Zum Hauptinhalt springen

Grosse Städte stellen sich gegen Ausgangssperre

In der Schweiz schwinden wegen Covid-19 die Spitalkapazitäten. Aus dem Tessin und der Westschweiz wird nun der extreme Schritt gefordert.

Polizisten patrouillieren an der Seepromenade in Lausanne. Foto: Keystone
Polizisten patrouillieren an der Seepromenade in Lausanne. Foto: Keystone

Jetzt geht es um das Überleben. Um das Überleben von vielen Menschen. Daniel Koch, der Leiter übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit (BAG), die personifizierte Ruhe und Besonnenheit in dieser Krise, sprach am Donnerstagnachmittag schaurige Dinge aus. Die Lage im Tessin sei dramatisch, sagte er. Es sei absehbar, dass die Betten nicht reichen würden. Von den rund 800 Intensivpflegebetten in der Schweiz seien noch 160 frei. «Die Schweiz erlebt jetzt eine starke Welle.» Es war ein Appell von Koch: Es gelte nun, die Massnahmen des Bundesrats umzusetzen. Dringend!

Vielen in der Schweiz sind diese Massnahmen aber nicht mehr streng genug (lesen Sie hier unseren Kommentar). Im Tessin haben sich prominente Ärzte für ein Regime wie in Italien ausgesprochen. Kurz nach der Medienkonferenz des BAG meldete der Kanton Uri, dass Senioren ab 65 Jahren ab sofort nicht mehr aus dem Haus dürfen. Uri pocht in dieser Frage auf seine Kantonsautonomie, heisst es beim Krisenstab. Ob diese Verschärfung der bundesrätlichen Vorgaben vom Bundesrat toleriert wird, ist offen.

Die Forderung aus der Westschweiz

Auch in der Westschweiz wird der Ruf nach einer nationalen Ausgangssperre laut. In der Waadt haben sich die Infizierungen innert einer Woche verachtfacht. 120 Coronapatienten liegen im Spital, rund ein Drittel auf Intensivpflegestationen. Das Virus hat auch die politische Führung erreicht. Im Wallis und in Genf sind Regierungsräte am Coronavirus erkrankt. Auch den Genfer Kantonsarzt setzt das Virus ausser Gefecht. «Wir müssen entscheiden, ob wir die Menschen in den Tod oder in die Arbeitslosigkeit schicken», sagte die Waadtländer Regierungspräsidentin Nuria Gorrite am Mittwochabend in der RTS-Sendung «Infrarouge».

Vor kurzem hatte das noch ganz anders getönt. Corona sei wie jede andere Grippe, sagte Volkswirtschaftsdirektor Philippe Leuba (FDP) am 5. März in der Westschweizer «Tagesschau». Man nehme eine oder zwei Dafalgantabletten, und nach fünf Tagen sei die Sache vorbei.

Inspiriert von Macron

Noch vor einer Woche hatte die Waadtländer Regierung beschlossen, ihre Skigebiete offen zu halten. Auch der Lausanner Wochenmarkt, eine Grossveranstaltung, fand am Samstag statt. In den Gassen der Altstadt drängten sich Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen aller Generationen. Das am Mittwoch von den Regierungen in Genf und der Waadt verhängte Baustellenverbot kam nur dadurch zustande, weil die Bauarbeiter streikten.

Und nun also ein abrupter Sinneswandel. Seinen Ursprung hat dieser im Pariser Élysée-Palast. «Wir sind im Krieg!», rief Emmanuel Macron am Montag seinen Mitbürgern zu. Ein «confinement», eine Ausgangssperre, sei unumgänglich. Macron wirkte väterlich und selbstsicher. Die Machtfülle des französischen Präsidenten fasziniert jeden Westschweizer Politiker, auch Nuria Gorrite. Seit Mittwoch verlangt auch sie Repressionen, weil die Gesellschaft sich nicht an die Empfehlungen der Behörden halte. «Ich persönlich bin für eine Ausgangssperre», sagte Gorrite im Fernsehen. Ihre und andere Westschweizer Regierungen würden sich auch für eine Ausgangssperre aussprechen.

Ist das eine kulturelle Frage? Eine Frage des französischen Einflusses? Der besonderen Betroffenheit im Tessin?

Nicht nur. Auch in der Deutschschweiz gibt es immer mehr Leute, die statt auf die Vernunft lieber auf Verbote setzen würden. Weil es in unserer Individualgesellschaft nicht anders gehe. Weil die Leute es einfach nicht begreifen wollen.

Hashtag #AusgangsSperreJetzt

Noch immer seien die Schweizer Parks/Flussufer/Seepromenaden viel zu voll. Auf den sozialen Medien werden unzählige Bilder dieser Ansammlungen herumgereicht, Videoclips mit besonders ignoranten Mitbürgern. Hashtag staythefuckhome. Hashtag AusgangsSperreJetzt.

Tatsächlich sind in Schweizer Städten viele Leute draussen anzutreffen – was auch mit dem schönen Frühlingswetter zu tun hat. Das Amt für Statistik des Kantons Zürich hat eben Daten von Google Foot Traffic ausgewertet. Das ist jenes Tool, mit dem Google zum Beispiel angeben kann, wann ein Restaurant im Schnitt wie gut besucht ist. In dieser Woche wurde aufgrund dieser Daten festgestellt, dass die Josefswiese in Zürich in den vergangenen Tagen deutlich stärker besucht war als im Durchschnitt der letzten Wochen.

Social Distancing sieht anders aus: Auch am Zürcher Bellevue treffen sich Jugendliche in Gruppen. Foto: Andrea Zahler
Social Distancing sieht anders aus: Auch am Zürcher Bellevue treffen sich Jugendliche in Gruppen. Foto: Andrea Zahler

Auch das Rheinbord in Basel ist gut besucht. Über den Mittag und am Abend versammeln sich dort immer noch Gruppen, in einem gewissen Abstand zueinander, das ja, aber es sind immer noch zu viele. Es werde langsam besser, sagt Baschi Dürr, der Sicherheitsdirektor von Basel-Stadt. Die Polizei patrouilliert regelmässig, ihr Slogan: «Spazieren ja. Picknick nein». Man kontrolliere konsequent, mehr sei im Moment aber nicht nötig, sagt Dürr. «Nur weil man noch gewisse Anpassungen beim Umsetzen der jetzt schon drastischen Massnahmen vornehmen muss, braucht es nicht bereits eine weitere Drehung der Schraube.»

Dürr sieht eine gewisse Gefahr, dass die Forderung nach einer Ausgangssperre eine Eigendynamik erhält. «Wenn die Bevölkerung merkt, dass eine Situation auch mit rigorosen Massnahmen nicht sofort und zu hundert Prozent gelöst werden kann, dann sollen es halt noch rigorosere Massnahmen richten.» Dabei habe es die Bevölkerung selber in der Hand, dass es nicht soweit komme.

«Die Kollateralschäden sind zu gross. Für die Wirtschaft, für die Menschen.»

Baschi Dürr, Basler Sicherheitsdirektor zu einer möglichen Ausgangssperre

Der Sicherheitsdirektor und seine Regierungskollegen in Basel halten nichts von noch strengeren Regeln. Sie haben sich dezidiert gegen eine Ausgangssperre ausgesprochen. Die Kollateralschäden seien einfach zu gross. Für die Wirtschaft, die in einem solchen Fall völlig zum Erliegen käme. Und für die Menschen. Für die mentale Gesundheit der Gesellschaft – abseits des Virus.

In anderen Deutschschweizer Kantonen betrachtet man die Sache ähnlich. Reto Nause, der städtische Sicherheitsdirektor von Bern, sieht massive zusätzliche Schwierigkeiten auf sich zukommen. Kurz nach der Bekanntgabe der Urner Massnahme erhielt Nause Anrufe von Mitarbeitern, die ab sofort ihre Eltern in Uri unterstützen wollen. «Das zeigt deutlich: Es schafft neue Probleme.»

Nause will eine Ausgangssperre deshalb wenn immer möglich verhindern. Seine Furcht: Unmittelbar nach dem Verkünden einer solchen Sperre würden die Leute die Läden stürmen – Social Distancing wäre dann unmöglich. Die Situation der Randständigen und Drogensüchtigen, die heute schon schwierig ist, würde unerträglich. «Und eine solche Sperre hätte einen massiven Anstieg bei Fällen der häuslichen Gewalt zur Folge.»

Die schweizerische Art

In Bern wurde die Patrouillen-Präsenz der Polizei massiv verschärft, einige Parkanlagen sind bereits geschlossen, bei anderen überlegt man noch (in Basel-Stadt übrigens auch). In Zürich patrouilliert die Polizei mit Lautsprecher-Wagen, um zu grosse Gruppen auflösen. Mario Fehr, kantonaler Sicherheitsdirektor, vertraut auf die Vernunft der Menschen. Er ist am Donnerstagmorgen zu Fuss ins Büro gegangen und hat während der zwei Stunden Marsch niemanden gesehen, der sich nicht an die Massnahmen halten würde. «Der Bundesrat führt in dieser Lage hervorragend. Wir Kantone müssen ihn jetzt unterstützen – und nicht selber neue Regeln aufstellen.» Fehr ist zutiefst davon überzeugt, dass man durch diese Krise nur gemeinsam komme. Das sei die schweizerische Art – und nicht, wenn man es von oben verordnet bekomme.

Im Moment sieht es noch nicht danach aus. «Diesen letzten Ausweg streben wir nicht an, aber das muss der Bundesrat diskutieren», sagte Daniel Koch zu einer möglichen Ausgangssperre. Stand jetzt dürfte der Bundesrat keine Sperre beschliessen – das bestätigen zwei bundesratsnahe Quellen. Doch «Stand jetzt» ist in diesen Tagen leider nicht sehr viel wert.

Am Freitag wird erwartet, dass die Landesregierung weitere Einschränkungen kommuniziert (ein strengeres Versammlungsverbot, neue Regeln auf Baustellen) und dann das Wochenende abwartet und schaut, wie stark sich die Leute zusammenreissen. Für den Samstag, und das ist für einmal eine erfreuliche Nachricht, ist Regen angekündigt.

Zum Inhalt

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch