlich gut erhalten geblieben. Auch Kleider, Lederzeug, Metall, sogar Zeitungen blieben nahezu unversehrt. Von den Toten jedoch blieben nur die Knochen erhalten. Warum sich Haut, Haar und Muskeln zersetzten, wird Gegenstand späterer Untersuchungen sein.

Uhren am Handgelenk

«Die Entdeckung der Soldaten war ein bewegender Moment», erzählt Michael Landolt. «Wir gruben Menschen aus, die namentlich bekannt waren, die noch ihre Kleidung trugen, Uhren am Handgelenk und Identifikationsmarken um den Hals. Die bei uns Archäologen sonst übliche Distanz zum Ausgrabungsobjekt fiel weg.» Unter den Gefallenen waren der 20-jährige Musketier Martin Heidrich aus Schönfeld, der 22-jährige Gefreite Harry Bierkamp aus Hamburg und der 37-jährige Leutnant August Hütten aus Aachen. Einige der Soldaten sassen auf Bänken, als der Stollen einstürzte – einer lag auf einem Feldbett, ein anderer war durch die Wucht der Explosion auf den Boden geschleudert worden.

«Es war dramatisch, fast wie Pompeji im 20. Jahrhundert», meint der Archäologe. «Wir haben die Männer im Moment des Todes erfasst, als sie aus dem Leben gerissen wurden.» Er glaubt, dass alle Soldaten durch die Explosion sofort getötet und nicht durch die Erdmassen erdrückt wurden. «Der Stollen, an zwei empfindlichen Stellen mit Treppenaufgängen getroffen, fiel wie ein Dominospiel zusammen.»

Die Bergung der Leichen durchbrach die archäologische Routine

Landolt und seine Mitarbeiter fanden viele persönliche Effekten wie Geldbörsen, Brillen, Pfeifen, Zigarettenschachteln, Bücher, Stiefel, Weinflaschen, Marmeladegläser und Senfdosen. Sogar ein Ziegenskelett wurde ausgegraben – ein Milchlieferant oder ein Maskottchen? Natürlich fand man auch Waffen und Munition: Pistolen, Gewehre, Granaten. «Alles befindet sich nun in den Labors und wird wie jeder archäologische Fund gesäubert, untersucht und inventarisiert.» Die Bergung der Leichen jedoch durchbrach die archäologische Routine.

Bei jedem neu entdeckten Individuum wurde der Service des sépultures militaires beigezogen und ein detailliertes Protokoll erstellt. Der Tote und die zugehörigen Objekte wurden ins archäologische Amt nach Sélestat gebracht. Eine Anthropologin untersucht zurzeit die Skelette. Sie arbeitet blind, weiss also nicht, wen sie vor sich hat. Das bietet ihr die Möglichkeit, die Arbeitsmethoden, zum Beispiel die Altersbestimmung, zu überprüfen.

Im Zentrum der Untersuchung steht jetzt die Identifizierung der Toten. Kann einem Individuum ein Name zugeordnet werden, besteht der nächste Schritt in der Suche nach Familienangehörigen in Deutschland, denen die Möglichkeit gegeben werden soll, ihren Verstorbenen zu sich zu nehmen. Nicht identifizierte Tote werden im deutschen Soldatenfriedhof von Illfurth bestattet, wo bereits einige der Kameraden ruhen, die 1918 geborgen wurden.

Einblicke in den Kriegsalltag

Die Entdeckung des Stollens und der Soldaten hat nicht nur in der Region Aufsehen erregt. Aus Angst vor Plünderern auf der Suche nach Militaria musste die Ausgrabungsstelle Tag und Nacht überwacht werden. Fotos von Skeletten wurden aus Pietätsgründen nicht herausgegeben.

Der Fund verdient laut Landolt eine aussergewöhnliche Behandlung. Geplant sind Ausstellungen, Filmreportagen, Kolloquien und Publikationen. Der Archäologe verspricht sich einiges von der wissenschaftlichen Auswertung. «Vom Kriegsverlauf weiss man viel, aber vom Alltag der Männer in diesen Stollen, wo sie bisweilen wochenlang ausharren mussten, ist wenig bekannt.» Die Archäologen hoffen, mit ihrer Ausgrabung ein neues Licht auf eine Zeit zu werfen, die eine Generation von Europäern prägte.

Tages-Anzeiger

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