Sieben Tage im September

Vor 80 Jahren begann mit Hitlers Überfall der Zweite Weltkrieg. Heute herrscht in Polen Streit darüber, wie man dessen gedenken soll.

Das Denkmal zu Ehren der «Löwen der Westerplatte» wurde 1966 zu Zeiten des Kommunismus errichtet. Foto: Jaroslaw Zak (Alamy)

Das Denkmal zu Ehren der «Löwen der Westerplatte» wurde 1966 zu Zeiten des Kommunismus errichtet. Foto: Jaroslaw Zak (Alamy)

Florian Hassel@SZ

Die beiden Schlachtfelder der Erinnerung liegen nur 100 Meter auseinander. Wer auf der Westerplatte am Eingang zum Danziger Hafen den Spuren des Zweiten Weltkriegs nachgeht, steht bald vor hellgrauen Containern und einem Bauzaun mit Informationstafeln. Darauf erklärt das Museum des Zweiten Weltkriegs, wie es sich die Zukunft des Orts vorstellt: Bald soll Besuchern aus aller Welt plastisch vor Augen stehen, wo und wie vor 80 Jahren der Krieg begann.

Die Westerplatte ist eine teils nur 200 Meter breite, zwei Kilometer lange Halbinsel vor der damals vom Völkerbund verwalteten Freien Stadt Danzig. Polen durfte hier seit 1924 eine Schiffsanlegestelle und ein Militärdepot für Nachschub für die polnische Armee unterhalten, mit offiziell nur 88 Soldaten. Innerhalb von Stunden, so kalkulierten die deutschen Einheiten, würden sie die Westerplatte einnehmen.

«Warum haben wir Polen es 30 Jahre lang versäumt, uns um diesen Ort zu kümmern?»Piotr Glinski, Kulturminister

Doch Polen sah einen deutschen Angriff voraus, verstärkte das Depot mit kleinen Bunkern und schmuggelte Maschinengewehre, kleine Granatwerfer und mehr Soldaten auf die Westerplatte. Kurz nachdem die Schleswig-Holstein am 1. September 1939 um 4.48 Uhr die ersten Granaten abgefeuert hatte, begannen deutsche Einheiten den Sturmangriff. Doch die 217 polnischen Soldaten schlugen diesen und auch die folgenden Angriffe zurück und überlebten auch schwere Bombardements durch die deutsche Luftwaffe. Erst am 7. September liess der polnische Kommandeur, Major Henryk Sucharski, die weisse Fahne hissen.

Der Mythos um die «Löwen der Westerplatte» war geboren: Polen, die erbittert gegen eine überwältigende Übermacht kämpften. Ein Topos, der für viele Polen die historische Erinnerung bestimmt, umso mehr, als ihr Land nicht nur einmal zwischen Preussen oder Deutschen und Russen oder Sowjets zerrieben wurde. Besonders liebevoll wird der Mythos von der nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PIS) gepflegt, die Polens wiederholte Isolation und sein Heldentum zum Anker ihrer Geschichtspolitik gemacht hat.

«Das muss sich ändern!»

Deshalb sollen die heroischen Septembertage 1939 auf der Westerplatte wiederauferstehen. Zerstörte oder abgerissene Wachhäuser des polnischen Militärdepots sollen ebenso rekonstruiert werden wie eine bis auf die Grundmauern zerstörte Offiziersvilla oder eine Eisenbahnstation; auch ein modernes Museum ist geplant. «Warum haben wir Polen es 30 Jahre lang versäumt, uns um diesen Ort zu kümmern?», fragte Kulturminister Piotr Glinski bei einem Besuch. «Das muss sich ändern!»

100 Meter neben den Infotafeln des der Regierung unterstehenden Weltkriegsmuseums präsentiert das Danziger Stadtmuseum seine Vision für den geschichtsträchtigen Ort. «Die Regierung tut so, als erfinde sie das Gedenken neu», sagt Andrzej Gierszewski, Historiker des Stadtmuseums. «Tatsächlich gedenken wir schon seit langem des September 1939 und des Heroismus der Verteidiger.» Das Stadtmuseum untersteht der Bürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz, einer PIS-Gegnerin.

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Gierszewski führt zu einem kleinen, blumengeschmückten Friedhof, auf dem 15 gefallene Verteidiger der Westerplatte ruhen. Anschliessend führt sein Weg an die Spitze der Westerplatte, wo seit 1966 ein auf einem künstlichen Hügel errichtetes Denkmal aus Granitblöcken 23 Meter in den Himmel ragt. Über eine rosengesäumte Allee gehen Besucher zu einem Open-Air-Museum aus 50 mehr als mannshohen Schaukästen, die die Geschichte der Westerplatte erzählen – auch die ihrer Verteidiger.

«Doch die Geschichte der Westerplatte besteht nicht nur aus jenen sieben Tagen im September», sagt der Stadthistoriker. «Polen, Preussen, selbst Beauftragte Napoleons haben auf der Westerplatte geherrscht. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Danzig zum Deutschen Reich gehörte, war die Westerplatte in erster Linie ein Kurort und florierendes Seebad.»

Von den Gebäuden des September 1939 ist wenig geblieben. Das lag nicht nur an den Granaten der Schleswig-Holstein. Gegen Kriegsende warf die Rote Armee weitere Bomben ab. Was noch erhalten war, kam in kommunistischer Zeit unter die Räder, als der Danziger Hafen einen Teil der Westerplatte als Anlege- und Verladestelle übernahm. Ein weiterer Teil ging an Armee und Grenzschutz. Gut die Hälfte der Westerplatte wurde zum Naherholungsgebiet, mit Bushaltestelle und Wurstbuden, dicht neben dem einzigen vollständig erhaltenen Wachhaus Nr. 1 von 1939. Darin ist seit 1980 eine kleine Ausstellung des Stadtmuseums über die Westerplatte-Verteidiger zu sehen – mit Uniform und Degen von Kommandeur Sucharski.

«Es würde ein Disneyland»

Gierszewski führt weiter, zur ehemaligen Kaserne der Verteidiger. Die sprengten polnische und sowjetische Soldaten erst nach Kriegsende zur skelettartigen Ruine. «Die Kaserne ist auf der Westerplatte der einzige authentische Zeuge des Kriegs und seines Schreckens», sagt er. Gegenüber zeigt das Stadtmuseum Entwürfe der Danziger Architekturbüros Restudio, Proconcept und Fort Targowski für ein Museum, für das sie einen durchsichtigen neuen Pavillon entworfen haben.

«Wir würden alle Epochen der Westerplatte-Geschichte schildern – vom Kurort bis zur Nachkriegszeit und einem Besuch von Papst Johannes Paul II. 1987. Unser Leitprinzip ist Authentizität – also die Nutzung der Überreste in ihrer heutigen Form», sagt Gierszewski. «Der Plan des Weltkriegsmuseums und der Regierung hingegen, die etliche zerstörte Gebäude fast komplett wieder aufbauen wollen, widerspricht Grundprinzipien historischer Authentizität – es würde ein Disneyland.»

Gern hätte man auch mit Vertretern des Weltkriegsmuseums gesprochen. Doch Direktor Karol Nawrocki war nicht zu einem Interview bereit, auch eine Führung durch einen anderen Mitarbeiter kam nicht zustande. Zwar hatte PIS-Vize-Kulturminister Jaroslaw Sellin schon früher ein Westerplatte-Museum geplant. Doch dann hatte die PIS an Macht verloren. Ministerpräsident Donald Tusk, gebürtiger Danziger wie Sellin, bevorzugte ein Museum des Zweiten Weltkriegs, das auch andere Länder und Völker einbezog. PIS-Chef Jaroslaw Kaczynski wetterte, es vernachlässige «den polnischen Standpunkt». Der PIS, die nichts von Pazifismus hält und Bürgerwehren eingerichtet hat, passte auch nicht, dass im Weltkriegsmuseum neben militärischem Heldentum auch Leiden von Zivilisten dargestellt wurden.

«Polen an erster Stelle»

Ende März 2017 wurde das Weltkriegsmuseum am Rand der Danziger Innenstadt eröffnet. Nur Tage später wurde Museumsdirektor Pawel Machcewicz gefeuert. Sein Nachfolger Nawrocki verkündete, im Weltkriegsmuseum würden nun «die Soldaten der polnischen Streitkräfte an die erste Stelle treten». Und ausgerechnet dieses international umstrittene Museum plant jetzt das Westerplatte-Museum.

Zuständig dafür ist Mariusz Wójtowicz-Podhorski, der als patriotischer Militärfan und Hobbyhistoriker seit dem Jahr 2000 für den Wiederaufbau der polnischen Stellungen und für ein Museum warb. Und Vize-Kulturminister Sellin bekräftigte in der Tageszeitung «Gazeta Wyborcza»: «Wir wollen ein Museum bauen, das Eindruck macht.»

Die Populisten haben Polens Heldentum zum Anker ihrer Geschichtspolitik gemacht.

Doch auf der Westerplatte gehört der meiste Grund und Boden der Stadt Danzig und ihrem Museum, dem Hafen oder Privatleuten. So griff Warschau zum drastischen Mittel: Per Sondergesetz wurden die Stadt Danzig und alle anderen Eigentümer zugunsten des Staates und des geplanten Westerplatte-Museums enteignet – ein Vorgehen, das Kritiker an Enteignungen im März 1950 durch die Kommunisten erinnert.

Der polnische Museumsverband protestierte ebenso wie der Internationale Museumsrat, Hunderte polnischer Wissenschaftler und Danzigs Bürgermeisterin. Vergeblich: Am 1. August unterschrieb Polens Präsident das Enteignungsgesetz. Schon am 1. September – mitten im Wahlkampf für die Parlamentswahl am 13. Oktober – soll auf der Westerplatte der Grundstein des neuen Museums gelegt werden.

Dieses Vorgehen hat die Sorge um die künftige Ausrichtung eher wachsen lassen. Mariusz Wójtowicz-Podhorski ist weder Museumsspezialist noch anerkannter Historiker. 2009 etwa behauptete er in seinem Buch «Westerplatte – die wahre Geschichte», Henryk Sucharski, der polnische Kommandeur im September 1939, sei ein an Syphilis erkrankter Homosexueller und möglicher Verräter im Dienste der Deutschen gewesen. Spezialisten verrissen das Buch, doch Wójtowicz-Podhorski ist heute Führungsmitglied des Weltkriegsmuseums.

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