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«Inzwischen kann ich wieder gut atmen»

Karoline Preisler und ihr Mann sind schwer an Covid-19 erkrankt. Sie erzählt, wie es ihr im Krankenhaus geht.

Covid-19-Patientin Karoline Preisler. Foto: Privat
Covid-19-Patientin Karoline Preisler. Foto: Privat

Karoline Preisler, Jahrgang 1971, ist Juristin und Politikerin aus dem deutschen Mecklenburg-Vorpommern. Bei der Mutter von vier Kindern wurde eine Infektion mit dem Coronavirus diagnostiziert. Seit mehr als einer Woche wird Preisler im Krankenhaus behandelt.

Bevor wir über die vergangenen Tage sprechen: Wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich?

Heute ist der beste Tag, seit ich in der Mittwochnacht vor einer Woche erste Symptome bemerkte. Seit Dienstag komme ich gut ohne zusätzlichen Sauerstoff aus. Inzwischen kann ich wieder gut atmen, habe keine Beklemmungen und bin auch im Isolationszimmer viel mobiler.

­Bei Twitter schreiben Sie in Ihrem «Corona-Tagebuch»: Vor einer Woche hatte ich noch ein Leben, Job, Familie, Selbstbestimmung. Wie und wann haben Sie gemerkt, dass Sie erkrankt sind?

Dass etwas nicht stimmt, war mir schon klar, als mein Mann sich am späten Mittwochnachmittag vergangene Woche meldete. Er hatte gerade sein positives Testergebnis erhalten.

Ihr Mann ist der FDP-Politiker Hagen Reinhold. Er kam offensichtlich an Covid-19 erkrankt aus Österreich zurück. Als das Testergebnis bekannt wurde, war er wieder in Berlin.

Ich hatte den Sonntag mit ihm verbracht und konnte mir ausmalen, was daraus für mich folgt – dachte ich. Allerdings war ich dann überhaupt nicht auf das vorbereitet, was folgte. Die ersten Schnupfensymptome in der Mittwochnacht haben mich noch nicht beunruhigt. Im Gegenteil. Als am Donnerstagvormittag mein Corona-Abstrich genommen wurde, ahnte ich das Ergebnis schon. Die drei kleinen Kinder von mir, die noch im Haushalt leben, waren negativ.

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Wie ging es dann weiter?

Wir haben uns in der Quarantäne eingerichtet, die Wohnung in einen «Gesund-Bereich» und «Krank-Bereich» aufgeteilt und Hygieneregeln eingehalten. Inzwischen ging es mir zunehmend schlechter. Am Freitag konnte ich mich nicht mehr um die Kinder und um mich kümmern. Ich litt unter Atemnot und Lungenschmerzen. Die Luftnot war beängstigend.

Bevor wir auf Ihre Zeit im Krankenhaus kommen, eine Frage zu Ihren Kindern: Wie verkraftet Ihr Nachwuchs Ihre Erkrankung?

Mein ältester Sohn lebt nicht mehr bei uns, ein Kommentar von ihm war im schönsten Berlinerisch: «Jo, Mutti, pass uff, dass de dich nich wund liechst.» Für die drei Kleinen war die Erkrankung mit Quarantäne zunächst ein grosses Abenteuer. Als ich mich hinlegen musste und sie den «Krank-Bereich» nicht mehr betreten durften, wurde es schwieriger. Mein Mann kümmerte sich über Videoschaltung um die Kinder und wies sie an, ab und zu nach mir zu rufen. Hätte ich keine Rückmeldung gegeben, wäre mein Mann im entfernten Berlin tätig geworden.

Als sich Ihr Zustand verschlechtert hatte, wurden Sie mit dem Krankenwagen in die Klinik gebracht. In Ihrem «Corona-Tagebuch» schildern Sie, wie die Lungenkrankheit Ihnen das Atmen schwergemacht hat und wie Sie beim Duschen aus der Nase bluten. Wann ist die Infektion ausgestanden?

Nach einer Woche nun fühle ich mich der Genesung näher als der Krankheit. Meine Laborwerte sind wieder okay und ich bin sicher, dass das Schlimmste überstanden ist. Es ging also schnell und heftig zu mit Corona. Mein Mann erlebte die Erkrankung – ausgenommen Atemnot und Lungenschmerz – ähnlich im Verlauf.

Bei Twitter schreiben Sie, dass Covid-19-Erkrankte diffamiert würden. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

Das ist eine Erfahrung, die ich mit anderen Corona-Erkrankten weltweit teile. Es gibt ja eine Zeitspanne zwischen Infektion und Erkrankung beziehungsweise zwischen Infektion und Quarantäne. Ich infizierte mich an einem Sonntag und bemerkte davon nichts. In dieser Zeit ging ich arbeiten und verhielt mich so wie immer. Das macht vielen Menschen Angst. Fakten erreichen gerade die nicht, die niedrigschwelligere Informationen benötigen, zum Beispiel Piktogramme, leichte Sprache, andere Kanäle. Gerade solche Menschen neigen in ihrer Angst zu Rundumschlägen. Sie suchen einen Schuldigen. Ich lebe in einer kleinen Stadt. Einige Wenige können da viel Schaden anrichten. Mein Corona-Nachbar hier auf der Isolierstation macht übrigens in seiner Heimatstadt ähnliche Erfahrungen.

«Sollte ich hier jemals rauskommen, werde ich wieder in mein Konfirmationskleid passen», witzeln Sie in Ihrem «Corona-Tagebuch». Ihr Humor scheint Sie nicht verlassen zu haben.

Corona ist da, ob es uns passt oder nicht. Humor ist eine Möglichkeit damit umzugehen, dass sich mein Leben, sogar unser ganzes gesellschaftliches Miteinander, unkontrolliert verändert hat. Ich werde mein Konfirmationskleid suchen, wenn ich das Virus überstanden habe.

Sie sind Juristin und Politikerin. Ändern die Erfahrungen dieser Tage die Sicht auf manche Dinge?

Ja, sehr! Ich werde künftig sehr wahrscheinlich eine bessere Politikerin sein. Aus der Krisenerfahrung heraus werde ich mich zukünftig besser einbringen können. Viele Zuschriften erreichen mich und zeigen enormen Bedarf an sachgerechter Politik. Einige Leserinnen und Leser meines Corona-Tagebuches schreiben, dass sie mich wählen wollen oder meine Partei. Sie finden es gut, die Politik mal von einer menschlichen Seite zu sehen. Das bestärkt mich. Immerhin kenne ich jetzt die Schwachstellen im System.

Können Sie Beispiele nennen?

Es gibt viele offene Fragen: Wie kann Rechtspflege funktionieren, wenn Mandantinnen nicht mehr zu Ihren Anwältinnen kommen? Wie kann Gesundheitspolitik funktionieren, wenn ich mit Corona ein Drei-Bett-Zimmer belege, Operationen wegen Corona ausfallen, während gleichzeitig sehr viel Schutzkleidung bei jedem Kontakt in meinem Isolierzimmer anfällt und danach weggeworfen werden muss? Eine Klinik muss wirtschaftlich arbeiten können. Warum gibt es noch immer keine Digitallösung für Schulen, virtuelle Klassenzimmer, etc. Ich könnte die Liste stundenlang fortführen. Sie merken, ich habe schon wieder einen langen Atem. Gott sei Dank!

Wissen Sie schon, was Sie als Erstes machen, wenn Sie wieder nach Hause können?

Als Erstes verbringe ich Zeit mit meinen wunderbaren Kindern und meinem Mann. Ich werde sie bekochen und ein paar Stunden lang keine Sorgen zulassen. Danach gebe ich all die Solidarität weiter, die mein Mann und ich in der Nachbarschaft und sogar weltweit erfahren haben.

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